Erkelenz: Über den Krieg, für den Frieden

Erkelenz: Über den Krieg, für den Frieden

Vor 70 Jahren erschien ein Buch des ersten Nachkriegslandrats des Kreises Erkelenz, Jack Schiefer. Mit einer Fülle von Daten lenkte er den Blick auf die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, um nachkommende Generationen zu mahnen.

"Mein Buch will [...] die kommenden Generationen ermahnen, dass Liebe, Friede und Freiheit die kostbarsten Güter menschlicher Gesittung sind, der Krieg aber der Stifter des Bösen ist, der die Bestie im Menschen zu unglaublichem Triumph der Rohheit anstachelt."

Aus allererster Hand stammen diese Worte, aus einem Buch, das vor nun genau 70 Jahren, 1948, erschien. Der Autor, Jack Schiefer, Verfolgter des Naziregimes, schöpfte aus seinem Tagebuch, das er 1944/45 im Erkelenzer Land verfasste. Die Alliierten ernannten ihn 1945 zum ersten Landrat und anschließend zum Oberkreisdirektor. Der diplomierte und promovierte Volkswirtschaftler legte in seinem Buch "Zerstörung und Wiederaufbau im Kreise Erkelenz" eine Fülle von Daten und Statistiken aus dieser Zeit vor, die einen intensiven Blick auf den Furor des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen ermöglichen.

St. Lambertus in Erkelenz: Am Ende des Zweiten Weltkriegs blieb wie zur Mahnung der Turm stehen. Foto: Heimatverein der Erkelenzer Lande

Vor allem hat Jack Schiefer die Menschenopfer des verbrecherischen Naziregimes aufgelistet, während die Gesamtzahl der Opfer weltweit nur geschätzt werden kann, 65 Millionen Tote dürfte die Untergrenze sein.

"Die Menschen werden in tausend Jahren noch von der bestialischen Rohheit dieses Polizeistaates sprechen, der unter der fluchbeladenen Bezeichnung ,Drittes Reich' der Geschichte angehört", resümierte Jack Schiefer. Nach seinen Ermittlungen saßen nachweisbar 23 Kreisbewohner politisch im Konzentrationslager (KZ), mindestens drei von ihnen wurden ermordet, ein weiterer starb an den Folgen der Haft, die bis zu zwölf Jahre dauerte, praktisch die gesamte Nazi-Zeit, das "1000-jährige Reich". Neun Menschen erhielten teils langjährige Zuchthausstrafen, darunter Jack Schiefer selbst, der im Untergrund für die verbotene SPD arbeitete. Er äußerte dazu einmal, dass er dieses "Dritte Reich" nicht überlebt hätte, wenn die Gestapo ihm das ganze Ausmaß seiner Untergrundarbeit hätte nachweisen können.

Ramachers Mühle in Wegberg an der Burgstraße: Im Krieg vermutlich am 16. Januar 1945 stark beschädigte Gebäudeteile. Foto: Stadtarchiv Wegberg

Mit Stichtag 1. Februar 1947 waren im Kreis Erkelenz 300 Bombentote gemeldet, 1312 gefallene Soldaten, die Gesamtzahl von 1612 Toten waren 2,7 Prozent der Kreisbevölkerung von 60.000 Menschen nach der Zählung von 1939. Jack Schiefer schätzte ein, dass die gefallenen Soldaten rund 25 Prozent der männlichen Bevölkerung im Alter von 20 bis 40 Jahre ausmachten.

Darüber hinaus waren der Kreisfürsorgestelle 1947 an Verletzten durch den Bombenkrieg 150 Menschen gemeldet, an Schwerbeschädigten waren 824, von denen 108 Beinamputierte, 55 Armamputierte waren, in der Regel Soldaten, darüber hinaus acht Kriegsblinde. Jack Schiefer stellte "die grauenerfüllte Bilanz der menschlichen Opfer" an den Schluss des Buchs, die "auch eine Warnung sein [mögen], und dem Gedanken des Friedens und der Völkerverständigung dienen". Den materiellen Schaden, den die Menschen im Kreis Erkelenz erlitten, beziffert der Wirtschaftswissenschaftler Schiefer auf rund 100 Millionen Reichsmark im Wert der Vorkriegszeit. Nachdem er vor weiterer Verfolgung durch die Nazis im Januar 1945 untergetaucht war, er sollte ins berüchtigte militärische Strafbataillon 999, kehrte er am 19. März 1945 nach Erkelenz zurück, wurde von der amerikanischen Militärregierung am 20. April zum Landrat ernannt. Zum 1. Juni nahm er eine erste Bestandsaufnahme des Wohnraums vor im Kreis Erkelenz, dem damals die acht Kommunen/Ämter Erkelenz-Stadt, Erkelenz-Land, Hückelhoven, Wegberg, Baal, Niederkrüchten, Holzweiler und Wildenrath angehörten. Sie ergab 7259 unbeschädigte und 4480 beschädigte Wohnungen mit Zerstörungsgraden zwischen 15 und 100 Prozent.

Dass diese Zahlen unter den chaotischen Verhältnissen, viele Menschen waren aus der "Evakuierung" noch gar nicht zurück, sehr ungenau waren, ergab die Zählung am 30. Oktober 1946, als Jack Schiefer Oberkreisdirektor war. Da kam die Gesamtwohnungszahl auf 14.118, von denen 3245 oder 23 Prozent total zerstört waren, 5475 oder 39 Prozent waren reparaturbedürftig, 5398 oder 38 Prozent waren unbeschädigt. Die schwersten Gesamtbeschädigungen hatten mit jeweils 30 Prozent Baal und Wegberg zu verzeichnen, das Amt Erkelenz hatte 19 Prozent, Hückelhoven sieben Prozent, das Amt Holzweiler war mit zwei Prozent am geringsten betroffen.

Am schwersten ge- und betroffen war nach Schiefers Statistik vom 1. Juni 1945 die Stadt Erkelenz, die als Sitz der Kreisverwaltung und weiterer Behörden, auf die die alliierten Bomber umgerechnet 44 Waggons á 20 Tonnen Sprengstoff abgeworfen hatten. Mit 88 Prozent zerstörten Wohnraums stand Erkelenz in der Reihe der Kreisstädte im Rheinland, die als Verwaltungs- und Kriegs-Logistik-Zentren schwer bombardiert wurden, um den letzten heftigen Widerstand des Nazi-Systems vor dem Rheinübergang zu brechen. Das Kreisbauamt nahm seine Arbeit unter Führung von Jack Schiefer im Mai 1945 wieder auf, die Wohnungsreparaturen erwiesen sich als Herkulesaufgabe. Der Landrat schätzte den Bedarf an Fensterglas allein auf 67.000 Quadratmeter und den an Dachziegeln auf 11,5 Millionen.

(RP)