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Langenfeld Beim ACK-Forum mit Sophia Falkenstörfer geht es um „Schätze des Unbekannten“

Erziehungswissenschaftlerin in Langenfeld über Vielfalt : „Unterscheiden ist noch nicht Rassismus“

Die Erziehungswissenschaftlerin Sophia Falkenstörfer spricht beim Langenfelder ACK-Forum am 10. September über „Schätze des Unbekannten“. Selbst in Äthiopien geboren, sagt sie: „Unterscheidungen – groß, klein, blond, dunkelhaarig, jung, alt, Frau, Mann, chinesischer oder indischer Herkunft usw. – machen die menschliche Vielfalt aus.“

Werden Sie regelmäßig gefragt: Woher kommen Sie, kommst du?

Falkenstörfer Nicht mehr. Ich vermute, das liegt daran, dass durch die aktuelle Diskussion um Rassismus die aufmerksamen Menschen sehr verunsichert sind und einem nicht zu nahe treten wollen. Viele Menschen mit Migrationshintergrund/Wandergeschichte/People of Colour reagieren sehr empfindlich auf die Frage nach ihrer Herkunft. Ich bin da entspannter und verstehe die Frage weitgehend als ein positives Interesse meiner Mitmenschen.

Und was antworten Sie dann?

Falkenstörfer Manchmal frage ich, woher das Interesse an meinem biographischen Hintergrund rührt. Manchmal erzähle ich einfach. Manchmal sage ich, dass ich dazu jetzt gar nichts erzählen möchte. Meine Antwort ist also situationsabhängig.

Manche halten eine Frage nach der Herkunft schon für Rassismus.

Falkenstörfer Grundsätzlich ist das Thema Rassismus ein sehr komplexes, äußerst vielgestaltiges Thema. Ich würde andersherum fragen: Warum ist die Frage nach der Herkunft per se eine rassistische Frage? Dann käme man ins Gespräch über Rassismus, und dann würde sich auch zeigen, dass das Thema sehr unterschiedlich „empfunden/definiert“ wird. Es ist – wie so häufig – kein Schwarz-Weiß-Thema.

„Herzlich willkommen“ in verschiedenen Sprachen auf einer Tafel: Während sich die einen eine möglichst große Offenheit für ihr Land wünschen, tun sich andere schwer mit dem Fremden. Foto: dpa/Monika Skolimowska

Wären sie blond und blauäugig, hätte ich für das Interview wohl kaum diesen Einstieg gewählt. Nervt Sie das?

Falkenstörfer Mich nervt es nicht, weil ich die Möglichkeit erhalte, mich für die Anerkennung der Vielfalt menschlicher Gesellschaften „stark“ zu machen. Viele Menschen würde es aber nerven, und Sie – als Interviewer und weißer Mann, der solche Fragen stellt – würden vermutlich hart angegangen. Ich frage mich vielmehr, warum das Thema Diskriminierung und Rassismus in unserem Kulturkreis plötzlich einen derartigen Aufwind erfährt? Das Warum ist wichtig! Um was geht es?

Und worum geht es aus Ihrer Sicht?

Falkenstörfer Grundsätzlich interessiert mich eine spezifische Perspektive. Zum Beispiel die Frage, ob es Gesellschaften ohne Rassismus und Diskriminierung gibt. Und ob Diskriminierung – im Lateinischen kommt das Wort von „unterscheiden“ – immer synonym gesetzt werden sollte mit Rassismus. Ist Diskriminierung per se negativ? Ich glaube, hier müssen wir präzise differenzieren.

Inwiefern?

Falkenstörfer Unterscheidungen – groß, klein, blond, dunkelhaarig, jung, alt, Frau, Mann, chinesischer oder indischer Herkunft usw. – machen die menschliche Vielfalt aus. Wie würden wir einander begegnen, wenn wir die Unterschiede nicht mehr benennen würden: Hallo Mensch? Ignorieren wir dann nicht die menschliche „Vielfalt“? Geht es nicht eher darum, die menschlichen Unterschiede gleichberechtigt anzuerkennen? Und Anerkennung von etwas geht nur dann, wenn ich das Etwas auch benenne. Wie also soll es aussehen, wenn ich mich für die Anerkennung von Unterschieden stark machen möchte. Oder anders: Warum ist es böse, per se rassistisch zu sagen: „Den Vortrag hält Frau Falkenstörfer, das ist übrigens die Dozentin mit der dunklen Hautfarbe, erinnerst du dich?“ Das sind zunächst meine präsentesten Merkmale und diese markieren den Unterschied. Es könnte auch Herr. H. sein, der Dozent mit dem wenigen Haar und der Brille, der immer so laut lacht.

Also halten Sie die Rassismus-Debatte für hysterisch?

Falkenstörfer Sagen wir es mal so: Mir zeigen sich darin relative Unschärfen. Zu einem friedlichen demokratischen Zusammenleben gehört es, die Unterschiede anzuerkennen und auf Ungleichheiten zu verweisen. Das geht aber weder dann, wenn wir Unterschiede verschweigen noch mit dem Totschlagargument: Der weiße Mann ist per se diskriminierend, machtgetrieben und böse, die dunkelhäutige Frau ist per se diskriminiert, ungerecht behandelt und gut.

Beim Langenfelder ACK-Forum am 10. September werden Sie einen Impulsvortrag zum Thema „Schätze des Unbekannten“ halten. Wie haben Sie selbst solche Schätze zu schätzen gelernt?

Falkenstörfer Das Leben von Menschen mit Behinderung, zu dem ich als Sonderschullehrerin intensiv Zugang bekommen durfte, steht bei dem Vortrag gar nicht so im Fokus. Es geht mehr darum, ein paar Schätze aufzuzeigen und exemplarisch darzustellen, wie kulturelle Vielfalt vor dem Hintergrund eines gemeinsamen Werte- und Normenkonzepts, etwa des Grundgesetzes, gelingen kann. Sich mit Unbekanntem zu beschäftigen weitet den Blick und hilft, sich mit der Idee einer „demokratischen Gesellschaft der Vielfalt“ auseinanderzusetzen.

Aber warum aber fällt es vielen Menschen dann so schwer, den „Schatz des Unbekannten“ zu schätzen?

Falkenstörfer Fremdes ist fremd. Bekanntes ist bekannt. Der Mensch mag das Bekannte. Das Fremde fordert ihn heraus. Wir fühlen uns nur dann nicht bedroht vom Fremden, wenn wir im Bekannten sicher auf beiden Beinen stehen. Fremdes fordert uns also immer heraus, uns mit uns selbst zu beschäftigen. Es fordert uns heraus zu „denken“.

Im öffentlichen Diskurs wird heute vielfach schlicht vorausgesetzt, dass Vielfalt per se positiv ist. Es gibt aber auch die – nennen wir sie – AfD-Sicht: Je heterogener eine Gesellschaft, desto mehr Konfliktlinien. Warum also, ist dort die Überzeugung, nicht möglichst viel Homogenität. Ja, warum nicht?

Falkenstörfer Vielfalt ist „komplex“ und Demokratie die einzige Staatsform, die eine Gesellschaft lernen und für die sie immer wieder aufs Neue einstehen muss. Vielfalt wie Demokratie fordert uns nicht nur heraus, komplex „denken“ zu wollen, sondern auch, sich zu positionieren und sich anstrengen zu wollen. Das ist eine Herausforderung. Demokratie kann sich selbst abwählen. Wenn es uns nicht gelingt, für Vielfalt zu werben, für ein relativ gleichberechtigtes System einzustehen, die Anstrengungsbereitschaft für eine gemeinsame demokratische Gesellschaft zu stärken, dann kann es in einigen Jahren auch ganz anders aussehen. Wir sehen das derzeit überall.

Nach der tödlichen Polizeigewalt gegen den Schwarzen George Floyd in den USA ist die „Black Lives Matter“-Bewegung auch nach Europa geschwappt. Ist es für einen Mensch mit dunkler Hautfarbe möglich, dass einen das Thema kalt lässt, so, wie es für manche, wenn auch immer weniger Weiße möglich ist?

Falkenstörfer Darauf antworten die Menschen mit dunkler Hautfarbe bzw. die Menschen, die sich jetzt „People of Colour“ nennen, wohl sehr unterschiedlich. Mich betrifft der Fall „Georg Floyd“ in der Sache ebenso wie andere gewaltvolle oder tödliche Übergriffe auf Menschen in der ganzen Welt. In dem spezifischen Fall handelt es sich um einen Fall von struktureller Gewalt – und das ist Rassismus! Was lernen wir daraus in Deutschland? Wir sehen, dass das Thema strukturelle Gewalt in Deutschland an Relevanz gewinnt. So werden zunehmend etwa bei Bundeswehr oder Polizei Systeme struktureller Gewalt aufgedeckt. Da hat der Fall „Georg Floyd“ bestimmt dazu beigetragen, hier sensibler zu werden und kritischer zu schauen. Grundsätzlich bin ich aber sehr vorsichtig damit, bestimmte Gegebenheiten – hier den amerikanischen Rassismus in Bezug auf „Schwarze“ – einfach so in andere Gesellschaftssysteme zu übertragen. Das geht nicht, wir müssen jeweils gesellschaftlich historisch denken und vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte und der eigenen Gesellschaft reflektieren.

„Schätze des Unbekannten“ – das kann man in Zeiten von Corona auch sarkastisch verstehen. Etwas Fremderes und Bedrohlicheres als dieses Virus hat uns in den letzten Jahrzehnten kaum heimgesucht. Ist zu befürchten, dass Corona die Angst vor dem Fremden nachhaltig in uns schüren wird?

Falkenstörfer Ich vermute, dass wir uns noch gar nicht an Corona gewöhnt haben – das geht deshalb nicht, weil wir noch gar nicht wissen, was Corona alles noch mit sich bringen wird und wie diese „Pandemie“ die Welt und unsere Gesellschaften, die Wirtschaft, die Politik usw. verändern wird. Wir sehen aber an der Diskussion um die Risikogruppe „Alte“, dass neue Diskussionen aufflammen und dass wir uns etwa dahingehend positionieren müssen, ob der Mensch in erster Linie über seine gesellschaftliche „Brauchbarkeit“ definiert werden soll oder ob uns andere Werte und Normen leiten sollten. Das hat in diesem Fall dann zunächst nicht viel mit „Fremdem“ zu tun, weil unsere Großeltern ja mit das Allervertrauteste sind, was wir haben.