1. NRW
  2. Städte
  3. Langenfeld

Langenfeld: Facebook-Gruppe hilft Unfallopfer

Langenfeld : Facebook-Gruppe hilft Unfallopfer

Es ist wie bei "Hans im Glück", nur umgekehrt: Übers Internet sollen Gegenstände solange getauscht werden, bis aus einem Langenfeld-Beutel ein Auto für den Rollstuhltransport geworden ist – ein Auto für die verunglückte Familie Anene.

Es ist wie bei "Hans im Glück", nur umgekehrt: Übers Internet sollen Gegenstände solange getauscht werden, bis aus einem Langenfeld-Beutel ein Auto für den Rollstuhltransport geworden ist — ein Auto für die verunglückte Familie Anene.

 Ulrike Anene ist nach dem Unfall vom Hals abwärts gelähmt.
Ulrike Anene ist nach dem Unfall vom Hals abwärts gelähmt. Foto: rm-

Der Unfall geschah vor ziemlich genau zwei Jahren. Nigeria, ein Lkw, ein Autofahrer, der ihn überholen wollte, auf der Gegenfahrbahn der Wagen mit Familie Anene. Seitdem ist für die Langenfelder nichts mehr so, wie es vorher war (die RP berichtete). Zwar haben Vater Uche (41) und der elfjährige Sohn keine bleibenden Verletzungen erlitten, doch Mutter Ulrike ist seitdem ein Pflegefall. Wegen des Bruchs zweier Halswirbel wird sie, die bis vor zwei Jahren als Friseurin arbeitete, sich nie wieder eigenständig bewegen können. Um sie zu pflegen, hat ihr Mann seinen Job als Dolmetscher aufgegeben.

Immerhin haben die Anenes jetzt eine Wohnung im Erdgeschoss. Vor zehn Wochen hatte die RP erstmals über den Schicksalsschlag der Familie berichtet und über ihr für die Bedürfnisse einer Schwerstbehinderten völlig ungeeignetes Zuhause im obersten Stockwerk eines Mehrfamilienhauses ohne Fahrstuhl, mit engen und verwinkelt geschnittenen Räumen und Waschmaschine im Keller. Nach Erscheinen des Berichts meldete sich eine Vermieterin bei den Anenes: Sie habe eine passende Wohnung an der Bachstraße frei.

  • Einbrecher haben in Monheim mehrere tausend
    Polizeibericht : Einbrecher erbeuten Bargeld
  • Sabine Domdei und Marianne Güttler (v.r.)
    Geschäftsschließung : Zweiter Nahversorger in Richrath schließt
  • Die Antilopen Gang ist der Hauptact
    Auf der Baumberger Bühne : Sojus 7 organisiert Open-Air-Festival 

Doch damit ist es nicht getan. So muss — um nur das Aufwendigste zu nennen — noch das Bad umgebaut werden. Und neben einer ebenerdigen Dusche benötigt Ulrike Anene einen Spezial-Pkw mit Hebebühne für den Rollstuhl. Aber auch hierfür wird jetzt Hilfe organisiert. Die Facebook-Gruppe "Du kommst aus Langenfeld, wenn . . ." trommelt für Geldspenden — und hat sich zum Ziel gesetzt, aus einem schlichten Jutebeutel mit Langenfeld-Aufdruck ebenjenes Auto mit Hebebühne zu machen, das der verunglückten Familie wieder etwas Mobilität zurückgeben würde.

Von einem Jutebeutel zu einem Auto — wie das? "Klingt verwegen, ist aber möglich", sagt Thomas Skandalis (42), einer der Gruppen-Administratoren. "Der Gegenstand soll quasi hochgetauscht werden — bis wir bei dem Wagen sind oder jedenfalls möglichst nah dran." Dafür bietet die Gruppe alle paar Tage einen aktuellen Gegenstand im Internet zum Tausch an — und bittet um Objekte, die etwas mehr wert sind als das jeweilige im "Schaufenster". Nach dessen Austausch durch dasjenige Angebot, das die Gruppe für am attraktivsten hält, geht es mit diesem höherwertigen Gegenstand weiter — und so fort.

"Nach diesem Prinzip sind wir binnen weniger Wochen immerhin schon bei einem gebrauchten Kaffee-Vollautomaten mit einem Schätzwert von rund 500 Euro angekommen", freut sich Simone L. (44), die die Tausch-Spirale nach dem Vorbild des Märchens "Hans im Glück", nur andersrum, angeregt hat. "Ich hatte von den schlimmen Unfallfolgen gelesen und mir gedacht: Wozu sind 3700 Leute gut, die wir mit unserer Facebook-Seite erreichen, wenn nicht jetzt für eine Hilfsaktion?!"

Und das ist bisher bei dem Aufwärts-Tauschen herumgekommen: Jutebeutel für ein Glas selbsteingekochte Chili-Marmelade für eine Tina-Turner-Plattensammlung für einen Feuerlöscher für eine Tiffany-Lampe für einen i-Pod für einen Kaffee-Automaten aus Schweizer Produktion. Ausgestellt ist das jeweilige Objekt in der "Bücherecke" von Hiltrud Markett (Hauptstraße), ebenfalls eine der Gruppen-Administratoren.

"Die Tausch-Aktion lebt nicht nur von dem guten Zweck, sondern auch davon, dass Gegenständen subjektiv Wert beigemessen wird: Was der eine als ,Verlustgeschäft' ansähe, ist für den anderen ein ,guter Tausch'", sagt Simone L. Ihr Mitstreiter Daniel Dorsch (45) ergänzt: "Sollte es mal nicht mehr weitergehen mit dem Tauschen, wäre auch eine Versteigerung des dann aktuellen Objekts denkbar." Auch eine "Charity-Veranstaltung" oder die Gründung einer Stiftung können sich die Facebook-"Freunde" nach eigenen Worten vorstellen.

Schon die bisherigen Tauschwochen haben soviel Aufsehen erregt, dass nach Angaben der Organisatoren nebenher bereits mehr als 2000 Euro auf einem Spendenkonto für Familie Anene eingegangen sind. Facebook-Gruppenmitglied Michael Grimm (46) beteiligt sich mit der Versteigerung seiner Sangeskünste an dem Sammelmarathon. Wer bis Sonntag, 19.48 Uhr, mitbietet, kann einen Auftritt des Hobby-Entertainers (Sinatra, Elvis etc.) erwerben. "Wir machen das alle nicht aus Mitleid für Familie Anene, sondern weil wir sie bewundern", betont der Immigrather: "Die sind unheimlich stark!"

(RP)