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Monheim will Anti-Rassismus-Stadt werden

Monheim : Monheim will Anti-Rassismus-Stadt werden

Der Koordinator für interkulturelle Bildung will den Blick schärfen für Vorteile von Vielfalt in einem Gemeinwesen.

Interkulturelle Bildung: Was ist das eigentlich?

Rhiel: Für uns ist es die Kompetenz, die es Menschen ermöglicht, gewinnbringend in einer vielfältigen Gesellschaft zu leben.  Wenn wir uns unsere Gesellschaft angucken, dann sehen wir vielfältige Lebensformen und Lebenserfahrungen. Dabei steht die ethnische Vielfalt gar nicht im Fokus. Verschiedenheit erleben wir heute zwischen den Generationen, zwischen Stadt und Land, es gibt verschiedene Konzepte von Familie… Es geht um die Frage, welche Haltung ich einnehmen muss, wenn ich nicht nur in der eigenen Blase leben möchte. Grundlegend ist, jedem Menschen mit einer Grundhaltung von Interesse gegenüber zu treten.  Man tritt ihm offen gegenüber und kategorisiert ihn nicht in eine Gruppe mit bestimmten Eigenschaften. Mir ist diese Grundhaltung wichtig: Interesse am gegenüber und seiner Geschichte zu haben.

Welche Aufgabe fällt Ihnen dabei zu?

Rhiel: Ich bin in die Entwicklung des Handlungskonzeptes involviert. Das entwickeln wir gemeinsam mit dem Institut Social Concepts der Hochschule  Niederrhein. Des Weiteren fragen wir uns, wie wir diese Grundhaltung mit Aktionen fördern können. Wir veranstalten zum Beispiel mit zahlreichen Akteuren die Interkulturelle Woche  vom 21. bis 29. September. In diesem Rahmen wird auch eine interreligiöse Radtour in Zusammenarbeit mit evangelischer und katholischer Gemeinde sowie den beiden Moscheevereinen stattfinden. Die VHS wird auf dem zweiten Bildungsweg ein zusätzliches Modul anbieten, das sich mit diesem Themenkomplex beschäftigt. Ein weiterer Baustein ist der Austausch mit unseren Partnerstädten. Mit Blick auf die städtischen Mitarbeiterwollen wir das Interesse unserer Azubis am Kennenlernen fördern, indem wir ihnen Praktika in den Rathäusern der Partnerstädte vermitteln.

Als Teil des Handlungskonzeptes Interkulturelle Bildung will die Stadt der „Europäischen Städtekoalition gegen Rassismus“ beitreten. Damit ist auch die „Bekämpfung von Rassismus und Diskriminierung in jeglicher Form“ verbunden. Gerade solche Begriffe wie „Rassismus“ oder „Diskriminierung“ lassen aber viel Interpretationsspielraum zu…

Rhiel: Viele reagieren auf das Wort Rassismus und Rassist allergisch, da machen viele die Schotten dicht, obwohl es recht treffend ein Phänomen beschreibt: Man kategorisiert Menschen als Teil einer Gruppe, meist nach Religion oder Herkunft, und schreibt ihr dann oft negative Eigenschaften zu. Diese Art zu denken passiert uns allen, weil es menschlich ist, zu vereinfachen und Gruppen gewisse Eigenschaften zuzuschreiben. Dies widerspricht aber unserem Wunsch, dass man das Interesse am Einzelnen in den Vordergrund stellt. Diskriminierung ist dann oft die direkte Folge von rassistischen Denkmustern, denn wer einer Gruppe zugeordnet wird, erleidet oft aufgrund dieser Zuschreibung Nachteile. Zum Beispiel kann man zeigen, dass Menschen mit ausländisch klingendem Namen trotz gleicher Qualifikation weniger zu Bewerbungsgesprächen eingeladen. Und das sollte in jeglicher Form bekämpft werden.

Was soll diese Mitgliedschaft der Stadt Monheim konkret bringen?

Rhiel: Die Städtekoalition ist eine Initiative der Unesco. Man verpflichtet sich zur Umsetzung eines 10-Punkte-Aktionsplanes, der zum Beispiel die Stadt verpflichtet,  sich aktiv für die Förderung gleicher Chancen einzusetzen.  Zu jedem Themenfeld sollten die Mitglieder eine Aktivität umsetzen. Es geht also um konkrete politische Maßnahmen. Außerdem setzten wir mit der Mitgliedschaft ein sichtbares Zeichen: Die Bekämpfung von Rassismus ist ein Thema, das uns am Herzen liegt.

Die kulturelle Vielfalt wird von städtischer Seite immer wieder als unbestreitbarer Gewinn für unsere Gesellschaft beschworen. Für den einen oder anderen ist es aber möglicherweise vor allem anstrengend…

Rhiel: Ja, das Interesse am Einzelnen ist nicht einfach, aber bereichernd. Wenn es darum geht, ein glücklicheres Leben zu führen, eröffnet die beschriebene Grundhaltung neue Perspektiven und Möglichkeiten. Wenn das von allein passieren würde, müsste man dafür nicht arbeiten, wäre meine Position überflüssig. Es geht auch nicht um eine Bringschuld, die wir „Deutschen“ gegenüber Zuwanderern hätten, sondern einfach um Verständnis. Es gibt rasante Veränderungen in der Gesellschaft, zu denen wir uns verhalten müssen, und wir wollen die Menschen ermuntern, sich die anderen anzugucken.

Im Bürgerforum zum Thema „Miteinander“ wird indes mehrfach darauf hingewiesen, dass es ja häufig die Migranten selber sind, sich durch ihre Weigerung, die deutsche Sprache zu lernen, separieren. Wie sollen Vorurteile abgebaut werden, wenn Versuche ins Gespräch zu kommen, wie bei der Zukunftswerkstatt, wenig fruchten?

Rhiel: Ich habe mit dieser Einschätzung ein Problem. Mein Eindruck ist, dass es beim Berliner Viertel zwei Perspektiven gibt. Die einen gucken von außen rein und finden es ganz schrecklich. Und es gibt die Stimmen aus dem Innern, die sind froh, dort zu wohnen.

Aber das ist ja kein Widerspruch. Man lebt glücklich inmitten seiner abgeschotteten Welt…

Rhiel: Aber das Viertel ist doch auch nicht homogen, sondern bunt gemischt. Natürlich ist der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund, die dort wohnen höher. Die sozialen Probleme sind ähnlich gelagert. Uns ist es deswegen wichtig, auch die Perspektiven aus dem Berliner Viertel in das Handlungskonzept einfließen zu lassen.

Und wie ?

Rhiel:  Wir machen das durch Beteiligungsstände. Wir werden uns auch ins Berliner Viertel stellen. Momentan finden Experteninterviews statt. Und es sind vier weitere Workshops nach den Sommerferien geplant. Und am Ende geht es darum, dass das Handlungskonzept, das im Frühjahr beschlossen werden soll, eine nachhaltige Wirkung entfaltet und nicht in irgendeiner Schublade verschwindet.