Abschied von der Reusrather Gemeinde 20 Stufen in den Reusrather Orgel-Himmel

Langenfeld · Unzählige Male hat die Kantorin Ute Grapentin diesen Aufstieg in der Martin-Luther-Kirche hinter sich gebracht, um hinter ihrem Instrument zu sitzen. Am 5. Mai spielt sie vor dem Ruhestand zum letzten Mal.

 Eigentlich ist sie aus Reusrath nicht wegzudenken: Kantorin Ute Grapentin geht in den Ruhestand.

Eigentlich ist sie aus Reusrath nicht wegzudenken: Kantorin Ute Grapentin geht in den Ruhestand.

Foto: Matzerath, Ralph (rm-)

20 sehr hohe, schmale Treppenstufen muss Ute Grapentin jedes Mal überwinden, ehe sie an ihrem Lieblingsplatz ist: hinter der Barock-Orgel in der Martin-Luther-Kirche in Reusrath. „Mit ein paar Weinchen intus kommt man die Treppe vielleicht noch rauf, aber nicht mehr runter“, sagt sie. Sie muss es wissen. Denn zu ihren regelmäßigen Orgel-Gottesdiensten musste sie die Treppe direkt mehrmals bewältigen.

Zum Gottesdienst am 5. Mai wird die gertenschlanke agile Kantorin der evangelischen Kirchengemeinde Reusrath zum letzten Mal hinter der Orgel sitzen. Denn dann scheidet sie nach 38 Dienstjahren aus. „Mit trockenen Augen wird das nicht passieren“, sagt sie im Vorfeld. So viel Schönes sei in den 38 Jahren geschehen, so sehr seien ihr Erwachsenen- und Kinderchor ans Herz gewachsen.

Dagmar Bernd, seit Jahrzehnten im Chor von Ute Grapentin und Mitglied des Presbyteriums, gesteht der Rentnerin in spe einen durchsetzungsstarken Charakter zu, aber vor allem ein leidenschaftliches Engagement für die Musik. „Unsere Orgel, die liebt sie heiß und innig. Und dank ihrer haben wir große Konzerte geben können wie das Weihnachtsoratorium und Mendelssohns Elias. Sie hat es geschafft, uns auch schwierige Stücke nahezubringen. So dass wir alle erstaunt waren, was so ein Laien-Chor schafft.“ Vor allem aber habe sie den Gottesdienst und die Kirche den Reusrathern über die Musik wieder näher gebracht. Für einige Chormitglieder, die hauptsächlich Ute Grapentin kennen, wird eine neue Ära anbrechen, sagt Dagmar Bernd. „Sie hat uns hervorragend vermittelt, wie schön Gesang sein kann.“ Geleitet hat die temperamentvolle Kantorin auch einen Flötenkreis mit fünf Gruppen sowie einen Kinderchor. Und schon die Jüngsten erkannten offenbar das Besondere an ihrer Lehrerin: „Mein andere Musiklehrerin zu Hause merkt gar nicht, wenn ich nicht geübt habe. Ute merkt das aber“, hat eine Elfjährige messerscharf erkannt. Eine Mutter eines anderen Flötenkindes lobte: „Sie macht viele Späße mit den Kindern, und die Kinder lieben sie. Sie führen regelmäßig etwas auf. Und das macht die Kinder stolz und selbstbewusst.“ „Bevor Ute Grapentin kam, war hier nichts. Mit ihr setzte eine Zeitwende ein“, sagt Bernd.

Kinder- und Jugendchor hat Ute Grapentin bereits letztes Jahr mit Blick auf die Rente aufgegeben. Wer sie nach dem Ruhestand noch einmal hinter der Orgel hören will, muss sich nach Solingen begeben. „Ich halte es für keine gute Idee, meinem Nachfolger oder meiner Nachfolgerin in die Quere zu kommen“, sagt die Kantorin. Solingen ist ihr Wohnort, und dort wird für die evangelische Kirchengemeinde tätig sein. Vor allem ist sie als Hauptschöffin am Amtsgericht Solingen im Einsatz. „Darauf bin ich schon besonders gespannt“, gesteht die 64-Jährige.

In Reusrath, berichtet Grapentin, habe sie nur eine Teilzeitanstellung gehabt. Die habe sich aber angefühlt wie ein Vollzeitjob. „Ich bin ein bisschen stolz auf mich, dass ich das alles als alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern geschafft habe.“

Schon früh drehte sich in ihrem Leben fast alles um die Kirchenmusik, da sie in einem Kantorenhaushalt groß wurde. Vater Karlheinz Grapentin hat sie schon mit zwölf Jahren an der Orgel unterrichtet. Nach dem Abschluss der C- Prüfung in Düsseldorf fand sie schnell eine Chorstelle in Reusrath, die dann innerhalb eines Jahres erweitert wurde. Singen und Musizieren war in der Familie Grapentin schon immer zuhause. Grapentins Vater, Kantor a.D. Karl-Heinz Grapentin, wirkte viele Jahre an der Luther-Kirche in Solingen.

Die Musik wurde der Reusrather Kantorin in die Wiege gelegt. „Ich habe schon als Zwölfjährige bei Beerdigungen gespielt“, erzählt die Musikerin. Ute Grapentin wurde in Gelsenkirchen geboren, hat aber die meiste Zeit ihres Lebens in Solingen verbracht und wohnt noch heute dort. Beim Abschluss-Gottesdienst am Sonntag, 5. Mai, 11 Uhr, wird es viel Musik geben. Alle, die daran Freude haben, sind in die Martin-Luther-Kirche an die Trompeter Straße 36 eingeladen. Die Barockorgel, deren Gehäuse aus der Mitte des 17. Jahrhunderts datiert, fand im Januar 1803 den Weg von Köln nach Reusrath. Zuletzt wurde sie im Jahre 2001 von der Firma Schuke gründlich überholt.

(ik)
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