Monheim: Käßmann provoziert in der Politrunde

Monheim : Käßmann provoziert in der Politrunde

Der gesellschaftliche Wertewandel stand im Mittelpunkt einer Diskussion, zu der die Monheimer Akademie für Unternehmensmanagement eingeladen hatte. Die Theologin Margot Käßmann war der Star der Talkrunde.

Gesellschaft im Wandel – zu diesem Thema im Rahmen des 8. Forums hatte die private Akademie Monheim die Theologin Margot Käßmann, den CDU-Politiker und Vorsitzenden des Innenausschusses Wolfgang Bosbach sowie TV-Legende Jean Pütz eingeladen. Zum Gedankenaustausch um die Fragen "Wie war es früher?", "Wie ist es heute?", "War es früher besser?" und "Was kommt morgen?" hatte sich zahlreiches Publikum eingefunden. Studierende der Monheimer AFUM/IFU (Akademie für Unternehmensmanagement/Institut für Unternehmensführung), Schüler einer Klasse des Comenius-Gymnasiums Düsseldorf und des erzbischöflichen Sankt Hildegardis-Gymnasiums Köln sowie zahlreiches Publikum füllten den Saal, in dem einige mit Stehplätzen vorliebnehmen mussten.

Dass eine Gesellschaft sich wandelt, ist normal, besorgniserregend wäre es eher, wenn sie dies nicht täte. Interessant sei jedoch, warum Ältere die Gegenwart und die einhergehende Werte-Veränderung meist negativ sähen, stellte Käßmann in den Raum. Um dem gern zitierten Werteverfall zu begegnen, nahm sie die internationale Presse zur Hilfe, die übereinstimmend festgestellt habe, dass die Jugend kriegsmüde sei.

"Wie war das noch anders, als junge Männer mit Begeisterung in den Ersten Weltkrieg zogen", so die Theologin, und heute stünden Freundschaft, Beziehung und Familie ganz oben auf der Jugend-Wunschliste. Das rangiere laut Shell-Studie weit vor dem Auto. Und letztlich würden in Deutschland noch immer jeden Sonntag fünf Millionen Menschen zu Gottesdiensten in die Kirchen kommen, aber nur 700 000 würden in die Bundesliga-Fußballstadien strömen, stellte Käßmann fest und erhielt dafür reichlich Applaus.

Einmal bei den Zahlen holte sie gar zu einer kleinen Provokation aus. Bei einem durchschnittlichen TV-Konsum von 223 Minuten pro Tag hätte ein 75-Jähriger insgesamt 11,6 Jahre vor dem Fernseher verbracht. "Ein Besuch bei dem einsamen Nachbarn wäre da doch sinnvoller verbrachte Zeit gewesen", so Käßmann. Zum Schluss hielt sich noch ein engagiertes Plädoyer für die Zehn Gebote als noch immer aktuelles Wertegerüst.

Wolfgang Bosbach hingegen erntete Beifall mit Geschichten aus seiner Kinderzeit, als er "frei von jeglicher pädagogischer Betreuung" – hierfür gab es Extra-Zustimmung – nachmittags spielen konnte und nur abends pünktlich zu Hause sein musste. "Heute wird dreimal mit dem Handy hinterhertelefoniert und es bricht Panik es, wenn niemand erreichbar ist", so der CDU-Mann in seiner jovial gehaltenen Medienkritik.

Jean Pütz, studierter Ingenieur, aber auch Soziologe, holte meist wortreich aus, brachte aber seine Wertvorstellungen quasi als elftes Gebot auf den Punkt. "Wir müssen die Ressourcen unserer Erde so schützen, dass sie auch noch für unsere Kinder und Kindeskinder nutzbar sind", sagte Pütz, der sich für eine soziale und ökologische Marktwirtschaft starkmachte.

Im Verlauf des Forums versuchte Hochschul-Gründer Dr. Hubert Schäfer noch die Probleme der demografischen Entwicklung ("Wo soll das zukünftig benötigte Pflegepersonal herkommen und wie soll es bezahlt werden?"), der Bildung ("Machen 1500 verschiedene Bachelor-Abschlüsse Sinn?") und der Migration ins Gespräch zu bringen. Mit einer Werte-Diskussion hatte dies aber nur am Rande zu tun.

(RP)