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Düsseldorf: Erziehungswissenschaftler Heiner Barz zu Lehrern und Corona

Erziehungswissenschaftler zur Corona-Krise : „Lehrer haben sich gerne verabschiedet“

Der Bildungsforscher kritisiert das fehlende Engagement vieler Lehrer in der Corona-Krise. Er ist Professor für Erziehungswissenschaft und Leiter der Abteilung für Bildungsforschung an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

Heiner Barz hat gerade eine scharfe Polemik zum Verhalten vieler Lehrer in der Corona-Krise veröffentlicht.

Herr Barz, Sie gehen hart mit der Arbeit vieler Lehrer in der Corona-Krise ins Gericht und werfen ihnen vor, sich „im Pandemie-Sonderurlaub ziemlich bequem eingerichtet“ zu haben. Wie kommen Sie darauf?

Heiner Barz Zunächst einmal muss ich betonen, dass es auch viele gute, ja sehr gute Lehrer gibt, die sich schnell in die neue Situation eingearbeitet haben. Viele haben etwa erstmals Videokonferenzen ausprobiert. Es gibt auch Berichte über Lehrer, die sogar Unterricht übers Gartentor gegeben haben. Aber es gibt eben auch die anderen Lehrer.

Wie würden Sie die beschreiben?

Barz Ich habe den Eindruck, ein Teil der Lehrer hat sehr bereitwillig technische, organisatorische oder gesundheitliche Hürden identifiziert. Da reichten etwa Bedenken wegen des Datenschutzes bei Whatsapp dafür, dass gar kein Austausch mehr stattfand. Eltern berichten von Lehrern, die bestenfalls einmal pro Woche eine Mail mit Arbeitsblättern geschickt haben und gar keine Rückmeldung gegeben haben. Ein Anzeichen ist eventuell auch, dass zum Start des neuen Schuljahres in Schleswig-Holstein offenbar nur ein kleiner Teil der von Lehrern vorgelegten Atteste von den Schulbehörden anerkannt wurde.

Woher beziehen Sie Ihre Informationen über das Verhalten der Lehrer?

Barz Es gibt ja immerhin einige sozialwissenschaftliche Bestandsaufnahmen – etwa durch Befragungsinstitute. Eine Studie von Infratest besagte zum Beispiel, dass nur sieben Prozent der Eltern von regelmäßigen Videoschalten mit den Schülern berichteten. Auch spricht man natürlich mit Kollegen, Mitarbeitern, Freunden und Verwandten.

Auch für die Lehrer war der Lockdown eine belastende Situation.

Barz Ja. Sie wurden auch Opfer der Maßnahmen, die man über uns verhängt hat. Aber viele andere Berufsgruppen mussten weiterarbeiten – unter erschwerten Bedingungen, oft in Kurzarbeit, das heißt mit Gehaltseinbußen. Ich kann verstehen, wenn Eltern beklagen, dass ihre Kinder nicht unterrichtet worden sind. Mein Eindruck ist, dass ein Teil der Lehrer sich ganz gerne von Unterricht und Klassenzimmer verabschiedet hat.

Für Kritik an Lehrern bekommt man immer Applaus.

Barz Mir ist klar, dass meine Polemik als oberflächliche Lehrerschelte missverstanden werden kann. Aber mir geht es um ein strukturelles Problem. Dass die Mehrheit der Lehrer Sonderschichten wegen Corona einlegt, können nur Menschen erwarten, die keine Schule von innen kennen.

Warum glauben Sie das?

Barz Eine viel beachtete Untersuchung, die „Potsdamer Studie zur Lehrerbelastung“, zeichnete ein wenig schmeichelhaftes Bild des Berufsstands der Lehrer. Demnach weisen 40 bis 60 Prozent aller Lehrkräfte in Bezug auf ihr Belastungserleben Risikoprofile auf. Im Vergleich der Berufsgruppen ist das ein Spitzenwert. Nur 17 Prozent der Lehrer sind laut der Untersuchung insgesamt sehr engagiert, widerstandsfähig gegenüber Alltagsbelastungen sowie generell ausgeglichen und zufrieden. 30 Prozent zeigen zwar hohes Engagement, aber auch eine deutliche Tendenz zur Selbstüberforderung. Für 23 Prozent wurde ein reduziertes Engagement bei gleichzeitigem Fokus auf das Privatleben festgestellt. 29 Prozent sind laut der Studie insgesamt kaum engagiert und auch nicht widerstandsfähig. Das sind Befunde, die auf Probleme hindeuten.

Wie lässt sich das verändern?

Barz Das fängt bei der Berufswahl an. Bei vielen entspringt der Berufswunsch eher aus Ratlosigkeit. Der Lehrerberuf wirkt reizvoll, weil man schnell verbeamtet wird und Geld und Sicherheit erwarten kann.

Wie würde es besser gehen?

Barz Wir brauchen Assessment-Verfahren, um engagierte Pädagogen zu finden. In den ersten Jahren des Studiums sollten dann Praxis und Reflexion folgen, damit die Leute früh genug erfahren, ob der Beruf etwas für sie ist.

Und was ist mit Lehrern, die schon im Dienst sind?

Barz Wir brauchen Aufstiegs- und auch Ausstiegsmöglichkeiten. Es ist zum Beispiel ungünstig, dass sich der Job der Schulleitung finanziell so wenig lohnt. Die Leute, die wenig engagiert unterrichten, leiden andererseits schnell unter der Belastung. Dass der Beruf so bequem scheint, ist ja ein Trugbild. Wer nicht mit Herzblut bei der Sache ist, dem tanzen die Schüler schnell auf der Nase herum.