Langenfeld/Monheim: Fasten-Premiere mit 88 Jahren

Langenfeld/Monheim : Fasten-Premiere mit 88 Jahren

Die Protestantin Erika Sticherling wagt erstmals, bewusst auf etwas zu verzichten: Schokolade. Die Kirchen wollen in der Fastenzeit dazu ermuntern, neuen Zugang zum Glauben zu finden und sich auf menschliche Nähe einzulassen.

Mit Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit, die Zeit, in der sich gläubige Christen 47 Tage lang auf die Begegnung mit Gott vorbereiten. Erika Sticherling wird ab heute nicht dem Fleisch lebe wohl sagen — denn sie ißt ohnehin nicht viel davon. Nein, die gelernte Konditorin, die gemeinsam mit ihrem Mann das gleichnamige Café an der Hauptstraße aufgebaut hat, will ab heute der geliebten Schokolade und Pralinen entsagen. "Damit tue ich mir wirklich etwas an." Von den Produkten der hauseigenen Konditorei zu naschen, ist ihr sonst ein tägliches Vergnügen. Damit zu brechen, empfinde ihre Familie daher geradezu als geschäftsschädigend.

Andere Zeiten-Magazin

Für die 88-Jährige ist das Fasten auch aus anderem Grund ein Experiment: Sie ist gläubige Protestantin. "Bei uns ist das Fasten nicht vorgeschrieben", sagt sie. Den Anstoß dazu bekam sie als Leserin des ökumenischen Magazins "Andere Zeiten", das der Verein des Hamburger Pastors Hinrich Westphal herausgibt. Während der nächsten sieben Wochen erhält sie nun wöchentlich ein bestärkendes Schreiben mit Erfahrungsberichten, Anregungen, einer biblischen Geschichte und Gedichten. Positiv überrascht habe sie zunächst, dass man im hohen Alter die Regeln brechen dürfe und auch Sonntage vom Fasten ausgenommen seien. "Die machen es einem wirklich leicht", sagt Erika Sticherling. Überhaupt will sie es mit Matthäus Kapitel 6, Vers 16 halten und "nicht sauer aussehen wie ein Heuchler". "Ich mach' da kein Drama draus," sagt sie augenzwinkernd.

In Zeiten, in denen allgemein ein Glaubensschwund beklagt wird, will Monsignore Winfried Motter am Sonntag dem Glauben mit einem Einkehrtag "auf die Sprünge helfen". Der langjährige Pfarrer an St.Gereon will vermitteln, dass man den Glauben nicht mit der Taufe als Paket überreicht bekomme, "wo inhaltlich nichts mehr dazukommt". Auch ähnelte die Kirche keinem Reisebus mehr, in den man einsteige und bis zur Endstation mitfahre. Sie werde eher als Linienbus benutzt. "Unser Herz gehört jedem, der unterwegs zusteigt, egal wieviele Stationen er bleibt." Alle sollten sich in der Kirche heimisch und geborgen fühlen. Er möchte dazu anhalten, nicht diejenigen zu verurteilen, die nur zu bestimmten Anlässen den Weg in die Kirche finden.

Auch mal ein Stoßgebet senden

Und er möchte dazu ermuntern, die persönlichen Möglichkeiten auszuloten, dem Glauben auf die Sprünge zu helfen, indem man an Gedenktagen eine Kerze anzündet oder einfach in kritischen Situationen ein Stoßgebet gen Himmel schickt. Abgesehen davon ist Monsignore Motter voller Vorfreude, nach sieben Jahren Abstinenz mit einem seelsorgerische Angebot in seine alte Gemeinde zurückzukehren und viele alte Monheimer zu treffen. "Die 16 Jahre waren rundherum prima", sagt er.

Menschliche Nähe ganz neu entdecken. Dazu will Pastor Christof Bleckmann die Menschen mit seinen Donnerstags-Andachten einladen. Die Martin-Luther-Kirche in Reusrath beteiligt sich damit an der evangelischen Fastenaktion "7 Wochen ohne Scheu". In der heutigen vernetzten Welt kann zwar rund um die Uhr, rund um den Globus kommuniziert werden, aber die Wege zueinander müssen immer noch hart erarbeitet werden. Mit Gedanken und Bibeltexten zum Thema Nähe will Bleckmann dazu auffordern, eine überfällige Liebeserklärungen zu formulieren, Überraschungsbesuche zu machen, eingeschlafene Kontakte zu wecken oder einen schwelenden Streit beizulegen. Statt Verzicht also bewusste Hinwendung zu wagen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Zehn Fasten-Ideen und ihr Sinn

(RP)
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