Monheim Corona-Schutzmaßnahmen „Corona hat für uns an Brisanz verloren“

Monheim · Hätte das Land nicht Auslegungshinweise für das Bundesinfektionsschutzgesetz ausgegeben, müssten die Bewohner von Pflegeheimen nahezu den ganzen Tag eine FFP2-Maske tragen. Dabei sind die durch die Impfung gut geschützt.

Nicht nur Mitarbeiter sondern auch Bewohner sollen laut Bundesgesetz dauerhaft FFP2-Maske tragen: Pflegedienstleiterin Michaela Kulik und Christel Schwinn (v. li.) vom Diakoniezentrum.

Nicht nur Mitarbeiter sondern auch Bewohner sollen laut Bundesgesetz dauerhaft FFP2-Maske tragen: Pflegedienstleiterin Michaela Kulik und Christel Schwinn (v. li.) vom Diakoniezentrum.

Foto: Matzerath, Ralph (rm-)

Seit dem 1. Oktober müssen Bewohner von Pflegeheimen grundsätzlich eine FFP2-Maske tragen, außer in den „für ihren dauerhaften Aufenthalt bestimmten Räumlichkeiten.“ Dies schreibt das Bundesinfektionsschutzgesetz vor. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte sich mit Vertretern der Pflegekassen und -verbände auf diese strenge Vorschrift geeinigt, „um die Sterblichkeit in den Einrichtungen dramatisch abzusenken“. Wenn alle Maßnahmen, wie etwa auch die vierte Impfung und auch die schnelle Nutzung des Medikamentes Paxlovid umgesetzt würden, „wären die Bewohner viel sicherer und besser geschützt sind als in der Vergangenheit“, erklärte er in einer Pressekonferenz am 6. Oktober.

„Das heißt, dass die Bewohner nur im eigenen Zimmer keine Maske tragen müssen. Ansonsten dauerhaft, obwohl das Heim ihr Zuhause ist“, erklärt Renate Zanjani, Sprecherin der Bergischen Diakonie Aprath mit zwei Pflegeheimen in Monheim und weist auch gleich auf ein Grundproblem hin: „Ein großer Teil unserer Bewohner wird dies nicht nachvollziehen und umsetzen können.“ Denn die hochbetagten Bewohner leiden in den meisten Fällen an fortgeschrittener Demenz. Für die ohnehin überlasteten Mitarbeiter bedeute dies einen enormen Mehraufwand, die heruntergerissenen Masken wieder zu richten, sagt Zanjani. Für das Wohlbehagen dieser am Ende ihres Lebens stehenden Menschen seien soziale Kontakte sehr wichtig, diese würden aber durch die Maske erschwert, weil jede genuschelte Äußerung hier auch noch auf altersbedingte Schwerhörigkeit treffe.

Auch die als Begründung angeführte Behauptung von einer Impflücke in den Pflegeheimen kann Renate Zanjani nicht nachvollziehen: „Bei uns läuft gerade die fünfte Impfkampagne an.“ Sie betont, dass die als Gamechanger gepriesene Impfung ja tatsächlich ihre Wirkung gezeigt habe: „Unsere infizierten Bewohner zeigen überwiegend milde Verläufe“. Selbst die erst im August abgeklungenen Sommerwelle habe keine höhere Sterblichkeit nach sich gezogen. „Das ist jetzt etwas völlig anderes als im Katastrophenwinter 20/21, als wir täglich Sterbefälle hatten.“

Auch Annette Zang, Sprecherin der CBT GmbH, die in Monheim das Peter-Hofer- und in Langenfeld das Haus Franziskus betreibt, sagt, dass das Thema Corona mit der Impfung „seine Brisanz verloren hat“. „Unsere Senioren erkranken nicht mehr schwer, sie haben oft nur leichte Symptome“, erklärt sie. Nur der Versorgungsaufwand erhöhe sich natürlich mit jeder Erkrankung. Nur bei Ausbrüchen müssten die betroffenen Bewohner eine Maske tragen, diese seien auch meist auf Hausgemeinschaften beschränkt und nach sechs Tagen überstanden. Auch Zang weist auf die geringe Alltagstauglichkeit der Maskenpflicht hin: „Den dementiell veränderten Menschen fehlt die Einsichtsfähigkeit, es ist praktisch unmöglich, sie zum ordnungsgemäßen Maskentragen anzuhalten.“ Sie fasst zusammen: „Das Impfen hat Corona den Schrecken genommen, der Umgang damit ist jetzt Routine.“

Auch dem NRW-Ministerium für Arbeit, Gesundheit, Soziales geht die im Bundesinfektionsschutzgesetz geforderte Maskenpflicht  zu weit. „Das Land kann aber nicht von der Bundesvorschrift abweichen“, sagt Daniela Hitzemann, Sprecherin des Kreises Mettmann. Das MAGS habe aber Auslegungshinweise gegeben und an alle Träger übermittelt. Demnach gehörten zu den privilegierten, also maskenfreien  Räumen nicht nur die Bewohnerzimmer sondern auch „alle regelmäßig zur täglichen Lebensgestaltung, etwa zur Essensaufnahme und für das soziale Miteinander, genutzten Räume“.

Im Sinne des Arbeitsschutzes, der regelmäßige Pausen beim Tragen von FFP2-Masken vorschreibt, hat das MAGS auch einen Auslegungshinweis für Mitarbeiter gegeben. Diese dürften bei medizinischen oder vergleichbaren Behandlungen auch OP-Masken anlegen.  Das Land habe bisher vergebens um eine Klärung des Gesetzes gebeten, so Hitzemann. Auch die Heimaufsicht im Kreis Mettmann habe gesagt, dass die Infektionszahlen zumindest im Moment diese Maskenpflicht nicht zwingend erforderlich machten.

Auch im Alloheim gilt, dass die Bewohner nur in den Räumen, die nicht dem dauerhaften Aufenthalt dienen, eine Maske tragen müssen. „Die Wohnbereiche sind also davon ausgenommen“, sagt Leiterin Caroline Heyde. „Unsere Bewohner sind in dieser Frage aber sehr sensibilisiert, sie tragen die Masken weiterhin zu ihrem eigenen Schutz.“ Der Unterschied zu anderen Pflegeheimen besteht hier darin, dass viele der Bewohner zwischen 18 und 63 Jahre alt sind. Sie können eigenverantwortlich handeln. Da sie aber – anders als die Hochbetagten – noch mobil seien, habe sie empfohlen, außerhalb der Einrichtung unbedingt eine Maske zu tragen, um Vireneinträge ins Heim zu verhindern. Dafür würden auch Masken ausgegeben. „Wir können es aber nicht kontrollieren“, sagt Heyde. Nachdem der Sommer ruhig war, gebe es seit zwei, drei Wochen wieder Fälle von Infektionen. Für die Heimleiterin fallen daher eher die verschärften  Quarantäneregeln für Mitarbeiter ins Gewicht: Das Gesundheitsamt habe vorgegeben, dass ein Negativtest nicht ausreiche, erkrankte Mitarbeiter müssten einen CT-Wert über 30 vorweisen, damit sie wieder arbeiten dürfen. „Sie sind damit länger außer Dienst“, so Heyde.

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