Monheim: 92 nach Hochhausbrand ohne Obdach

Monheim : 92 nach Hochhausbrand ohne Obdach

Im Berliner Viertel in Monheim hat ein Feuer eine Wohnung im Dachgeschoss eines achtstöckigen Hauses vernichtet. Das Gebäude ist laut Feuerwehr einsturzgefährdet. Ob Bewohner in ihre Wohnungen zurückkönnen, ist ungewiss.

Siakir Siakir weiß, dass es noch viel schlimmer hätte ausgehen können. Dennoch ist der junge Familienvater auch gut 48 Stunden nach dem Hochhausbrand an der Lichtenberger Straße noch immer fassungslos. "Aus der Toilette kam plötzlich dicker schwarzer Rauch", erzählt er von dem, was er am Samstagvormittag gegen 11 Uhr erlebte und zeigt hinauf zu seiner Wohnung im fünften Stock. Nur raus hier, sei es ihm durch den Kopf geschossen. Der 34-Jährige schnappte sich seine beiden kleinen Kinder und lief mit seiner Frau das Treppenhaus hinunter - hinaus ins rettende Freie.

Foto: Schlender, Torsten

Vier Verletzte und ein vorerst unbewohnbares, weil möglicherweise einsturzgefährdetes achtstöckiges Hochhaus, so lautet die Kurzbilanz des Brandes von Pfingstsamstag - laut Torsten Schlender, Vizechef der Monheimer Feuerwehr, ein "nach Lage der Dinge noch glimpflicher" Verlauf. "Wäre das nachts passiert, wäre das hier anders ausgegangen", sagt der Feuerwehrsprecher und braucht das Schreckensszenario über den Millionenschaden hinaus gar nicht weiter auszumalen. In den 31 Wohnungen von Haus Lichtenberger Straße 48 leben laut städtischem Ordnungsamt 92 Menschen. Der Feueralarm kam an einem trocken-heißen Schönwetter-Vormittag. Nicht auszudenken, wenn es zu nachtschlafender Zeit . . .

Foto: Schlender, Torsten

Aber auch so zählt das Pfingstfeuer zu den schlimmsten Wohnungsbränden in der Geschichte Monheims. Was genau ist passiert?

Fest steht, dass das Feuer von einer Dachgeschosswohnung in der siebten Etage seinen Lauf nahm, in der sich am Samstagvormittag niemand aufhielt. Ursache war laut Polizei "wahrscheinlich" ein technischer Defekt an einem Elektrogerät. Auf eine Brandstiftung gebe es keine Hinweise, sagen die Ermittler. Die Tatsache, dass die Dachgeschosswohnung komplett brannte, lässt Feuerwehrmann Schlender vermuten: "Entweder hat das Feuer schlagartig durchgezündet, oder es entwickelte sich lange im Verborgenen, ehe es entdeckt wurde. Anders lässt sich seine enorme Zerstörungskraft nicht erklären."

Wie Familie Siakir konnten sich alle Bewohner, die sich zum Brandzeitpunkt im Haus aufhielten, ins Freie retten. "Eine Bewohnerin wurde zunächst vermisst, nachdem jemand von Hilferufen aus ihrer Wohnung berichtete. Aber es stellte sich zum Glück heraus, dass sie verreist war", sagt Schlender. Drei Bewohner wurden mit Verdacht auf Rauchgasvergiftung im Krankenhaus behandelt. Eine Feuerwehrfrau zog sich Verbrennungen in ihrem Schutzanzug zu, einer ihrer Kollegen erlitt einen Kreislaufkollaps. "Die Hitze im Dachgeschoss war so groß, dass sich unsere Leute einmal schlagartig zurückziehen mussten", schildert Schlender die dramatischsten Minuten des zwölfstündigen Einsatzes. Die Temperaturen schätzt er auf 700 bis 800 Grad - "das hält man auch in modernsten Schutzanzügen nicht lange aus".

Die Gluthitze hat das Gebäude derart in Mitleidenschaft gezogen, dass es derzeit unbewohnbar ist. Es gibt massive Risse an der Fassade, durchhängende Decken und durchgebogene Wände. Da Feuerwehrchef Hartmut Baur und eine Statikerin des Technischen Hilfswerks einen Einsturz von Gebäudeteilen nicht ausschließen, verhängte die Einsatzleitung ein Betretungsverbot. In die beiden oberen Stockwerke darf außer Sachverständigen niemand mehr hinein. Die Wohnungen bis zur fünften Etage dürfen die Bewohner nur betreten, um Wertgegenstände herauszuholen.

"Die meisten Bewohner kamen bei Angehörigen oder Freunden unter, 30 Personen haben mit uns das Bürgerhaus Baumberg aufgesucht, wo sie gemeinsam vom Deutschen Roten Kreuz und einer Notfall-Seelsorgerin betreut wurden", berichtet Hans-Peter Anstatt vom städtischen Ordnungsamt. Vier der Ausgebrannten seien über Nacht im Bürgerhaus geblieben. Für die weitere Unterbringung habe die Stadt in einem Monheimer Hotel Zimmer angemietet, wo zunächst 15 Betroffene übernachteten. Die Wohnungsvermieterin Gagfah kündigte zudem an, nach Möglichkeit Ersatzwohnungen bereitzustellen, auch in Zusammenarbeit mit der LEG.

Nach Worten von DRK-Mann Clemens Schwarz, der die Bewohner gestern vor dem Brand-Haus betreute, ist neben den praktischen Hilfen seelische Unterstützung jetzt besonders wichtig. "Das ist schon ein gewaltiger Einschnitt", sagt Schwarz. Familie Siakir hat die ersten Nächte nach dem Brand bei Bekannten im Berliner Viertel ein paar Häuser weiter verbracht. "Ich hoffe, dass unsere Vermieterin schnell eine neue Unterkunft für uns findet", seufzt Vater Siakir. Über seine Wohnung, die er kurz zuvor betreten durfte, um ein paar Habseligkeiten zu retten, sagt er: "Es ist alles Müll, alles kaputt." Nur ein paar nasse Kleider habe er noch herausholen können. Wie es jetzt weitergehen soll, das weiß der 34-Jährige noch nicht. "Besonders für die Kinder wird es schwer werden, das hier alles zu verarbeiten."

(jsch)