Langenfelder filmt gegen das „Feindbild RWE“

Klima-Streit : Langenfelder filmt gegen das „Feindbild RWE“

„RWE ist böse, ab in die Fritteuse“, rufen Klimaschutz-Aktivisten. Ein Pensionär des Energiekonzerns hält auf YouTube dagegen.

Herr Roßmann, Sie werfen der „Fridays for Future“-Bewegung vor, einem Feindbild zu folgen. Welchem?

Roßmann In erster Linie ist RWE als wohl größter Kohleverstromer zum Feindbild dieser jugendlichen Umweltakivisten geworden. Die Art und Weise, wie sie ihre Proteste zum Ausdruck bringen, ist für mich in keiner Weise akzeptabel. Als Beispiel nenne ich hier nur die Aktionen am 1. Mai in Bielefeld und kürzlich vor der Essener Grugahalle im Umfeld der RWE-Hauptversammlung. Schreie wie „RWE raus“ oder „RWE ist böse, ab in die Fritteuse“ schüren Hass und und Unruhe. Wie sich Familienväter, die im Braunkohlerevier arbeiten, um ihre Familien zu ernähren, sich bei solchen Hetzparolen fühlen, erfuhr ich bei meinen Dreharbeiten für eine Dokumentarfilmserie über die Tagebaue Hambach und Inden. Als wenn sie nicht schon genug durch die illegalen Waldbesetzer im Hambacher Forst und deren kriminellen Handlungen genervt würden.

Braunkohlebagger im Tagebau Inden. Foto: RP/Wolfgang Roßmann

Sie haben selber jahrzehntelang für RWE gearbeitet, leben jetzt von Ihrer RWE-Pension. Wes Brot ich ess, des Lied ich sing ...

Roßmann Als Pensionär bestehen keinerlei Abhängigkeiten gegen über „meinem“ RWE. Wir stehen jedoch als ehmalige RWEer im ständigen Kontakt mit Kollegen im aktiven Dienst und wundern uns wie sie, dass unser Energieversorger so extrem im Fokus der Kritik steht. Wir diskutieren auch immer wieder über den damaligen panikartigen Ausstieg aus der Kernenergie. Als langjähriger Amateur-Dokufilmer sehe ich eine wichtige Aufgabe darin, zu zeigen, wie es im rheinischen Braunkohlerevier tatsächlich aussieht.

Golfplatz nach der Rekultivierung. Foto: RP/Wolfgang Roßmann

Was ist in Ihren Filmen auf YouTube zu sehen?

Roßmann In der Kurzfilmserie beschreibe ich besonders laufende Umsiedlungsmaßnahmen und die beispielhaften Rekultivierungsarbeiten, die jeweils sofort nach dem Verlassen eines Auskohlungsgebietes fortgesetzt werden. Entgegen Behauptungen von Bürgern, die nie vor Ort waren, hinterlässt das RWE dort keine Mondlandschaften. Die Rekultivierung ehemaliger Tagebaubereiche gilt auch in der Fachwelt als vorbildlich wegen ihrer Artenvielfalt, ihrer Seen und ihrer Wälder. Diese neuen Erholungsgebiete werden nicht nur von den Menschen in der Region geschätzt.

Haben Sie noch weitere Filme, auch „politische“, im Angebot?

Roßmann Filmen ist seit Jahrzehnten mein Hobby. Auf meinen YouTube-Kanälen finden sich mehr als 300 Filme. Die Themen sind breitgefächert, von Dokus über die Ereignisse in der Ostsee-Region zur Zeit der DDR über Landschaftsbeschreibungen bis hin zu Szenen aus Gladbeck und seit 2014 auch aus Langenfeld. Einige längere Filme über die Region stehen in der Stadtbücherei Langenfeld zur Entleihe bereit.

Mit welcher Ausrüstung arbeiten Sie?

Roßmann Meine Filmerei begann 1960 mit einer Super8-Stummfilmkamera, einer Nizo von Braun, und ging dann später weiter mit einer VHS-Schulterkamera von Sony bis hin zur halbprofessionellen mit Mini-DV-Kassetten. Nach unserem Umzug nach Langenfeld wollte ich die Filmerei eigentlich aufgeben und verkaufte meine nicht gerade billige Ausrüstung zum Schleuderpreis. Doch ich konnte nicht ganz loslassen und filme nun weiter mit einer Digital-Videokamera, die aber einige Nummern kleiner ist.

Wie teuer ist so etwas?

Roßmann Es hält sich im Rahmen. Eine Dauerkarte „Auf Schalke“ wäre teurer.

Hatten Sie schon einmal Ärger wegen eines Films?

Roßmann Ja. Dabei ging es um die Beschreibung des Klützer Winkels und des Ostseebads Boltenhagen zur Zeit der DDR und nach 1989. Es war eine Produktion für die Kurverwaltung und richtete sich „gegen das Vergessen“. Alte Seilschaften und Ewiggestrige, die es übrigens noch heute dort gibt, waren von der Beschreibung ihrer Taten zu DDR-Zeiten wenig begeistert. Bekanntlich war die Gegend rund um Boltenhagen, damals Bad der Werktätigen, häufig Ausgangspunkt von Fluchtversuchen über die Osteee nach Dänemark.

Womit wir in Skandinavien wären: Greta in excelsis deo! Haben Sie keine Angst, sich bei der Klima-Jugend und ihren erwachsenen Fans unbeliebt zu machen?

Roßmann Absolut nein – ich versuche nach wie vor die Lage in den rheinischen Braunkohlegebieten so zu dokumentieren, wie sie ist. Ich bin zuversichtlich, dass man nun nach den Zusagen des RWE zum Thema CO2-Reduktion und dem weiteren Einstieg in die erneuerbaren Energien zu der Einsicht gelangt, dass Wünsche nicht heute und sofort in Erfüllung gehen können. Der Weg bis zum Ende der Braunkohleverstromung ist ganz sicher noch weit.

Klingt nicht gerade nach Energiewende-Euphorie?

Roßmann Natürlich bin ich für einen vorsichtigen Einstieg in die auch aus meiner Sicht notwendige Energiewende. Natürlich muss es ein Ende der Stromerzeugung mit Braunkohle geben. Doch wie es viele Heißsporne in der Szene der Klimaaktivisten fordern, jetzt und sofort, das geht nun mal gar nicht. Das Ganze muss in gut geplanten Schritten erfolgen. Schließlich stehen auch zigtausend Arbeitsplätze auf dem Spiel. Die gesamte Infrastruktur muss zunächst bis zum Abschalten des letzten Kraftwerks erneuert werden. Viele Bürgermeister in den betroffenen Dörfern, Gemeinden und Städten treibt die Angst um, zum Armenhaus der Niederrhein-Region zu werden. Das scheint den Eltern, Pädagogen und den demonstrierenden Schülern überhaupt nicht bewusst zu sein. Ich für meinen Teil versuche, auch einen kleinen Beitrag für den Schutz unserer Umwelt zu leisten. Auf meiner Scholle habe ich ein kleines Paradies für Wildbienen und andere Insekten geschaffen – Motto: „Langenfeld summt“.

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