Langenfeld Selbsthilfe-Gruppen im Kreis Mettmann

Interview : „Wir vermitteln an 135 Selbsthilfe-Gruppen“

Der Austausch mit Menschen, die dasselbe Problem haben, tut oft gut. Die Selbsthilfe-Kontaktstelle des Kreises Mettmann hat den Überblick.

Angststörungen, Magersucht, Panikattacken – die Themen von Selbsthilfegruppen ziehen, oberflächlich betrachtet, ziemlich runter. Warum sind sie so wichtig?

Koschack Das Ziel von Selbsthilfegruppen ist es, den diversen Diagnosen wie Angsterkrankungen, Depressionen oder Essstörungen den Schrecken zu nehmen. Dies kann man durch den Austausch mit anderen Betroffenen oder Angehörigen erreichen. Die einzelne betroffene Person fühlt sich nicht mehr allein, und die Teilnehmenden können sich gegenseitig Mut und Kraft geben. Zugleich kann man gemeinsam neue Wege im Umgang mit einer Erkrankung oder einem sozialen Problem entdecken und ausprobieren. Diese gegenseitige Stärkung ist der Grundgedanke von gemeinschaftlicher Selbsthilfe.

Laut Ihrem Jahresbericht 2018 sind bei Ihnen für den Kreis Mettmann 135 Selbsthilfegruppen zu etwa 45 Themengebieten registriert. Wo liegt der Schwerpunkt?


Koschack
Die drei großen Themenschwerpunkte umfassen chronische Erkrankungen, wie zum Beispiel Krebs, Parkinson, Fibromyalgie sowie Behinderungen. Auf dem Thema Sucht liegt der zweite Schwerpunkt. Dazu gibt es 29 uns bekannte Selbsthilfegruppen im Kreis Mettmann. Der dritte große Bereich umfasst Psychische Erkrankungen, Dabei ist die Diagnose Depression in Form einer Selbsthilfegruppe am meisten im Kreis vertreten.

Gibt es auch Gruppen, die die Registrierung bei Ihnen ablehnen?

Koschack Die Registrierung wird in der Regel nicht abgelehnt. Es kommt jedoch vor, dass einige Gruppen erst etwas später den Weg zu uns finden, da ihnen nicht bekannt ist, dass wir als kreisweiter Ansprechpartner für die Selbsthilfegruppen da sind. Umso wichtiger ist es, dass die Arbeit der Selbsthilfe-Kontaktstelle weiter bekannt gemacht und verbreitet wird. Da wir zudem auch Fortbildungsangebote für die Gruppen organisieren sowie bei der Öffentlichkeitsarbeit unterstützen, werden wir von den Selbsthilfegruppen als Begleiter wahrgenommen.

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Was ist seit 2018 hinzugekommen?

Koschack Wir haben 2018 vor allem Selbsthilfegruppen im Bereich der chronischen Erkrankungen hinzugewonnen, zum Beispiel zu Diabetes, Adipositas sowie ALS (amyotrophe Lateralsklerose). Jetzt für April war die erste Gruppensitzung zum Thema „Angehörige von Menschen mit Messie-Syndrom“ angesetzt. Für dieses Treffen hatten wir auch schon früh einige Anmeldungen erhalten. Manchmal entsteht der Eindruck, dass es Betroffenen mit einer psychischen Erkrankungen schwerer fällt, den Schritt einer Gruppengründung zu gehen – eventuell weil die Tabu- und Schamgrenzen zu hoch sind. Diese Sorgen möchten wir Betroffenen oder Angehörigen gerne nehmen.

Zwei von drei Anfragen an die Selbsthilfe-Kontaktstelle kommen von Frauen. Haben Männer weniger Probleme, die sie besprechen müssten?

Koschack Nein, das wohl nicht. Aber die Bereitschaft, sich Hilfe zu suchen und sich in einer Gruppe über das eigene innere Erleben auszutauschen, ist eventuell bei Frauen höher. Aber ich denke und hoffe, dass sich dieses Ungleichgewicht immer weiter abbaut. Denn die Wirksamkeit von Selbsthilfe als wichtige Ergänzung spricht sich immer weiter herum – auch unter Männern.

Gibt es Hemmschwellen, sich an eine Selbsthilfegruppe zu wenden?

Koschack Anfangs vielleicht schon, aber wenn der Leidensdruck oder das Gefühl des Alleinseins hoch ist, entsteht die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Und eine Wahrung von gewisser Anonymität ist auch in einer Selbsthilfegruppe möglich. Niemand ist gezwungen, etwas preiszugeben, was die- oder derjenige nicht möchte. Selbsthilfe bedeutet auch Freiwilligkeit. Das ist ein wichtiger Grundgedanke.

Wie sieht die Arbeit Ihrer Kontaktstelle aus?

Koschack Unsere Kontaktstelle ist durch zwei Mitarbeiterinnen in der Beratung besetzt. Eine Kollegin in der Verwaltung vervollständigt das Team. Wir unterstützen sowohl die vorhandenen Selbsthilfegruppen im Kreis Mettmann bei ihrem täglichen ehrenamtlichen Engagement als auch die Bürger im Kreis Mettmann auf ihrer Suche nach Selbsthilfegruppen. Wir möchten die Idee der Selbsthilfe etablieren.

Haben Sie Kooperationspartner?

Koschack Da wir neben der Vermittlung in Selbsthilfegruppen auch bei Bedarf auf professionelle Unterstützungsmöglichkeiten verweisen, haben wir auch viele fachliche Kooperationspartner. Vernetzung und Kooperation ist aber darüber hinaus in jedem Bereich der sozialen Arbeit wichtig, da man so am besten an gemeinsamen Zielen arbeiten und diese auch erreichen kann.

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