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Langenfeld / Solingen: Wenzelnberg-Massaker: Lebte der Haupttäter weiter?

Es geschah am 13. April 1945 : Wenzelnberg-Massaker: Lebte der Haupttäter unter falscher Identität weiter?

Drei Tage vor Einmarsch der Amerikaner in Langenfeld ermordete die Gestapo 71 Häftlinge. Eine Frage wird immer drängender: Wo verblieb SS-Hauptsturmführer Goeke?

Die Massenexekution dauert mindestens eine Stunde. Mit Lastwagen wurden die 71 Männer in den frühen Morgenstunden dieses 13. April 1945 in die Sandschlucht am Wenzelnberg gebracht. Wenige Tage zuvor mussten ausländische Zwangsarbeiter dort eine Grube ausheben. Jeweils zwei Gefangene werden an den Daumen zusammengebunden. Dann paarweise von den Gestapo-Beamten zu der Sandgrube getrieben und durch Genickschuss getötet. Einige Wiescheider werden später von dem „Schießen und Schreien“ berichten, das aus dem nahen Wald zu ihnen drang, während nicht weit entfernt bereits die amerikanischen Artillerie donnerte.

75 Jahre später erinnert ein steinernes Mahnmal an den Massenmord vom Wenzelnberg drei Tage vor Einmarsch der 97. US-Infanterie-Division in Langenfeld. 1954 eingeweiht, dient es seit 1965 auch als Grabstein auf dem Friedhof der Gemeuchelten. 30 örtlich bekannte NSDAP-Mitglieder hatten die 71 Leichen am 30. April 1945, 17 Tage nach der Tat, auf Anordnung der amerikanischen Besatzer ausgraben müssen, ehe sie tags darauf vor dem Rathaus in Ohligs beigesetzt und im Januar 1965 zum Ort ihrer Ermordung umgebettet wurden.

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Seit 15 Jahren informiert ein Schaukasten-Aushang am Mahnmal über Einzelheiten des Massenmords. Diese „Chronik zum Geschehen am Wenzelnberg“ beginnt mit einem Telegramm, das das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) am 24. Januar 1945 an die Leiter der Gestapo-Stellen in Düsseldorf, Münster, Dortmund und Köln sandte: „Die gegenwärtige Gesamtlage wird Elemente unter den ausländischen Arbeitern und auch ehemalige deutsche Kommunisten veranlassen, sich umstürzlerisch zu betätigen ... Es ist in allen sich zeigenden Fällen sofort und brutal zuzuschlagen. Die Betreffenden sind zu vernichten.“

 General Model gab den Befehl zu der „sicherheitspolizeilichen Überprüfung“ der Gefangenen.
General Model gab den Befehl zu der „sicherheitspolizeilichen Überprüfung“ der Gefangenen. Foto: RP/Stadtarchiv Langenfeld

Nach der Rheinquerung der Amerikaner bei Remagen und der Schließung des „Ruhrkessels“ im März/April 1945 stand der militärische Zusammenbruch des Reiches im Westen unmittelbar bevor. In dieser Lage erlässt der Oberste Befehlshaber der Heeresgruppe B, Generalfeldmarschall Walter Model, aufgrund der erwähnten Anweisung des Reichssicherheitshauptamts den Tagesbefehl (7. April 1945), „Zuchtgefangene, die in den innerhalb der vom Feind eingeschlossenen Gebiete befindlichen Strafanstalten einsitzen, ... der Sicherheitspolizei zur sicherheitspolizeilichen Überprüfung zu übergeben.“

Der Vernichtungsapparat der NS-„Sicherheitsorgane“ funktioniert, dank williger Vollstrecker wie General Model, selbst mitten im Zusammenbruch noch, ja, die Maschinerie geht in ihren letzten Wochen und Monaten über zu einer „enthegten Bestialität“ (so der Düsseldorfer Historiker Bernd-A. Rusinek).

Während das normale Volk im rechtsrheinischen Teil von Köln, in Leverkusen und den Gemeinden nördlich davon damit beschäftigt ist, die täglich näherrückende Front und damit das Kriegsende im eigenen Heimatort zu überleben, gibt SS-Obersturmgruppenführer Guttenberg den Model-Befehl an die Gestapo-Leiter in Wuppertal und Düsseldorf weiter. Am 10. April erscheinen vier Gestapo-Beamte bei Regierungsrat Dr. Engelhardt, dem Leiter des Zuchthauses Remscheid-Lüttringhausen und verlangen die „sicherheitspolizeiliche Überprüfung“ der offiziell 500 einsitzenden Gefangenen. Engelhardt, aus christlicher Überzeugung ein Gegner der Todesstrafe und erst recht von Willkürmorden, die das Potential von „Aufständischen“ dezimieren sollen, gelingt es durch List und Verzögerungstaktik, die Zahl der Auszuliefernden auf schließlich 61 herunterzudrücken.

 Jurist, Kripobeamter, SS-Mann: Theodor Goeke (1911-?) leitete das Exekutionskommando.
Jurist, Kripobeamter, SS-Mann: Theodor Goeke (1911-?) leitete das Exekutionskommando. Foto: Landesarchiv NRW

Einem Häftling gelingt die Flucht. Die anderen 60 werden am 12. April 1945 in zwei geschlossenen Lastern nach Wuppertal gebracht und tags darauf zusammen mit einigen weiteren Inhaftierten aus dem Gefängnis Wuppertal-Ronsdorf und dem Untersuchungsgefängnis Wuppertal-Bendahl sowie mit drei später nicht Identifizierten am Wenzelnberg erschossen.

Juristisch gesühnt werden die Morde nie. 1981 schloss die Staatsanwaltschaft Wuppertal die Akte Wenzelnberg: Ein der Mittäterschaft beschuldigter SS-Standartenführer beging 1961 im Gefängnis Selbstmord. Model, einer der ergebensten Wehrmachtsgenerale Hitlers und schwerer Kriegsverbrechen im Osten beschuldigt, hatte sich bereits am 21. April im Spee’schen Wald bei (Ratingen-)Lintorf erschossen. Weiterer Beschuldigter konnten die Ermittlungsbehörden nach eigenem Bekunden nicht habhaft werden.

 Friedrich Karst war als Kripo-Beamter an dem Massaker beteiligt. Von 1946 bis 48 leitete er das LKA NRW.
Friedrich Karst war als Kripo-Beamter an dem Massaker beteiligt. Von 1946 bis 48 leitete er das LKA NRW. Foto: BKA

Und der mutmaßliche Leiter des Exekutionskommandos, der damals 33-jährige studierte Jurist und SS-Hauptsturmführer Theodor Goeke? Galt offiziell als vermisst. Allerdings hegt der Wuppertaler Historiker Stephan Stracke Zweifel an der Version, die Goekes Ehefrau Elisabeth dem Landeskriminalamt 1965 auftischte, als dieses gegen den Vermissten ermittelte. Und zwar wegen Judenerschießungen des Einsatzkommandos 9 (EK9) im Herbst 1941 im weißrussischen Witebsk. Das EK 9 ermordete zwischen Juni 1941 und Februar 1943 mindestens 42.522 Menschen, Goeke soll an den Verbrechen beteiligt gewesen sein.

Seine Frau erklärte 1965, ihr Mann – in ihren Augen ein normaler Kripo-Beamter – sei am 14. März 1945, also einen Monat vor dem Wenzelnberg-Massaker, aus Wuppertal verschwunden. Zugleich führte sie die LKA-Ermittler auf die Spur zu einem Freund der Familie im sauerländischen Neheim-Hüsten. Der wiederum behauptete, Goeke sei auf seinem Hof von den einrückenden Amerikanern – zufällig etwa am Tag des Wenzelnberg-Massakers – inhaftiert und wenig später befreiten polnischen Zwangsarbeitern übergeben worden. Die sollen Goeke dann erschossen haben, zusammen mit polnischen und/oder russischen Kollaborateuren und einem weiteren Deutschen. 1949 wurden fünf Tote, bei denen es sich um besagte Erschossene von Ende April/Anfang Mai 1945 handeln soll, in ein Massengrab mit insgesamt 22 Leichen auf einem Friedhof bei Neheim umgebettet. Dieses Grab ist laut Historiker Stracke bekannt. 2016 schaltete der Forscher, der den Fall Goeke im Zusammenhang mit dem Wenzelnberg-Massaker in einem Sammelband über nationalsozialistische Endphaseverbrechen im Bergischen Land ausführlich darstellte („In letzter Minute“, 2014), die Zentralstelle für die Bearbeitung von NS-Massenverbrechen in Dortmund ein, um per DNA-Probe ermitteln zu lassen, ob sich Goekes Leiche in dem Grab bei Neheim befindet.

Das Problem: Man muss Kinder oder Enkel Goekes ausfindig machen und diese müssen einem DNA-Abgleich zustimmen. Getan hat sich in dieser Hinsicht bisher aber nichts. Dabei gibt es für die zuständige Staatsanwaltschaft nach Überzeugung Strackes mindestens zwei Gründen, erneut zu ermitteln: Erstens wäre die „wilde“ Erschießung der Fünf von Neheim-Hüsten ein Kriegsverbrechen („Mord verjährt nicht“). Und zweitens waren die früheren Ermittlungen nach den Erkenntnissen des Historikers schludrig. Schon im ersten Verfahren gegen Goeke 1948 sei eine offensichtliche Falschaussage seiner Ehefrau unbeanstandet geblieben. Und bei der Umbettung der fünf Toten von Neheim-Hüsten wurden ihre Maße, Bekleidung etc. laut LKA-Bericht von 1965 „nicht notiert“. Hinzu kommen weitere Ungereimtheiten: „US-Soldaten sollen Inhaftierte an polnische Zivilisten im Sauerland gleichsam zur Erschießung übergeben haben?“, fragte Stracke bereits 2016. „Das halte ich für nicht ausgeschlossen, aber doch für eher unwahrscheinlich.“ Ebenso möglich ist ein anderes Schicksal Goekes. Oder auch, dass sich sein Umfeld die Sauerland-Geschichte nur ausgedacht hat, damit der SS-Mann untertauchen und unter falscher Identität unbehelligt weiterleben konnte.

Die schludrigen Ermittlungen 1948 machen noch misstrauischer, wenn man bedenkt, dass der erste Chef des LKA, Behördenleiter von 1946 bis 1948, als Kripo-Beamter ebenfalls an dem Wenzelnberg-Massaker beteiligt war. Dies wurde erst im Dezember 2019 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, durch ein vom LKA in Auftrag gegebenes Gutachten des Münsteraner Historikers Martin Hölzl zur NS-Vergangenheit der Behördenchefs. Demnach führte Friedrich Karst, 1891 in Barmen geboren, Gefangene am Wenzelnberg in die Nähe des ausgehobenen Massengrabs und half später beim Zuschaufeln. Dies gab der LKA-Chef in einer „dienstlichen Äußerung“ zu Protokoll. Anlass war das Verfahren wegen Mordes, Beihilfe zum Mord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das die Staatsanwaltschaft Wuppertal seit 1948 wegen des Wenzelnberg-Massakers führte. Aus heutiger Sicht rätselhaft: Der LKA-Chef wurde nicht zur Sache vernommen. Karst hatte der Gestapo nach eigenem Bekunden am Wenzelnberg erklärt, für „Erschießungen sei er nicht zu haben“. Die Mittäterschaft ohne Waffe begründete er mit dem „Befehlsnotstand“ – eine damals verbreitete Schutzbehauptung von in NS-Verbrechen Verstrickten. Mit einer Befehlsverweigerung – so das umstrittene Argument – hätten sie ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt. Für Historiker Stracke ist die Beteiligung des späteren LKA-Chefs am Wenzelnberg-Massaker ein weiteres Argument, die Sauerland-Geschichte über SS-Hauptsturmführer Goeke zu überprüfen: „Aus Sicht der Mittäter ist es immer gut, wenn der Hauptverdächtige tot oder verschwunden ist“, sagt Stracke mit Blick auf die „Mär vom Befehlsnotstand“, mit der sich die am Verbrechen Beteiligten der späteren Verurteilung entzogen, dank überwiegend täterfreundlicher deutscher Nachkriegsjuristen.

Wie auch immer: Die Staatsanwaltschaft stellte das erste Wenzelnberg-Verfahren 1949 ein. Somit ging Karst, zu diesem Zeitpunkt „nur“ noch Vize-Chef des LKA, straffrei aus. 1954 ging Karst in den Ruhestand. Er starb 1973. Bei der Vorstellung des Gutachtens, das auch seinen drei Nachfolgern an der Spitze des LKA eine Beteiligung an NS-Verbrechen nachwies, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul: „Aus heutiger Sicht hätten sie niemals mehr als Polizisten arbeiten dürfen.“