Ulla Hahn: "Ich bin nicht nur mir nahe gekommen"

Ulla Hahn: "Ich bin nicht nur mir nahe gekommen"

Die aus Monheim stammende Autorin liest am Sonntag in Düsseldorf aus dem letzten Teil ihrer literarischen Autobiographie.

Düsseldorf/Monheim Zum Abschluss der Düsseldorfer Literaturtage liest Ulla Hahn aus "Wir werden erwartet", dem letzten Teil ihres autobiografischen Romanzyklus'.

Lommer jonn - mit diesen Großvater-Worten sind Sie auch literarisch ins Leben geschritten. Das klingt nach Aufbruch und Zukunft. War das für Sie auch der Geist von 1968?

Hahn Ins literarische Leben war ich mit meinen Gedichten ja schon längst hineingeboren. Mein umfangreicher Romanzyklus, da haben Sie recht, beginnt in jedem Band mit Lommer jonn! Und ob das nach Aufbruch und Zukunft klingt! Allerdings ebenfalls schon längst vor 1968. Wenn Sie so wollen, ist es so etwas wie ein Lebensmotto: In Bewegung bleiben, offen für Neues.

Wundern Sie sich bei Ihrem Rückblick auf Ihre bewegte und kommunistisch geprägte Studentenzeit, was alles gewesen ist und möglich schien?

Hahn Wir waren Träumer. Mit unterschiedlichen Zielen: Die einen wollten sich zunächst selbst verändern; die stellten Aktionen auf die Beine, da fasste ich mich schon damals an den Kopf. Die anderen wollten zuerst die Gesellschaft umkrempeln. Die interessierten mich schon eher. Arbeiter an die Macht! Es denen "da oben" zeigen: Da hatte ich den Vater vor Augen, der sich an einer Kettenmaschine kaputtgearbeitet hatte. Nicht zuletzt für Menschen wie ihn wollte ich eine bessere Zukunft. Eine Reise in die DDR hat mir dann beinah schlagartig die Augen geöffnet. Wie sagte doch August Bebel so richtig: Es ginge schon, aber es geht nicht. Mit dem Konjunktiv kann man keine Politik machen.

Wie fern oder wie vertraut ist Ihnen die Ulla Hahn dieser Zeit?

Hahn Sehr vertraut. Ich verstehe die Ulla Hahn dieser Zeit heute weit besser, als sie sich damals selbst verstehen konnte. Es gibt ja diesen schönen Satz von Kierkegaard, der lautet sinngemäß: Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Es war mir ein Bedürfnis, mir klarzumachen, wie ich zu der Person geworden bin, die jetzt, nach nahezu fünfzig Jahren, von dieser Person erzählt. Ganz bewusst habe ich dabei die Romanform und ein alter Ego, Hilla Palm, gewählt. Damit wagt man sich selbst weit näher zu kommen als in einer Autobiografie. Nicht nur mir bin ich nahe gekommen, sondern auch meinen Eltern. Man versteht nicht viel von einem Menschen, wenn man seine Vergangenheit nicht kennt.

Was verdanken Sie 1968?

Hahn Eine andauernde politische Wachheit. Und aus den Enttäuschungen einen unbeirrbaren Sinn für das Machbare. Ja, wir dürfen weiterhin groß träumen. Aber unser Handeln muss sich an der Wirklichkeit ausrichten.

Und was verteufeln Sie?

Hahn Verteufeln? Die RAF natürlich. Jede Form von Gewalt. Das habe ich aber seit jeher getan. Doch ich bedaure, dass einige noch immer glauben und verkünden, man könne, um mit Heine zu reden "auf Erden schon das Himmelreich errichten", anstatt dafür zu arbeiten, dass unsere Demokratie lebendig bleibt. Übel finde ich vor allem diese sogenannte Antifa. Angesichts der Frauen und Männer, die im antifaschistischen Kampf gegen den Hitlerterror ihr Leben gelassen haben, sollten diese Krawallmacher sich schämen.

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Und im Alltag?

Hahn Da gefällt mir nicht, wie sogenannte Sekundärtugenden, vor allem Disziplin, Rücksichtnahme, höflicher Umgang als uncool diffamiert werden. Schließlich funktioniert jedes Miteinander, im Großen wie im Kleinen, nur so.

Würden Sie sagen, dass die Poesie Sie am Ende von großen Irrtümern eines orthodoxen Denkens befreit hat?

Hahn Unbedingt. Meinem Bruder verdanke ich, dass es noch einige Matrizenblätter gibt: auf der Vorderseite, gedruckt, irgendein politisches Pamphlet, auf der Rückseite mit Kuli gekrakelt meine ersten Gedichtversuche. Mein erstes gedrucktes Gedicht "Mein Vater", 1973 im Reclam Verlag, Leipzig, erschienen, enthält bereits wesentliche Motive meines Romanzyklus. Ich habe dieses Anders-Sprechen mithin schon damals gebraucht, um mich von diesen verordneten sprachlichen und gedanklichen Korsetts zu befreien.

Sind Sie manchmal irritiert darüber, wie intensiv heute an die Zeit der Studentenrevolte gedacht wird?

Hahn Nein, diese Zeit hat ja etwas durchaus Exotisches. Ein Kritiker schrieb, die Schilderungen der damaligen Zeit in meinem Roman "Wir werden erwartet" muteten stellenweise an wie eine Reise in das ferne China. Mir erging es beim Schreiben nicht anders. Meine Lektorin, dreißig Jahre jünger als ich, wollte manches erst glauben, nachdem sie sich via Google davon überzeugt hatte.

Wie groß ist die Gefahr einer musealen Vereinnahmung?

Hahn Vieles, wofür wir damals kämpften, ist heute eine Selbstverständlichkeit. Das gilt besonders für die Rechte der Frauen. Sie sind die wahren Gewinner dieser Aufbruchphase. Auch das bringe ich in den Romanen immer wieder zur Sprache. Den Glauben von damals, dass wir gemeinsam etwas voranbringen können, dürfen wir nicht ins Museum verbannen. Wohl aber die traumtänzerischen Aktionen und erstarrten Ideologien. Darüber dürfen wir nachsichtig lächeln.

Noch einmal "Lommer jonn"; was bedeutet Ihnen der Satz heute?

Hahn Wie schon gesagt: In Bewegung bleiben, offen für Neues. Auch für neue Blicke auf Vergangenes. Es kommt darauf an, den Ballast der Vergangenheit in Proviant umzuwandeln: Lommer jonn.

LOTHAR SCHRÖDER STELLTE DIE FRAGEN

(RP)
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