Langenfeld: Gedächtnistrainer verblüfft an Realschule

Langenfeld: Gedächtnistrainer verblüfft an Realschule

Zufrieden blickt der Mann mit dem Mikro auf die rund 260 Jugendlichen vor ihm. "Wo ist die Eins", fragt er in die Aula der Kopernikus-Realschule, und fast alle Acht- bis Zehntklässler zeigen wie auf Knopfdruck in dieselbe Richtung. Mit den anderen acht Zahlen bis neun klappt es genauso, auch mit geschlossenen Augen. Dabei sind gar keine Ziffern im Saal zu sehen, vielmehr haben sich die Schüler zuvor für jede einzelne einen imaginären Ort eingeprägt.

"Verortungstechnik" nennt das Gregor Staub, Gedächtnistrainer aus der Schweiz, der gestern Schüler, Lehrer und Eltern der Realschule verblüffte, wie leicht man sich zum Beispiel Telefonnummern merken kann.

Vor den Jugendlichen hatte der fast 60-Jährige mit der Denkerstirn bereits den jüngeren Schülern die Landkarte Europas ins Hirn gescannt. Mit einer Geschichte, die so beginnt: "Ein Mann irrt umher und findet einen Engel, der schwer und dehnbar ist." Schon ist halb Nordeuropa im Kopf: Irland, England, Schweden, Dänemark. Auch Grundregeln des (Auswendig-)Lernens teilt Staub mit und fordert ihre Einhaltung ein: "Ruhe im Saal!". Grund: Alles, was die Konzentration vom Stoff ablenkt, mindert den Lerneffekt erheblich. "Das ist auch für Lehrer eine wichtige Botschaft", sagt Schulleiter Frank Theis. Mit den Kollegen drückt er am Nachmittag bei Staub die Schulbank, ehe am Abend die Eltern dran sind. "Für uns heißt das zum Beispiel: Im Unterricht erst dann mit dem nächsten Punkt fortfahren, wenn alle Schüler mit dem Mitschreiben fertig sind. Denn man soll eben nicht zwei Dinge gleichzeitig machen, hier: schreiben und schon wieder zuhören."

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Trainer Staub selbst flog nach eigenem Bekunden mit 16 von der Schule - weil er sich nichts merken konnte. Nach einem Erlebnis am Züricher Flughafen wurde es dem studierten Betriebswirt zu dumm mit der Gedächtnisschwäche: Im Parkhaus suchte der von einer Dienstreise Zurückgekehrte anderthalb Stunden nach seinem Auto, ehe ihm einfiel, dass er mit dem Zug gekommen war. Seitdem beschäftigt er sich mit antiken Lerntechniken und entwickelt sie weiter.

Bei den Langenfeldern Realschülern kommt der Schweizer gut an: "Ich glaube, die eine Geschichte eignet sich deshalb so gut fürs Lernen der Ländernamen, weil sie eigentlich keinen Sinn ergibt", sagt Bianka Dannewitz (15). Ihr Mitschüler Melvin Höper (15) ist ebenfalls angetan von Staub. Nur sein Schnellrechnen auf indische Art überzeugt ihn nicht: "Wenn Erstklässler so das Kleine Einmaleins wirklich in vier Stunden lernen könnten, wie er sagt, dann würde man es doch auf der ganzen Welt genau so machen, oder etwa nicht?!"

(RP)
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