Rp-Serie: Fanclubs (3): Fanmeldeamt St. Pauli liegt in Tiefenbroich

Rp-Serie: Fanclubs (3): Fanmeldeamt St. Pauli liegt in Tiefenbroich

400 Kilometer entfernt vom Millerntor-Stadion gründeten vier Anhänger einen virtuellen Fan-Club. Er hat 138 Mitglieder.

Kreis Mettmann Einmal St. Pauli - immer St. Pauli. Da bringt Jürgen Reinke (60) niemand von ab. Ob er in seinem Ratinger Garten liegt und in Sichtweite das Fortuna-Banner weht: Reinke hat an seinem Fahnenmast die Millerntor-Farben hochgezogen. Oder ob er am Angerbach mit den Hunden spazieren geht: Wer ihm begegnet, weiß von Reinkes Kiez-Klub-Leidenschaft. "Da frotzelt man miteinander und gut iss." Doch ganz so einfach ist es nicht. Reinke sieht sich nicht als großer Vorsitzender, sondern bestenfalls als Helfer im "Fanmeldeamt St. Pauli".

Das Besondere an diesem Fanclub: Die 138 Mitglieder sind in alle Himmelsrichtungen verstreut. Viele kommen aus Niedersachsen. Aber auch ein Österreicher, ein Schweizer und ein Italiener sind dabei. Die Keimzelle des Fanmeldeamtes lag vor vier Jahren tatsächlich in Ratingen. Nach Tiefenbroich hatte es die hanseatischen Reinkes Anfang der 90er Jahre verschlagen. "Mein Arbeitgeber, ein Logistikunternehmen, hat das Hamburger Büro schlicht geschlossen." Weg von der Elbe - aus rein beruflichen Gründen. Mit Neugier aufs Rheinland oder gar Liebe hatte das zunächst wenig zu tun.

"Heute würden wir nicht mehr zurückgehen nach Hamburg." Selbst startende oder landende Düsenjets können die Begeisterung für Ratingen nicht wegpusten. Aber um die geht es hier gar nicht. "Im Jahr 2010 saßen wir bei mir zu Hause zu viert zusammen und überlegten uns, einen FC St. Pauli-Fanclub zu gründen." Einen für die in alle Himmelsrichtungen versprengten Fans. So eine Art Fernmeldeamt für den Klub. Ein "Fanmeldeamt" - da war der Name geboren. Seither haben sie keine Werbung gemacht, nirgendwo Banner aufgehängt, niemanden angebettelt. Sohn Patrick Reinke setzte einfach eine Seite ins Netz und gründete eine Facebook-Gruppe. Seither kommt beinahe wöchentlich jemand dazu. "Dass die Sache so groß werden würde, hätten wir nicht gedacht", sagt Jürgen Reinke.

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Das "Fanmeldeamt" ist eine Plattform für alle St. Pauli-Fans in der Fremde. Einziger materieller Vorteil: Wer als Fanclub-Mitglied ein Spiel am Millerntor sehen möchte, kann über den Fanladen von St. Pauli eine Stehplatzkarte bekommen. Die sind normalerweise so schnell vergriffen, dass ein Auswärtiger kaum Chancen hätte, ein solches Ticket zu ergattern. Mittlerweile ist auch der Verein selbst auf den Fanclub aufmerksam geworden. "Die sind bei jedem Spiel dabei - mal mit zehn, mal mit dreißig Mann. Zwar haben sie in Ratingen ihre Zentrale, aber die Fans selbst kommen von überall her. Das ist schon etwas Besonderes. Deshalb unterstützen wir das Fanmeldeamt so gut wir können", sagt Hauke Brückner aus der Pressestelle des FC St. Pauli.

Knapp 400 Kilometer sind es vom Angermunder Weg bis zum Millerntor-Stadion. Schon eine Strecke, aber wenn es irgendwie geht, ist Jürgen Reinke bei Heimspielen mit dabei. "Und bei Auswärtstermin haben wir über das Fanmeldeamt meistens sofort einen Ansprechpartner in allen Städten."

Der große Unterschied zwischen gewöhnlichen Fußballvereinen und dem FC St. Pauli sei eben die Toleranz: "Da steht der Banker im Büroanzug neben dem schwarz gekleideten Hausbesetzer und es ist kein Problem." Sportlich steht der Verein mit sieben Punkten aus den letzten drei Spielen ganz gut da. Das Ziel für die laufende Saison heißt: Nicht in den Strudel des Abstiegskampfes hineinzugeraten." Mittelfristig hofft Jürgen Reinke jedoch, dass St. Pauli das selbst gesteckte Ziel erreicht: "Wir wollen zu den besten 25 Mannschaften in Deutschland gehören."

(RP)
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