Diese Band verbindet Langenfeld mit New Orleans

Lokale Kultur : Diese Band verbindet Langenfeld mit New Orleans

Musiker aus der Posthorn-Stadt sind prägend mit dabei: Die zunächst „Maryland“, dann „New Orleans Jazz Band of Cologne feiert ihr 60-jähriges Bestehen.

Die „New Orleans Jazz Band of Cologne“, bis 2015 auch bekannt unter dem Namen „Maryland Jazz Band of Cologne“, feiert in diesem Jahr ihr 60-jähriges Bestehen. Zugleich blickt die Band auf 34 Konzerte in Langenfeld zurück. Ebenso viele Musiker aus New Orleans wurden in den zurückliegenden Jahren dem Langenfelder Jazzpublikum präsentiert.

Ende der achtziger Jahre war es Klaus Dau, der damalige Verantwortliche der Langenfelder „Kulturfabrik“ (heute Schaustall), der die Maryland Jazz Band of Cologne mit einem Musiker aus New Orleans nach Langenfeld einlud. Das war der Beginn einer bis heute erfolgreichen Jazzserie in Langenfeld. Jedes Jahr im Herbst freuen sich die Fans auf die Band und die Musiker, die mit der heutigen New Orleans Jazz Band of Cologne für zehn Tage durch die Clubs und Hallen in Deutschland touren. Langenfeld wurde mit dem Jazzprogramm „Jazz im Foyer“, der Langenfelder Jazznacht und „Klassik trifft Jazz“  zu einem anerkannten Standort in Sachen Jazz. Federführend war bis zu seinem Ruhestand ab 2014 Reinhard Küpper, einer der beiden Geschäftsführer der städtischen Schauplatz Langenfeld GmbH.

Einer der Stars, die mit den Deutschen spielten: Louis Nelson (1980). Foto: RP/Band

Die Maryland Jazz Band of Cologne, unter der Leitung von Gerhard „Doggy“ Hund, schöpfte viele Jahre aus dem Vollen und präsentierte zahlreiche Musiklegenden. Langenfeld war und ist immer noch einer der wenigen Orte, wo solche Musiker aus New Orleans live zu erleben sind. In den ersten Jahren dieser Tourkonzerte wurden die Musiker sogar von  offizieller Seite im Rathaus der Stadt Langenfeld empfangen.

In diesem Jahr kommt die New Orleans Jazz Band of Cologne, heute unter der Leitung von Reinhard Küpper, mit einem Musiker aus New Orleans in die Stadthalle, der vielen Jazzfreunden in Holland, Belgien und Deutschland bekannt ist. Don Vappie, einer der besten Banjospieler unserer Zeit, will am Sonntag, 13. Oktober, ab 12 Uhr mit seinem Multitalent und seinem Südstaatencharme das Publikum begeistern. Spontan sagte er auf Anfrage von Küpper zu. „Ich fühle mich geehrt“, fügte Don Vappie hinzu. Das sagt ein weltweit geachteter Musiker, der 2011 zusammen mit Wynton Marsalis und Eric Clapton eine CD/DVD aufnahm. „Zu unserem Sechzigsten bekommen wir in Don Vappie ein musikalisches Sahnestück und teilen dieses Geschenk sehr gerne mit unserem Publikum“, freut sich Küpper.

Als der Schaustall noch „Kulturfabrik“ hieß: Plakat von 1990. Foto: RP/Band

Als im Jahre 1959 die Brüder Rüdiger und Peter Colditz mit ihrem Kornett und der Klarinette in einer Garage ihre ersten Jazzimprovisationen fabrizierten, ahnten sie nicht, das daraus mal eine 60 Jahre andauernde Bandgeschichte werden wird und sie heute mit Stolz auf eine der besten New Orleans Jazz Bands in Europa blicken dürfen. Drei Jahre nach Gründung der Band lungerte ein in Wien geborener, musikalisch angehauchter Jungspund um das Garagentor, hörte die Jazzmusik und trat ein. „Ja, wir suchen noch einen Posaunisten“, vernahmen seine Ohren. Und es dauerte nicht lange, da stand Gerhard „Doggy“ Hund aus Kerpen mit seiner Posaune mitten in der Frontline dieser Jazzmusiker.

Die musikalischen Vorbilder fanden sich zunächst in der englischen Jazzscene mit Ken Colyer und Monty Shunshine. Das war schon die richtige Richtung zum traditionellen New Orleans Jazz. Der Kerpener Gerhard „Doggy“ Hund ging aber einen großen Schritt weiter. Er hatte bereits die wahre New-Orleans-Musik gehört und sich einen großartigen Posaunisten als Vorbild ausgesucht. Louis Nelson aus der Stadt am Mississippi gehörte zu den Jazzern, die für viele Posaunisten richtungsweisend waren. „Doggy“ war fasziniert und besessen zugleich. Die musikalische Ausrichtung der Maryland Jazz Band of Cologne war damit besiegelt, und sie gilt bis zum heutigen Tag.

1994 traten die Musiker aus dem Rheinland in der legendären Preservation Hall in New Orleans auf. Foto: RP/Band

„Doggy“ wurde Bandleader, und schnell kam ein Auftritt nach dem anderen für die Jungjazzer. Die Band war im Erftkreis und später in Köln eine sehr gefragte Jazzband. Der Enthusiasmus der Musiker war deutlich größer als der finanzielle Ertrag. Die Wege zu den Auftritten wurden anfangs zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewerkstelligt, was immer wieder zu Diskussionen mit den Schaffnern führte, die wegen der Größe eines Kontrabasses oder eines Schlagzeugs nicht so recht wussten, welcher Preis denn dafür zu zahlen war.

Im Laufe der folgenden Jahre wechselten die Positionen in der Band immer wieder. Ab 1975 wurde die Band mit dem neuen Trompeter und Sänger Frank Nowak und dem Schlagzeuger Peter Wechlin immer professioneller und damit auch immer erfolgreicher. 1980 lud „Doggy“ den ersten Musiker aus New Orleans nach Deutschland ein, um mit ihm auf Tour zu gehen. Natürlich holte er sein ganz persönliches Vorbild Louis Nelson, Posaunist und Sänger, der bereits 78 Jahre alt war und während der gesamten Tour eine absolut professionelle Leistung ablieferte.

Rhythmen, die beleben wie ein guter Drink: 1983 mit dem Trompeter Kid Thomas Valentine. Foto: RP/Band

Mit dieser Tour begann die Maryland Jazz Band of Cologne als erste deutsche Jazzband damit, einmal im Jahr einen authentischen Musiker auf den Bühnen der Jazzclubs und Konzertsäle zu präsentieren. Die Reputation stieg von Jahr zu Jahr. „Doggy“ war nicht nur als Posaunist gefragt, er war für viele gleichgesinnte Jungjazzer der neue Jazzvater am Rhein. Ihn konnte man alles fragen, was mit dem alten Jazz zu tun  hatte. Später war er Schulleiter und versuchte auch als Musiklehrer seinen Schülern den Jazz näher zu bringen. „Doggy“, dessen Lebensinhalt nun endgültig in Stein gemauert war, träumte schon sehr bald  von einem Auftritt in der Preservation Hall in New Orleans.

Das, was für viele internationale Pop- und Opernstars die Carnegie Hall in New York ist, war und ist für den Jazzmusiker immer noch die Preservation Hall in New Orleans. Louis Armstrong, die Humphrey Brüder, Kid Thomas Valentine oder Dave Bartholomew, sie  und viel andere Musiklegenden traten hier auf. Zum 35-Jährigen der Maryland Jazz Band of Cologne wurde im Jahr 1994 der Traum für „Doggy“ und seine Bandfreunde wahr. Von ganz offizieller Stelle wurde der Auftritt der Band in der Preservation Hall genehmigt. Die Empfehlungen kamen aus den Reihen der Musiker, die mit der Maryland Jazz Band of Cologne in Deutschland auf Tournee gegangen waren und in New Orleans von ihrer Qualität berichteten.

Ostern 1994 war es dann soweit. Die damalige Besetzung mit Gerhard „Doggy“ Hund, Joris de Cock, Klaus-Dieter George, Peter Wechlin und Georg „Schroeder“ Derks betraten die Bühne. Am Kontrabass spielte als Gast Placide Adams aus New Orleans, Leiter der Dixieland Hall Jazz Band. Dazu gesellte sich für einige Stücke Dave Bartholomew, Trompeter und Komponist einiger Welthits von Fats Domino.

Vor unter anderem 105 jazzverrückten Mitreisenden aus ganz Deutschland durfte die Band als eine der ersten ausländischen Gruppen in der legendären Preservation Hall auftreten. Mit dabei war der damalige Kölner Stadtrat Dieter Trappe. Den musikalischen Ritterschlag bekamen die Bandmitglieder im gleichen Jahr mit der Überreichung der Ehrenbürgerschaft der Stadt New Orleans. Gewürdigt wurde besonders die authentische Spielweise, aber auch das kulturelle Engagement.

Dave Bartholomew kam zwei Jahre später nach Deutschland und ging dort mit der Maryland Jazz Band auf Tournee. Inzwischen war Reinhard Küpper als Schlagzeuger Mitglied dazugestoßen. Er löste im Oktober 1996 Peter Wechlin ab. Bei einem Tourkonzert im Steigenberger in Duisburg erhielt Küpper aus der Hand von Dave Bartholomew  die Ehrenbürgerschaftsurkunde der Stadt New Orleans. „Ein großartiger Moment“, erinnert sich der aus Duisburg stammende Wahl-Langenfelder.

Inzwischen blickt die Band auf mehrere, offizielle Konzerte in der Preservation Hall zurück. Offiziell bedeutet: Vor Touristen zu spielen, die aus der ganzen Welt nach New Orleans kommen und für einen Set (etwa 30 Minuten) rund 20 Dollar zahlen. Die Wartezeiten vor der Halle liegen im Schnitt bei 30 bis 45 Minuten.

Bis 2014 fuhr die Band alle zwei Jahre nach New Orleans. Gab dort mehrere Konzerte in den legendären Jazzcafes, Clubs, im Radiosender WWOZ, im Frühstücksfernsehen, auf einem der historischen Raddampfer auf dem Mississippi, nahm zweimal am weltgrößten Heritage-Festival teil  und spielte in der aus dem Jahre 1895 stammenden Dew Drop Jazz Hall in Mandeville.

Im April 2006 fuhr die Band ebenfalls nach New Orleans. Dieses Mal mit knapp 20.000 Dollar im Gepäck. Dieses Geld hatte die Band unmittelbar nach dem Hurrikan „Katrina“ in zahlreichen Benefizkonzerten gesammelt, um es dann unter den befreundeten und vom Hurrikan betroffenen Musikern zu verteilen. Ein Teil des Geldes ging auch an die Musikschulen, die sich um sozial schwache Kinder kümmern. Don Vappie, der nicht nur als herausragende Musikerpersönlichkeit in New Orleans bekannt ist, organisierte mehrere Benefizkonzerte mit der Maryland Jazz Band of Cologne und Musikern aus New Orlean. Weitere Gelder kamen zusammen.

Gelebter Kulturaustausch, aus dem langjährige Freundschaften entstanden. Auch das zeichnet die Band aus. Freundschaften innerhalb der Gruppe sind eine wichtige Voraussetzung für gute Musik. „Doggy“ und Reinhard, beides Hundeliebhaber, haben mehrfach gemeinsam ihren Urlaub an der Ostsee verlebt und nicht nur über Musik geredet. Als Ärzte im Jahr 2015 bei „Doggy“ eine nicht mehr heilbare Krebserkrankung feststellten, begleitete ihn die Band bis zu seinem Tod. Ehemalige Bandmitglieder spielten zusammen mit der aktuellen Besetzung für „Doggy“, als er sich bereits im Endstadium seiner Krankheit befand und niemand der Musiker einschätzen konnte, ob er seine Freunde und die Musik überhaupt noch wahrnahm. Pianist Derks und Drummer Küpper waren bis zum Schluss bei  ihm. Wie in New Orleans, so wurde „Doggy“ auf seinem letzten Weg mit einer Brassband begleitet. Viele ehemalige Bandmitglieder kamen und zum traditionellen Beerdigungstitel „Just a closer walk with Thee“  begleiteten die Familie und viele Freunde „Doggy“ zu seiner letzten Ruhestätte. Das hatte er sich immer gewünscht.

Nach „Doggys“ Tod entstand zunächst ein emotionales Loch. Die Frage stand im Raum, ob die Band am Ende ist. Schnell war sich der harte Kern aber einig: Es muss weitergehen. Immerhin ging es um das Lebenswerk von  „Doggy“ und um die Erhaltung und Pflege der alten Jazzmusik. „Doggy“ war es, der durch sein unermüdliches Engagement die Band weit über die Grenzen Deutschlands bekannt gemacht hat. Konzerte in  der Schweiz, Holland, Belgien, Dänemark und eben New Orleans sorgten für große Anerkennung und Beachtung. Großartige Musiklegenden waren zu Gast in Deutschland und viele Bild- und Tonträger entstanden im Laufe der letzten Jahre. Sie dokumentieren die musikalische Entwicklung der Gruppe. Sollte das nun alles zu Ende sein?

Fest stand: Den alten Bandnamen sollte es nicht mehr geben. Das hatte „Doggy“ schon zu Lebzeiten mehrfach gesagt.  Reinhard Küpper, der sieben Jahre Chef der New Orleans Haertbraekers war, organisierte kurzer Hand eine Bandbesprechung mit einer Tagesordnung, die dann Punkt für Punkt abgearbeitet wurde.  Demokratisch wurden Entscheidungen getroffen, die den Fortbestand sicherten. Die Band machte weiter. Mit einem neuen Namen, zwei neuen Musikern und einem neuen Management ging es frisch ans Werk.    Posaunist Bart Brouwer aus den Niederlanden und Trompeter und Sänger Bruno van Acoleyen aus Belgien brachten mit ihrer Persönlichkeit und langjährigen Erfahrung neuen Wind. Das aufgefrischte Repertoire sorgt inzwischen für sehr viel positive Resonanz beim Publikum. Die sieben Musiker sind mit der Gesamtsituation mehr als nur zufrieden.

60 Jahre Bandgeschichte sind unter anderem auf 22 Tonträgern und einer DVD dokumentiert. Auch die einschlägige Fachliteratur verweist in zahlreichen Büchern auf die Arbeit der Band. CD-Rezensionen im „Jazzpodium“ ergänzen den hohen Stellenwert der heutigen New Orleans Jazz Band of Cologne. Mit der zuletzt erschienen Jubiläums-CD „Song of New Orleans“ hat sich die Band ein eigenes Geburtstagsgeschenk gegönnt und versteht die CD   gleichzeitig als Liebeserklärung an die Stadt New Orleans.

Anfang Mai feierte die Band ganz offiziell ihr 60-jähriges Bandjubiläum, zusammen mit zahlreichen, ehemaligen Mitgliedern, in Kerpen, der Heimat von „Doggy“. Der Bürgermeister der Stadt Kerpen, Dieter Spürck, übernahm die Schirmherrschaft. Es wurde ein umjubeltes Konzert im ausverkauften Capitol-Theater.

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