Langenfeld: Dem Vergessen entrissen

Langenfeld : Dem Vergessen entrissen

Vor Haus Bahnstraße Nr. 8 in Immigrath wurden am Dienstag vier Stolpersteine enthüllt. Die Messingplättchen erinnern an die jüdische Familie Salomon, die in diesem Haus lebte, ehe sie verschleppt und ermordet wurde.

Es ist ungefähr ein Menschenleben her, als Familie Salomon das schöne gründerzeitliche Haus mit den fein gearbeiteten Mädchenköpfen und "Wasserspeiern" an der Fassade bewohnte. Vater Albert Salomon war knapp 53, als er im Dezember 1941 nach Riga deportiert wurde.

Mutter Irene Regina wurde fünf Tage vor ihrem 49. Geburtstag in Auschwitz vergast. Sohn Herbert, bei Hitlers "Machtergreifung" elf Jahre alt, starb im März 1945 23-jährig im KZ Buchenwald. Heute wohnen in dem Haus Bahnstraße Nr. 8 in Sichtweite des alten Immigrather Bahnhofs Reinhold (55), Birgit (49) und Marius (25) Offenberg. Im Bürgersteig gleich vor ihrer Haustür erinnern seit vier messingbeschlagene "Stolpersteine" an Familie Salomon.

"Aus Respekt vor den Ermordeten" hätten sie der Verlegung zugestimmt, sagt Birgit Offenberg: "Umgekehrt fände ich es respektlos, ihnen diese Erinnerung zu verweigern."

"Opfern den Namen zurückgeben"

In den Boden gebracht hatte die "Stolpersteine" mit den Namen und Lebensdaten der Ermordeten am Mittag der Kölner Künstler Gunter Demnig. Rund 27.000 der goldfarbenen Gedenkquadrate in mehr als 600 Städten hat er seit 1993 verlegt.

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Sie erinnern überwiegend an Opfer der nationalsozialistischen Judenvernichtung, aber auch an andere, die wegen ihres Glaubens oder ihres So-Seins in der braunen Mordmaschinerie umkamen, wie etwa der katholische Monheimer Pfarrer Franz Boehm. "Sie wurden als ,Massenware' verschleppt und ermordet. Indem wir ihnen ihren Namen zurückgeben, werden sie wieder zu Persönlichkeiten, zu Menschen", erläutert der 63-jährige Demnig den Sinn seiner "sozialen Skulptur".

In Langenfeld waren es die Stolpersteine Nummer sieben bis zehn. Vier sollen nach einem Ratsbeschluss aus dem Jahr 2005 noch hinzukommen, doch die jetzigen Eigentümer der betroffenen Häuser verweigern die laut Ratsbeschluss nötige Zustimmung, teils weil sie, wie es aus dem Rathaus heißt, "mit dem Thema nicht konfrontiert" werden wollen, teils weil sie Ängste, etwa "vor Anschlägen", geltend machen.

Der Enthüllung der vier Stolpersteine auf der Bahnstraße wohnten mehr als 100 Langenfelder bei, davon allein 85 angehende Konfirmanden der nahen Erlöserkirche. Still lauschten sie der Trompete des 13-jährigen Pascal Lenski. Bürgermeister Frank Schneider sprach von den vielen, die "schwiegen und wegsahen, als ihren Mitmenschen Unrecht und Leid widerfuhren".

Für die evangelische Kirchengemeinde, die die Patenschaft für die Stolpersteine übernommen hatte, unterstrich Pfarrer Andreas Pasquay die Bedeutung des Erinnerns — "als Kennzeichen der bürgerlichen, als Markenzeichen der christlichen und als Grundstein der jüdischen Kultusgemeinde". Pasquay kündigte ein besonderes Gedenken für Familie Salomon "jeweils am Volkstrauertag" an, ehe er mit einem ergreifenden Gebet aus dem Jüdischen schloss, das den "Verstorbenen" gewidmet ist und so endet: "Solange wir leben — werden sie auch leben, denn sie sind nun ein Teil von uns, wenn wir uns an sie erinnern."

(RP)
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