Erkelenz: Petra Hanßen nimmt in einem Gasbeitrag Stellung zur Situation im Schulsport

Gastbeitrag von Petra Hanßen : Wie steht es um unseren Schulsport?

Für die einen war es in der Schule ein Fluch, für andere ein Segen: Sportunterricht. Aber hat sich über die Jahre etwas verändert im Schulsport? Stimmt es, dass die Leistungen immer schlechter werden? Besteht Reformbedarf im Schulsport? In diesem Jahr wird im Kreis Heinsberg das Jubiläum „50 Jahre Kreisschulsport“ gefeiert. Ein guter Zeitpunkt, um zwei Schulsport-Experten zur aktuellen Situation Stellung nehmen zu lassen.

Seit mehr als 30 Jahren organisiere ich jetzt schon das schulsportliche Wettkampfwesen im Kreis Heinsberg. Ich komme quasi aus dem Wettbewerb, habe als Kind und Schülerin des Cornelius-Burgh-Gymnasiums schon selbst teilgenommen und durfte in der Leichtathletik dreimal in Berlin am Bundesfinale von „Jugend trainiert für Olympia“ teilnehmen. Ich werde nie vergessen, wie ich als 13-Jährige im Olympiastadion angetreten bin – das waren unglaubliche Emotionen.

Wenn ich mir das aktuelle Leistungsniveau im Schulsport jedoch anschaue, muss ich leider sagen: Die Lage ist katastrophal – die Leistungsfähigkeit der Kinder geht deutlich bergab! Aber was sich hier abzeichnet, will niemand sehen. Das Schulfach Sport hat leider keine Lobby. Nach wie vor ist Sport das erste Fach, das an Schulen ausfällt und im Grundschulbereich, in der Lebensphase, in der sich Kinder noch sehr gerne bewegen, gibt es kaum noch ausgebildete Sportlehrkräfte.

Petra Hanßen (58) Diplom-Sportlehrerin zuständig für den Schulsport beim Kreis Heinsberg F: Adrian Terhorst. Foto: Adrian Terhorst

Hinzu kommt eine ungute Entwicklung in der Elternschaft, da viele die sportliche Entwicklung ihrer Kinder geradezu blockieren. Wenn zum Beispiel das Schulsportfest am Tag vor einer Klausur stattfindet, herrscht bei einigen Eltern bereits Weltuntergangsstimmung und sie verbieten ihren Kindern die Teilnahme. Dadurch wird es für viele Sportlehrer auch immer schwieriger, überhaupt noch Teams für die Kreisschulsportfeste zusammenzustellen. Unsere Zusammenarbeit mit den Schulen ist prinzipiell sehr gut, allerdings erfahren die betreuenden Sportlehrer im Kollegium oftmals immer noch Gegenwind, wenn sie zu einem Sportfest fahren. Dabei sind solche Veranstaltungen für Lehrer ja kein Urlaub – oftmals sind sie dann nämlich viel länger unterwegs als an normalen Arbeitstagen.

Es gibt zwar auch heute noch einzelne Schüler, die echte Sportskanonen sind, aber in der Breite wird es inzwischen echt dünn. Besonders der frühe Zugang zu und die oft nicht limitierte Nutzung von digitalen Medien führt zu stundenlangem Sitzen und schränkt die Zeit ein, die für sportliche Aktivitäten genutzt werden könnte. Das heißt, notwendige Muskulatur wird entweder gar nicht erst ausgebildet oder degeneriert – da muss man sich fragen, ob Jugendliche von heute in 40 Jahren noch aufrecht gehen können. Ich sehe da in einigen Jahrzehnten ein großes gesamtgesellschaftliches Problem auf unsere Gesellschaft zukommen. Mal ganz abgesehen von der sozialen Komponente, die der Sport für die menschliche Entwicklung spielt.

Unterstützt wird diese Problematik noch vom schulischen Ganztag, der unsere Kinder viel länger als früher in der Schule bindet. Wir Deutschen sind Vereinsmeier – unser Sportsystem ist über die Vereine organisiert. Im Ausland, zum Beispiel in England, ist das anders, da laufen die sportlichen Aktivitäten über die Schulen ab. Sicher müssten die Sportvereine dieser gesellschaftlichen Entwicklung Rechnung tragen und deshalb mehr in die Schulen gehen, um sich dort einzubringen und die Kinder an den Verein zu binden – aber welcher Ehrenamtler hat dafür in der Praxis Zeit?

Ich glaube jedenfalls, dass sich die aktuellen Entwicklungen im Schulsport für die Gesellschaft in einigen Jahrzehnten wirklich rächen können, wenn wir nicht erkennen, dass Kinder – heute mehr denn je – körperlich gefördert werden müssen. Ein gesunder Geist wohnt schließlich in einem gesunden Körper.
Von Petra Hanßen

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