Monheim: Kinder empfinden den Mangel oft nicht

Monheim: Kinder empfinden den Mangel oft nicht

An der Schule am Lerchenweg ist jedes 3. bis 4. Kind von Armut betroffen. Die Schule kann aber einiges kompensieren.

Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung hat offenbart: 19 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind von Armut bedroht. In Monheim leben 734 Bedarfsgemeinschaften (Haushalte) mit Kindern unter 15 Jahren von Hartz IV, 504 davon wohnen im Berliner Viertel.

"Armut zeigt sich nicht immer auf den ersten Blick, weil die Kinder Strategien entwickelt haben, den Mangel zu verbergen", sagt Corinna Hartmann, Schulsozialarbeiterin an der Schule am Lerchenweg. Man erkennt es daran, dass die Kinder nicht jahreszeitgemäß gekleidet sind, immer das gleiche Paar oder zu kleine Schuhe tragen. Sie haben den Sportsack "vergessen" oder es fehlt Schulmaterial.

Die Familien verfügen über kein Auto, sie müssen alle Wege zu Fuß oder mit dem Bus bestreiten. Bei den langlebigen Verbrauchsgütern, wie Waschmaschinen, wird oft minderwertige Ware angeschafft, die schnell kaputt ist, für die Ersatzbeschaffung werden dann Kredite aufgenommen. "Und wenn man erst mal in der Schuldenfalle ist, kommt man so schnell nicht wieder raus", sagt Hartmann. "Viele unserer sehr jungen Eltern sind hoch verschuldet."

Auch in ihren sozialen Kontakten sind die Kinder eingeschränkt. So eröffnet das Bildungs- und Teilhabepaket zwar den Zutritt zum Fußballverein, die Kosten der Ausrüstung und die Transporte zu den Spielen können die Eltern aber nicht bewältigen. Durch ihren Ganztagsbetrieb kompensiert die Schule hier vieles, indem sie mit den Kindern Ausflüge unternimmt. "Ich versuche den Eltern auch zu vermitteln, dass Freizeitaktivitäten nicht unbedingt mit Konsum zu tun haben müssen, es reicht, sich einfach Zeit zu nehmen. Einige unserer Kinder waren noch nie am Rhein", berichtet die Sozialpädagogin.

Auch weil viele Familien im Einzugsbereich der Schule in prekären Verhältnissen leben, sind die Kinder zumindest nicht von sozialer Isolation bedroht. Die Schule liefere zudem ein stabiles soziales Umfeld, Einrichtungen wie das Elterncafé von MoKi II sorgen für Austausch. "Unsere bessergestellten Eltern scheuen auch nicht den Kontakt, sie nehmen die Kinder oft zum Spielen mit nach Hause", erklärt Hartmann. Und im Berliner Viertel finde das Leben ohnehin auf der Straße statt.

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Auch den Umstand, dass sich viele Familien keinen Urlaub leisten können, versuche die Schule durch ihre Ferienangebote aufzufangen. "Die Kinder empfinden — zumindest in diesem Alter — den Mangel nicht so, weil ihnen schlicht die Erfahrung fehlt", erklärt Hartmann. Erst in der Pubertät, wenn die Jugendlichen über ihr Verhältnis zu den Eltern reflektieren, fangen sie an, nach den Gründen für ihre Situation zu forschen. "Und gerade Kinder von Alleinerziehenden nehmen oft die Rolle des Ersatzpartners ein und werden in die Probleme eingeweiht. Die Kinder versuchen dann, ihre Eltern für ein Versäumnis zu entschuldigen", hat Hartmann beobachtet.

In einer solchen Situation ist die Schule gefragt, für eine Lösung des jeweiligen Problems zu sorgen, über das Elterncafé können oft fehlende Schulutensilien oder ausrangierte Kleidungsstücke organisiert werden. Aber selbst wenn die Kinder das Thema Armut gar nicht auf sich beziehen oder keinen Mangel empfinden, so litten sie doch unter der in den heimischen Wänden herrschenden Lautstärke (Fernseher, Geschrei, lärmende Geschwister), den Sorgen der Eltern oder chaotischen Verhältnissen. "Nach dem Stress zu Hause, wirkt die morgendliche Stille in der Schule fast wie ein Kulturschock", sagt Corinna Hartmann.

Oft seien diese Kinder auch unkonzentriert, weil sie sich Sorgen über ihre Eltern machten. Das habe natürlich Auswirkungen auf die schulischen Leistungen. "Und die Eltern wiederum haben so sehr mit eigenen Problemen zu tun, etwa mit einer Stromnachzahlung oder einem fehlerhaften Hartz-IV-Bescheid, als dass sie die Zeit finden, mit dem Kind Lesen zu üben."

Für sie selbst als Schulsozialarbeiterin bliebe nur die Möglichkeit, auf die verfügbaren Hilfen hinzuweisen. Sie mache dabei die Erfahrung, dass viele Eltern nur ungenügend informiert sind oder - in Einzelfällen— keine Hilfe annehmen wollen. Andere wiederum haben derart resigniert, dass sie nicht die Kraft aufbringen, die dafür erforderlichen Behördengänge zu absolvieren. Unerlässlich für ihre Arbeit sei auf jeden Fall der respektvolle und wertschätzende Umgang.

(RP)