1. NRW
  2. Städte
  3. Langenfeld

Langenfeld Düsseldorf Ergotherapie und Corona Interview Merle Heubach

Corona-Krise : „Wir Therapeuten müssen die Risiken abwägen“

Ergotherapeuten müssen in der Corona-Krise beides im Blick behalten: die Gefahr einer möglichen Ansteckung und drohende Rückschläge bei einer dringlichen Therapie.

Merle Heubach (44) ist Ergotherapeutin mit eigener Praxis und Einzugsbereich Düsseldorf-Süd/Südkreis Mettmann. Auch ihr Berufsstand ist von der Corona-Krise betroffen.

Ergotherapeutin Merle Heubach. Foto: RP/Privat

Soweit ich weiß, ist bei Ergotherapie körperlicher Kontakt nur schwer vermeidbar. Dürfen Sie Ihren Beruf da aktuell trotz Corona-Seuche überhaupt noch ausüben?

Heubach Ja, zumindest von der Rechtslage her. Therapeutische Berufsausübungen von Physio- und Ergotherapeuten bleiben gestattet, soweit die medizinische Notwendigkeit der Behandlung durch ärztliches Attest nachgewiesen wird und strenge Schutzmaßnahmen vor Infektionen getroffen werden können.

Sie dürfen also. Aber k ö n n e n Sie Ihren Beruf auch noch ausüben?

Heubach Teils, teils. Denn natürlich müssen wir abwägen – und das tun auch unsere Patienten – ob aufgrund der therapeutischen Dringlichkeit weiter behandelt werden sollte oder das Risiko einer möglichen Ansteckung mit eventuell schwerem Krankheitsverlauf überwiegt. Das betrifft vor allem Menschen aus der Corona-Risikogruppe, also vor allem Ältere.

Was ist ergotherapeutisch „dringlich“?

Heubach Zum Beispiel die Behandlung psychisch Erkrankter, bei denen die erzwungene soziale Isolation die Therapiefortschritte zunichte zu machen droht. Dies betrifft überwiegend allein lebende betagte Patienten, die von Depression bedroht sind, ebenso wie verhaltensauffällige Kinder, die kaum noch außer Haus sind, nicht mit Gleichaltrigen spielen dürfen und/oder zu Hause leise sein müssen, weil ein Elternteil im Homeoffice sitzt. Diese Familien benötigen dringend weiter therapeutische Unterstützung.

Was bedeuten die faktischen Einschränkungen konkret für Ihre Praxis?

Heubach Geschätzt dürfte bei mir derzeit etwa jede vierte Behandlung entfallen. Ich weiß aber von Kollegen, dass manche deutlich stärkere Einschnitte hinnehmen müssen. Je länger die Krise dauert, desto mehr Therapeuten werden deshalb auch wirtschaftlich existentiell betroffen sein.

Immerhin spannt der Staat ja einen Rettungsschirm, um die Corona-Krise wirtschaftlich abzufedern. Glauben Sie, dass dies Ihnen und Ihren Kollegen über die Durststrecke hinweghelfen wird?

Heubach Das Problem ist: In dem Gesetz, das der Bundestag verabschiedet hat, sind die Heilmittelerbringer wie wir noch nicht berücksichtigt. Das könnte natürlich in den nächsten Wochen noch nachgeholt werden. Die Frage ist, ob das für viele Praxen dann nicht schon zu spät ist.