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Gedenken an das Massaker am Wenzelnberg 1945: Urgroßneffe erinnert an Opfer

Langenfeld : Urgroßneffe erinnert an Wenzelnberg-Opfer

Bei der alljährlichen Gedenkfeier für die von den Nazis kurz vor Kriegsende ermordeten 71 Häftlinge gab es eindringliche Beiträge.

Plötzlich entsteht das Bild eines Menschen vor den Augen der Zuhörer, eines Mannes mit Familie, Geschichte, nicht länger nur die Nummer 36 auf einer langen Todesliste. „Hier liegt Paul!“, betont gestern Marko Röhrig eindringlich bei der alljährlichen Gedenkveranstaltung am Wenzelnberg für die 71 Männer, die die Gestapo kurz vor Kriegsende 1945 dort ermordet hatte. Paul Lisziun war einer von ihnen und zugleich Röhrigs Urgroßonkel.

Wie bereits berichtet, hatte Röhrig gemeinsam mit seinem Vater Reinhold  und seinem ebenfalls Reinhold heißenden Großvater, Lisziuns Neffe,  die Geschichte des Vorfahren recherchiert. So können sie ihm auf der Gedenkfeier ein Stück seiner Identität zurückgeben. Durch einen Zufall war Marko Röhrig vor mehr als 25 Jahren auf die Geschichte Lisziuns gestoßen, als er nach seinem ersten Besuch der Gedenkveranstaltung mit seiner Uroma über den Wenzelnberg sprach. „Dort liegt auch der Paul“, erzählte sie damals von ihrem jüngsten Bruder.

Erst viele Jahre später sollte sich herausstellen, dass der Mann, der in den Unterlagen der Gestapo als Paul Liszum vermerkt war, tatsächlich sein Urgroßonkel war. „Wir konnten damit zeigen, dass entgegen früherer Annahmen auch Menschen aus dem Bergischen Land am Wenzelnberg ermordet wurden“, sagt Röhrig mit Blick auf die Heimat der Familie in Remscheid.

Eindrucksvoll gestaltet haben die alljährliche Gedenkfeier diesmal Jugendliche der Langenfelder Prismaschule. Die Frage, warum sie sich als Zehntklässler mit der drei Generationen zurückliegenden Geschichte auseinandersetzen wollten, beantworten die Gesamtschüler unmissverständlich und selbstverständlich: „Wir wollen die Botschaft der Toleranz und Liebe verbreiten!“ Aus der Grausamkeit des Verbrechens sollten auch heute noch alle lernen und die Demokratie vor diesem Hintergrund umso mehr zu schätzen wissen.

Symbolisch verbinden sich die Schüler mit weißen Bändern an den Daumen: zum einen, um mit den Händen eine Friedenstaube zu formen, zum anderen als Erinnerung daran, dass die Männer vor 74 Jahren an die Grube geführt und paarweise an den Daumen zusammengebunden durch Genickschuss getötet wurden. Für jeden Toten legen die Schüler anschließend eine weiße Rose nieder.

Auch Langenfelds Bürgermeister Frank Schneider wendet sich in seiner Rede gegen das Vergessen: Weil die Gräueltaten des Nazi-Regimes mittlerweile mehr als 70 Jahre zurückliegen, stellten sich Menschen heutzutage die Frage, ob es mit dem Erinnern nicht langsam genug sei. „Diesen Phrasen will ich eine klare Absage erteilen: Wir werden nicht müde, an die Grausamkeiten des Naziregimes zu erinnern“, sagt Schneider.

Gerade angesichts aktueller Tendenzen, dass sich rassistisches Gedankengut in Europa wieder breit mache, sei das wichtiger denn je. „In Deutschland dürfte es eigentlich gar keine Partei geben, die rechte Ideen vertritt. Die Realität sieht anders aus“, klagt Schneider vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte. Man dürfe nicht Gefahr laufen, die Zeichen der Zeit wie in den 1930er Jahren auch diesmal wieder zu verkennen.