Worte zur Woche: Das unerträgliche Schweigen bei Missbrauch brechen

Worte zur Woche : Das unerträgliche Schweigen brechen

Dass es zu wenige Beratungsstellen in Fällen von Misshandlung und sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen gibt, ist eine Armutszeugnis.

Sexuelle Gewalt ist ein schlimmes Problem für Mädchen und Jungen, aber auch für Erwachsene, die in ihrer Kindheit oder Jugend davon betroffen waren. Häufig bewegen sich die Betroffenen jahrelang in einem Umfeld des Schweigens. In vielen Fällen – das berichten Fachleute immer wieder – reden die Betroffenen nicht über das, was ihnen zugestoßen ist. Sei es aus Scham oder auch aus purer Angst davor, dass ihr gewohntes Leben aus den Fugen gerät. Sie schweigen aus reinem Selbstschutz. Häufig macht auch das Umfeld, das vom Missbrauch weiß oder zumindest eine Vermutung hat, den Mund einfach nicht auf.

Es ist offenkundig, dass das bloße Erkennen von Gewaltstrukturen und Missbrauchsfällen nicht ausreicht. Es erfordert Mut, sich Hilfe bei sexuellem Kindesmissbrauch zu holen. Nach einer Misshandlung oder sexuellem Missbrauch sind die betroffenen Kinder und Jugendlichen in ganz vielen Fällen auf Hilfe von außen angewiesen. Darum ist das flächendeckende Angebot von Beratungsstellen, in denen Fachleute für anonyme und kostenlose Gespräche zur Verfügung stehen, für die Betroffenen und deren unmittelbares Umfeld schlichtweg unverzichtbar.

Dass es im Kreis Heinsberg wie in anderen ländlichen Regionen auch bei diesem Beratungsangebot Lücken gibt, darauf hat die Erkelenzer Ortsgruppe des Kinderschutzbundes hingewiesen. Die Verantwortlichen aus den Jugendämtern im Kreis Heinsberg haben diesen Missstand mittlerweile anerkannt. Es gibt Fälle, in denen sich Betroffene an Beratungsstellen in Mönchengladbach wenden mussten, weil ihnen im Kreis Heinsberg die Ansprechpartner fehlten. Auch in der Städteregion Aachen sind offenbar nicht ausreichend Kapazitäten vorhanden, um alle Bedarfe zu erfüllen. Dass es diese Lücken gibt, und mit Kindern und Jugendlichen ausgerechnet die Schwachen der Gesellschaft mit ihren Problemen alleine gelassen wurden, ist ein Armutszeugnis. Und es darf nicht vom Wohnort abhängig sein, ob es kompetente Ansprechpersonen gibt, wenn Hilfe und Unterstützung nötig sind.

Weil das auf Bundesebene erkannt wurde, hat das Familienministerium das Modellprojekt „Wir vor Ort gegen sexuelle Gewalt“ aufgelegt. Damit soll besonders in ländlichen Regionen wie dem Kreis Heinsberg die Einrichtung von Fachberatungsstellen gefördert werden. Es ist erfreulich, dass die Verantwortlichen im Kreis Heinsberg das Beratungsangebot jetzt ausbauen wollen. Besser spät als nie. Sie nutzen damit die Chance, einen kleinen Teil dazu beitragen zu können, das unerträgliche Schweigen in Fällen von Misshandlung und sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen zu brechen.

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