1. NRW
  2. Städte
  3. Langenfeld

Langenfeld: Billionen in einer Hand

Langenfeld : Billionen in einer Hand

Der Langenfelder Wirtschaftshistoriker Bernd Sprenger hat für die Stadt-Sparkasse eine Ausstellung zur Hyper-Inflation 1923 konzipiert.

Bei der Bewältigung der europäischen Schuldenkrise spielt die Angst der Deutschen vor einer Inflation immer wieder eine Rolle. Wer wissen will, warum, sollte sich die Ausstellung "Die große Inflation 1923 — ein deutsches Trauma" in der Stadt-Sparkasse Langenfeld ansehen. Der Langenfelder Geldhistoriker Dr. Bernd Sprenger zeigt in der von ihm konzipierten Schau, welche konkreten Auswirkungen auf das tägliche Leben und Zahlungswesen mit dieser "Hyperinflation" verbunden waren.

 Ausstellungsmacher Bernd Sprenger mit Inflationsgeld von 1923 in der Stadt-Sparkasse Langenfeld. Unten zwei Beispiele für die zum Teil nur einseitig bedruckten Scheine.
Ausstellungsmacher Bernd Sprenger mit Inflationsgeld von 1923 in der Stadt-Sparkasse Langenfeld. Unten zwei Beispiele für die zum Teil nur einseitig bedruckten Scheine. Foto: Matzerath (1); Sprenger

Die Besucher finden eine auch auf die lokalen Besonderheiten abgestellte Sammlung der damaligen Banknoten, Inflationsbanknoten und Notgeldscheine. Damals stieg zum Beispiel ein mittleres Beamtengehalt von 342 Mark pro Monat im Jahr 1913 auf 1813 Mark Ende 1920. Das war nur der Anfang, nur drei Jahre später — im September 1923 — waren daraus 3,04 Milliarden und im Dezember desselben Jahres sogar 210 Billionen geworden.

 Ausstellungsmacher Bernd Sprenger mit Inflationsgeld von 1923 in der Stadt-Sparkasse Langenfeld. Unten zwei Beispiele für die zum Teil nur einseitig bedruckten Scheine.
Ausstellungsmacher Bernd Sprenger mit Inflationsgeld von 1923 in der Stadt-Sparkasse Langenfeld. Unten zwei Beispiele für die zum Teil nur einseitig bedruckten Scheine. Foto: Matzerath (1); Sprenger

Unvorstellbare Zahlen! Leichter nachzuvollziehen als die Eins mit zwölf Nullen scheint der Alltag im Herbst vor 90 Jahren: Arbeiter erhielten zweimal täglich ihren Lohn — und jeweils eine halbe Stunde Pause, um loszurennen und einzukaufen. Wer bis zum Nachmittag wartete, der konnte für das mittags erhaltene Geld kaum noch etwas kaufen. Um zwei Tage zu verreisen, brauchte man einen kleinen Koffer für die unterwegs benötigten Geldscheine. Weihnachten 1922 war für die Hausfrauen ein Alptraum. Das Pfund Butter kostete im November 800, kurz vor dem Fest 2200 Mark. "Die Inflation war eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Katastrophe, über Generationen gesammelte Ersparnisse wurden vernichtet", erinnerte Sprenger an die Folgen: "Ein Trauma, das die Deutschen nicht vergessen haben".

  • Die Rauchwolke hat in Langenfeld Angst
    Explosion im Chempark : Nach Explosion: Es besteht keine Gefahr für Langenfeld
  • Städtischer Mitarbeiter hat über 20 Jahre
    Rathausbetrug : Rathausbetrug: Beklagter sagt aus
  • Ein Teil der Kirchenbänke ist verkauft
    Kirchensanierung : 20 Bänke aus der Klinikkirche sind verkauft

Bei der Ausstellungseröffnung erläuterte der Historiker die Ursachen der Hyper-Inflation. Der jungen Weimarer Republik sei es nach dem Weltkrieg nicht gelungen, die hohen Defizite in den öffentlichen Haushalten in den Griff zu bekommen. Natürlich fehlte auch nicht der Vergleich zur heutigen europäischen Situation, mit dem Ergebnis, dass wir aktuell (noch) keine Inflationsängste haben müssen.

Besonders reizvoll an der Schau sind die örtlichen Exponate. Mit den ständig steigenden Preisen konnten die Druckmaschinen der Reichsbank nicht Schritt halten, obwohl man immer einfachere Scheine, teilweise ohne Rückseitenaufdruck, herstellte. Gebietskörperschaften wie der Kreis Solingen oder große Firmen wie Kronprinz druckten "Notgeld", um Löhne bezahlen zu können. Es waren letztlich Gutscheine, die von der Reichsbank —oder wie beim Kronprinz-Notgeld —auch von der Sparkasse eingelöst wurden. So sieht man einen 500 000-Mark-Schein von Kronprinz vom 11. August 1923 sowie Notgeldscheine des Kreises Solingen, zu dem damals Langenfeld gehörte. Die Scheine tragen häufig die Inschrift "Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe!"

Der Spuk endete, als die Reichsbank keine Schatzanweisungen des überschuldeten Staates mehr kaufen durfte. "Die Quelle versiegte, der Zugriff auf die Notenpresse wurde verwehrt." Nebenwirkung: Die gesamten Kriegsschulden von 150 Milliarden Mark sind jetzt noch 15 Pfennig wert. "Der Staat hat sich mit der Inflation seiner Schulden entledigt", sagt Sprenger.

(mmo)