Zugabe Unser Senf Zum Wochenende: BGL/FDP: Erst kommt die Post, dann die Moral

Zugabe Unser Senf Zum Wochenende: BGL/FDP: Erst kommt die Post, dann die Moral

Am Donnerstag die Reklame einer Bäckerei im neuen Ladenzentrum in Berghausen gelesen. Holzofenbrot. Aber das war es nicht, was mir ins Auge fiel. Sondern die Adresse. Hugo-Zade-Weg. Wie tröstlich, dachte ich. Zumindest etwas tröstlich. Wenn das die Nazis lesen könnten, ich meine die Original-Nazis aus Hitler-Deutschland. Sie haben Hugo Zade, den Langenfelder Kinderarzt (geboren 1880), mit seiner Frau Martha und Tochter Ursula wie zahllose andere Juden 1944 in Auschwitz vergast.

Nikolaus Groß (geboren 1898) war kein Jude, sondern Christ, war kein Langenfelder, sondern ein Mann aus dem Ruhrgebiet. Aber auch er wurde von den Nazis ermordet, auch an ihn wird bald eine Straße in Langenfeld erinnern. Der Chefredakteur einer katholischen Gewerkschaftszeitung widersetzte sich den Nationalsozialisten seit den 20er Jahren, zählte 1944 zu den Verschwörern des 20. Juli. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler wurde der Vater von sieben Kindern in seiner Kölner Wohnung verhaftet, am 23. Januar 1945 in Plötzensee gehenkt. Auf Antrag der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) hat der Planungsausschuss am Donnerstag beschlossen, eine neue Straße in Reusrath (von der Opladener abzweigend, an den Locher Wiesen) nach dem 2001 seliggesprochenen Groß zu benennen. CDU und SPD stimmten dafür, die Grünen enthielten sich, FDP und BGL sagten nein.

Beide hätten lieber den Namen "Zur Alten Post" gehabt. In Erinnerung an die Traditionsgaststätte, bis 1975 auch Post. Das Gebäude wurde in diesem Jahr zum Leidwesen etlicher Reusrather abgerissen. Die Begründung ist an sich passabel, weshalb die Grünen als Kompromiss vorschlugen: Lasst den Nikolaus Groß, nehmt statt "Am Kirchhof" (ebenfalls neu) "Zur Alten Post". Aber das Gaststätten-Gedenken gegen den KAB-Vorschlag ins Spiel zu bringen, gegen Nikolaus Groß? Das ist seltsam geschichtsvergessen. Bei der BGL ist es halt der Horizont, der oft nur bis zur Stadtgrenze reicht. Und die Langenfelder FDP? Der hätte man mehr geschichtspolitische Sensibilität zugetraut - gerade weil sie nach dem Krieg ein Sammlungsbecken auch von Altnazis war.

(RP)