Langenfeld/Monheim: Lehren aus "Winnenden"

Langenfeld/Monheim: Lehren aus "Winnenden"

Nächste Woche jährt sich der Amoklauf zum ersten Mal. Heimische Schulleiter berichten, was sich seit dem 11. März 2009 verändert hat. "Wir sind wachsamer gegenüber Fehlentwicklungen geworden."

Die Klassenräume sind jetzt auch von innen beschildert. "So können Schüler und Lehrer, die sich im Falle eines Amoklaufs eingeschlossen haben, über Handy ohne möglicherweise missverständliche Erklärungen ihren Aufenthaltsort mitteilen", nennt Rolf Schlierkamp, Rektor der katholischen Metzmacher-Hauptschule in Langenfeld, eine der Konsequenzen aus "Winnenden", dem Amoklauf, bei dem ein 17-Jähriger vor einem Jahr 15 Menschen, überwiegend Schüler und Lehrer, und anschließend sich selbst erschoss.

Wichtiger als die landesweit verordneten Notfall-Vorkehrungen, zu denen etwa auch die Vereinbarung eines Alarm-Kennworts gehört, hält Schlierkamp indes ein Schulklima, das Hass und Gewalt keinen Raum bietet. "Die Verrohung fängt bei der Sprache an. Beleidigende Ausdrücke werden von vielen Jugendlichen als solche nicht mehr wahrgenommen – wir achten darauf, dass unsere Schüler ordentlich sprechen." In Sportprojekten die Persönlichkeit stärken, in Einkehrtagen den Blick für den anderen schärfen, das strikte Klassenlehrer-Prinzip – all das vermindert in den Augen Schlierkamps die Gefahr, dass sich frustrierte Schüler von ihrer Umwelt abkapseln und aus ihren Gewaltfantasien nicht mehr hinausfinden, weil niemand ihre prekäre Lage bemerkt.

"Eltern sollen sich einmischen"

Fachkräfte für "schwierige Fälle" sind Sozialpädagogen. "Anders als wir Lehrer müssen sie die Schüler nicht bewerten, können die Schüler sich ihnen ganz anders öffnen", sagt Anne Ackers-Weiss, Leiterin der Bettine-von-Arnim-Gesamtschule in Richrath. Ihre speziell ausgebildeten Kollegen besetzen anderthalb Stellen – bei 107 Lehrern und 1300 Schülern.

  • Fotos : Große Trauerfeier in Winnenden

"Wir alle sind seit Winnenden insgesamt wachsamer geworden, was mögliche Fehlentwicklungen angeht", betont die Schulleiterin und nennt ein Beispiel: "In einem Brief an die Eltern habe ich geschrieben: Mischen Sie sich ein, wenn Ihre Kinder vor dem Computer sitzen!"

Denn wer ständig stundenlang an der Konsole spielt – das hat erst jetzt wieder eine US-Studie bestätigt –, der isoliert sich, von den Eltern und noch mehr von den Altersgenossen. Allerdings sieht Ackers-Weiss in der Beobachtung von Einzelgängern auch einen "Drahtseilakt zwischen Wachsamkeit und Denunziation" – nämlich solcher Schüler, die einfach nur weniger stromlinienförmig sind als andere.

Und die womöglich ohnehin schon Opfer von "Mobbing" sind. "Bei diesem Signalwort sind wir inzwischen schneller alarmiert als früher", hat Norbert Erven, Leiter der Lise-Meitner-Realschule in Monheim, beobachtet. Eine weitere Konsequenz aus "Winnenden": "Wir entlassen gescheiterte Schüler nicht mehr einfach so". Gespräche mit den Betroffenen, auch in Zusammenarbeit mit der städtischen Jugendarbeit, sollen laut Erven verhindern, dass die an eine andere Schule Verwiesenen in ein "tiefes Loch fallen" und sie ihre alte Schule zu hassen beginnen.

(RP)