Langenfeld: Dem Glücksspiel verfallen

Langenfeld : Dem Glücksspiel verfallen

Etwa ein Prozent der Deutschen sind gefährdet, spielsüchtig zu werden; in Langenfeld und Monheim wären das rund 1000 Menschen. Facharzt Heinrich Glaser behandelt in der LVR-Klinik Betroffene wie Dirk Sch. (Name geändert).

Dirk Sch. (Name geändert) ist ein freundlicher und ruhiger Mann. Er wirkt ausgeglichen. Nichts deutet darauf hin, dass ein dunkler Schatten über dem Leben des 31-Jährigen liegt. Er ist verheiratet, Familienvater und hat einen festen Arbeitsplatz. Doch beinahe hätte er seine Existenz ruiniert. Seit 20 Monaten ist Sch. in therapeutischer Behandlung. Jahrelang war er süchtig nach Glücksspielen jeder Art. Sportwetten, virtuelle Casinos, Online-Pokerspiele... – vor allem das Internet bietet unzählige Möglichkeiten, pathologische Spielsucht auszuleben. Die Fallzahlen steigen.

Psychiater Heinrich Glaser (r.) behandelt Dirk Sch. Foto: Audersch

"Verlockungen allgegenwärtig"

"Heutzutage sind die Verlockungen allgegenwärtig", meint Heinrich Glaser, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in der Ambulanz für Abhängigkeitserkrankungen der Langenfelder LVR-Klinik. "Es ist schwer, sich dem Angebot vollständig zu entziehen, wenn man für Glücksspiele empfänglich ist. Der seelische Schaden ist oft schlimmer als der materielle Verlust." Eine genaue Erhebung der Fallzahlen für das Einzugsgebiet der Klinik an der Kölner Straße gebe es zwar nicht. "Aber man kann sagen, dass etwa ein Prozent der Deutschen süchtig nach Glücksspielen werden kann." Langenfeld und Monheim haben zusammen mehr als 100 000 Einwohner. Nach Glasers Schätzung sind also rund 1000 Menschen in beiden Städten gefährdet.

Die Geschichte von Dirk Sch. beginnt harmlos. Als Jugendlicher wettet er in einer ganz normalen Tippgemeinschaft auf die Ergebnisse der Fußball-Bundesliga. Gleich bei seinen ersten Voraussagen liegt er richtig und gewinnt kleinere Beträge. "Da habe ich gemerkt, dass man durch Wetten leicht Geld verdienen kann", beschreibt der Chemikant den Einstieg in die Sucht. "Danach ging alles ganz schnell. Ich habe so ziemlich alle Möglichkeiten genutzt – von Spielautomaten bis zum Aktienmarkt."

Als Ende der 1990er Jahre der Börsenboom der "New Economy" einsetzt, spekuliert Sch. begeistert mit. Schnell verdoppelt er sein Vermögen, es scheint zunächst nur aufwärts zu gehen. Aber der Höhenflug endet mit dem Platzen der Blase. Die Aktienkurse fallen ins Bodenlose. Er steigt kurzerhand auf Sportwetten um, später vertreibt er sich die Zeit auch in virtuellen Casinos. "Es wurde über die Jahre immer extremer", sagt der 31-Jährige. "Am Ende ging es teilweise um Summen im hohen fünfstelligen Bereich. Es war wie ein Rausch. Ich hatte acht Konten bei verschiedenen Banken." Sieben Jahre lang habe sich seine Sucht "eher schleichend" entwickelt. "Aber in den letzten drei Jahren war es wirklich extrem. Ein Grund waren sicher auch die unzähligen Angebote im Internet."

Guter Freund riet zu Behandlung

Erst ein guter Freund macht ihn darauf aufmerksam, dass er seine Spielsucht nicht unter Kontrolle hat. Er rät Sch., sich professionelle Hilfe zu suchen. Allmählich wird ihm bewusst, dass er sein über Jahre aufgebautes Netz aus Lügen nicht aufrecht erhalten kann. Er macht reinen Tisch und geht in Behandlung "Ich wollte vor allem meine Familie retten", unterstreicht der Chemikant. In der ambulanten Therapie steht die Suche nach den Auslösern seiner Sucht im Mittelpunkt. "Es ist mühevolle Kleinarbeit", sagt Heinrich Glaser. "Dabei lernen die Patienten, Reizmomenten zu widerstehen und mit dem Suchtdruck fertig zu werden. Das kann von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein."

(dora)