Hückelhoven: Zeche stellte Rathaus zur Verfügung

Hückelhoven: Zeche stellte Rathaus zur Verfügung

Bei der kommunalen Neugliederung im Jahr 1935 waren die Ratheimer sicher, dem neuen Gemeindeverbund ihren Namen zu geben. Es kam allerdings ganz anders, denn die Hückelhovener machten das Rennen. Mit Hilfe von Sophia-Jacoba.

Während sich Sophia-Jacoba (SJ) in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit der Globalisierung — internationale Kohleüberproduktion, erdballweite Wirtschaftskrise nach dem New Yorker Börsencrash — herumschlug, lief gleichzeitig eine heute fast bizarr anmutende Kommunaldebatte. Die Gemeinden in der Region mussten neu gegliedert werden — Sophia-Jacoba nahm darauf dezent-kraftvoll Einfluss.

SJ-Begründer Friedrich Honigmann hatte seine Erfahrungen in der Industriepolitik. So hatte er gegen die Interessen der Stadt Heinsberg die Bahnlinie von Baal über Hückelhoven, Ratheim und Wassenberg durchgesetzt — einen knappen Kilometer von den Förderschächten 1 und 2 entfernt. Die Bahn war zu der Zeit der mit Abstand wichigste Massengüter-Transportdienstleister.

SJ hatte zur Stabilisierung der Arbeitskräfte angesichts niedriger Löhne und hoher Fluktuation den Wohnungsbau mit großem Garten als Lockmittel entdeckt. Schon 1918 wurden in Doverack die ersten sechs Werks-Wohnungen gebaut, in der Hückelhovener Mokwastraße, der Sophiastraße und am Friedrichplatz folgten 1920 die nächsten. In Schaufenberg und am Hückelhovener oberen Rur-Rand in den Folgejahren weitere. Während die Zahl der Bergleute nach oben schoss, setzte auch die Einwohnerzahl der heutigen Hückelhovener Innenstadt zum Sprung nach oben an. Die SJ-Mitarbeiterzahl stieg von 1917 bis 1933 von 49 auf 3377. Zu den gleichen Zeitpunkten zählte Hückelhoven 790 bzw. 5027 Einwohner. Zwischen 1917 und 1933 hatte sich die Einwohnerzahl von Ratheim mit 5282 verdoppelt.

Ratheim war also immer größer als Hückelhoven. Von daher war man in Ratheim überzeugt, bei der kommunalen Neugliederung 1935 Hauptort des größeren Gemeindegebildes um SJ herum zu werden und ihm den Namen zu geben. Es wurden Hückelhoven, Ratheim, Hilfarth und Kleingladbach zur neuen Gemeinde zusammengefügt, dafür stehen die vier Silbersterne im Wappen. Zum Entsetzen der Ratheimer Lokalpatrioten wurde Hückelhoven zum Sitz von Rat und Verwaltung bestimmt, dabei hatte Hückelhoven anders als Ratheim noch nicht mal ein Rathaus.

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Rivalität noch spürbar

Wie bei der Bahnentscheidung hatte SJ auch bei der Neugliederung trickreich im Hintergrund erheblichen Einfluss zugunsten seines eigenen Standorts Hückelhoven genommen. Man stellte sogar ein Rathaus zur Verfügung: Den so genannten Bürgerhof, ein Gebäude, das auch heute noch an der Ecke Parkhof-/Martin-Luther-Straße steht. Damit wurde eine Rivalität zwischen den beiden Ortsteilen begründet, die bis in die 70er sehr konkrete Auswirkungen hatte und deren Schwingungen heute noch spürbar sind.

Zum zehnten Jahrestag der Schließung von Sophia-Jacoba am 27. März haben wir eine Serie über ihre Geschichte, die die Stadt geprägt hat, gestartet.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Sophia-Jacoba im Wandel der Zeit

(RP)
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