Langenfeld Kampfsport-Meister Böhlig über Motivation

Interview : „Kampfsport motiviert fürs Leben“

Der Langenfelder Wing-Tsjun-Meister über Polizeilehrgänge, Personenschutz und sein neues Vortragsprogramm.

Herr Böhlig, Sie haben nach der Schule Ihre Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann abgebrochen. Warum?

Böhlig Ich war in der Schule sehr glücklich, war Schülersprecher, habe die Theatergruppe mit geleitet, war in der Schulband. Dann bin ich in diese Ausbildung rein und von Anfang an komplett abgestürzt. Ich hatte kein Interesse daran, tagelang vor diesem blöden Lesegerät zu sitzen und irgendwelche Barcodes einzuscannen. Auch von der Berufsschule kam ich teilweise mit Tränen in den Augen nach Hause und war kreuzunglücklich.

Ihr Kampfkunstlehrer motivierte Sie dazu, Wing-Tsjun-Trainer zu werden.

Böhlig Er hat mir eine andere Perspektive aufgezeigt – dass ich die Kampfkunst, die ich seit Jahren trainiere, auch hauptberuflich betreiben könne. Er war auf der Suche nach jemanden, der eine Gruppe in Leichlingen übernahm. Nach dem Treffen mit ihm kam der schwere Teil: Ich musste meinen Eltern erklären, dass sich die Ausbildung gegessen hatte.

Wie haben sie reagiert?

Böhlig Meine Eltern – mein Vater war leitender kaufmännischer Angestellter, meine Mutter Bilanzbuchhalterin beim Steuerberater – haben die Hände überm Kopf zusammengeschlagen. Kampfkunst? Muss das sein? Das ist nur etwas für Rowdys, die sich hauen. Sie wussten nicht von dem moralischen Werteaspekt, der in Kampfkünsten tief verwurzelt ist. Dass man damit Geld verdienen und sich eine Existenz aufbauen kann, war damals ein absolutes Novum.

Und was sagen Ihre Eltern heute?

Böhlig Die arbeiten beide für den Verband (lacht). Mein Vater arbeitet im Shop, meine Mutter macht die Buchhaltung. Sie haben mir immer geholfen.

Wie sind Sie überhaupt auf Wing-Tsjun gestoßen?

Böhlig Kampfkunst fand ich schon immer toll. Mit vier Jahren habe ich mit Judo angefangen. Das hat mir aber nicht gefallen. Ich wollte mich nicht auf dem Boden herumrollen, sondern schlagen und treten und hohe Sprünge machen. Dann kamen damals die Kampfsportfilme hoch – Bruce Lee und Jean Claude Van Damme. Bruce Lee beeindruckte mich am meisten. Also habe ich mit Karate angefangen. Erst später wurde mir klar, dass Bruce Lee kein Karate, sondern Kung Fu machte. Mit 15 Jahren hat ein Freund von mir ein Plakat entdeckt, auf dem stand: „Lernen Sie die Basis von Bruce Lees Kampfstil –  Lernen Sie Wing-Tsjun“. Das war es dann.

Was beinhaltet ein Wing-Tsjun-Studium?

Böhlig Es dauert mindestens 15 bis 20 Jahre, um es bis zum Wing-Tsjun-Meister zu bringen. Ich habe 1991 damit angefangen, Meister bin ich erst 2005 geworden. Eine klassische Universität dafür gibt es nicht – das ist kein staatlich anerkannter Beruf. Ich habe später, als ich einige Schulen aufgebaut hatte, einen Ausbilderschein von der IHK zugesprochen bekommen, um Sport- und Fitnesskaufleute auszubilden. Ich hatte diverse Trainingsstätten, habe viel in und um Langenfeld und in den USA trainiert. Die meiste Zeit war ich jedoch auf Schloss Langenzell in Heidelberg, wo acht Stunden am Tag, sieben Tage die Woche nichts anderes gemacht wurde, als diese Kampfkunst zu trainieren.

Sie trainieren die brasilianische Sicherheitspolizei. Wie kam es dazu?

Böhlig Einer unserer Assistenztrainer unserer Schule in Brasilien ist Ausbilder der B.O.P.E., das ist ein Geiselbefreiungsteam, eine Spezialeinheit der Militärpolizei. Als ich in Brasilien war, lud er mich für einen Lehrgang ein. Für mich war ganz interessant, dass die Teilnehmer alle Schwarzgurte irgendwelcher Kampfsportarten waren. Beim Wing-Tsjun geht es um Kampflogik, also nicht um Fairness, sondern darum, sich so direkt, brutal und schnell wie möglich zu wehren. Ähnlich auch mit der Polizeiakademie in Colombo in Sri Lanka. Dort trainieren wir die Offiziere, die es an ihre Kadetten weiterverbreiten. Jeder, der in Sri Lanka Polizeibeamter werden will, muss unser Programm durchlaufen.

Sie haben auch als Bodyguard des indischen Kardinals Felix Machado gearbeitet.

Böhlig Weil ich die Ausbildung geschmissen hatte, musste ich anders Geld verdienen, um mir mein Wing-Tsjun-Studium zu finanzieren, und habe alles Mögliche gemacht, vom Klamotten- und Eisverkäufer über Barkeeper bis hin zum Türsteher am Alten Wartesaal in Köln und anderen Diskotheken. Dort habe ich meine ersten Erfahrungen gesammelt, wie es auf der Straße zugeht. Die Gründung eines Sicherheitsdienstes 1997 mit einem Partner war für mich der nächste logische Schritt. Von einem buddhistischen Tempel im Bergischen Land wurden wir angesprochen. Das buddhistische Oberhaupt kam aus Japan, um sich mit Kardinal Felix Machado zu einem interreligiösen Dialog zu treffen. Und weil es Hardliner in beiden Lagern gibt, wurden wir angefragt.

Was machen Sie denn heute hauptsächlich?

Böhlig Aufbau von Schulen. Ich sitze häufig in unserem Head-Office in Langenfeld und betreue die Nationaltrainer und Schulleiter, stelle Marketing-Aktionen auf, bin für die Weiterentwicklung des Prüfungsprogramms, sowie das Trainingsprogramm zuständig. Ich bin auch in der Schule in Langenfeld, wo ich selber zweimal die Woche unterrichte, um nicht den Kontakt zur Basis zu verlieren, sowie bei Ordnungsbehörden und reise natürlich regelmäßig zu unseren internationalen Schulen.

Jetzt sind Sie mit einem Motivationsprogramm auf Tournee – Titel: „Rebranding your Life“. Was ist der Inhalt?

Böhlig Es geht um die Prinzipien, die ich genutzt habe, um die Schulen aufzubauen und ein tolles Team zu bilden, das dann wiederum motiviert ist, selber Schulen aufzubauen. Diese Prinzipien kann man aufs tägliche Leben übertragen oder auf andere Branchen. Business ist Business, ob ich ein Schuhgeschäft aufbaue, eine Restaurantkette oder eine Kampfkunstschule. Deswegen bin ich mir sicher, dass es vielen Leuten etwas bringen wird, die nichts mit der Kampfkunst zu tun haben. Ich breche herunter, warum wir die Dinge machen, die wir tun. Wir machen es, um Schmerz zu vermeiden oder Freude zu erlangen. Das Problem ist: Viele haben machen sich zwar eine To-do-Liste, aber für viele ist das negativ behaftet. Wenn ich mir aber bewusst mache, warum ich ein Ziel erreichen will, dann hat man eine ganz andere Motivation.

Mehr von RP ONLINE