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Kreis Heinsberg: Hastenraths Will erklärt unsere Heimat

Kreis Heinsberg : Hastenraths Will erklärt unsere Heimat

Hastenraths Will ist erfolgreicher Landwirt und Ortsvorsteher eines kleinen Dorfes im Selfkant – nach dem Zweiten Weltkrieg war der Selfkant niederländisch. Bis vor 50 Jahren. Wie das passierte, erklärt die Kultfigur von Kabarettist Christian Macharski.

Hastenraths Will ist erfolgreicher Landwirt und Ortsvorsteher eines kleinen Dorfes im Selfkant — nach dem Zweiten Weltkrieg war der Selfkant niederländisch. Bis vor 50 Jahren. Wie das passierte, erklärt die Kultfigur von Kabarettist Christian Macharski.

In meine Funktion als führende Lichtgestalt unter den heimischen Lokalpolitikern wurde ich von seitens der Rheinischen Post gefragt, ob ich nicht mal ein aufrüttelnder Essay schreiben könnte zum Thema "Heimat". Nachdem man mir erklärt hatte, was "Essay" bedeutet, habe ich sofort begeistert zugesagt, denn als Kreisheinsberger Urgestein gehört "Heimat" ja quasi zu meine Hauptkernkompetenzthemas. Ungefähr so, wie der Islam zu Christian Wulff gehört.

Heimat hat gerade für uns Menschen im Selfkant ein sehr hoher Stellenwert, denn Sie können sich vorstellen, dass es kein leichtes Los ist, mit Holländer als Nachbarn zu leben. Aber ich will nicht verhehlen, dass auf der anderen Seite dadraus auch viele Freundschaften fürs Leben entstanden sind und man sich näher gekommen ist . . . jedenfalls damals nach Fußball-WMs bei den Schlägereien am Grenzstein.

Vor allem aber wissen wir im Selfkant, was es bedeutet, wenn man von heute auf morgen plötzlich heimatlos ist. Dazu etwas historische Geschichte: Die Niederländer wollten nach dem Zweiten Weltkrieg eine Entschädigung von Deutschland haben und da hat man denen der Selfkant angeboten. Jeder andere hätte das wahrscheinlich als Beleidigung empfunden, aber die haben sich dadrüber gefreut und das auch noch angenommen. Und so stand der Selfkant plötzlich ab dem 23. April 1949 unter niederländische Verwaltung.

Über Nacht hatten wir plötzlich der Gulden als Zahlungsmittel, Fritten als Nationalgericht und eine Frau als König. Unser einzigster Trost war: Das Schmuggeln wurde dadurch erleichtert. Es vergingen viele Jahre, in denen man sich schon fast an Holzschluppen und plötzlich ausscherende Wohnwagen gewöhnt hatte, als sich im Jahre 1963 Konrad Adenauer an ein lauer Sommertag mit der damalige holländische Ministerpräsident Chiem van der Doorpstraat traf, für nochmal in aller Ruhe über die Sache zu reden. Und aus eine Laune heraus haben die dann Tuppen gespielt mit der Selfkant als Einsatz. Und weil der Adenauer dabei haushoch verloren hat, kam der Selfkant wieder zurück zu Deutschland. So jedenfalls hat mir das unser Oppa immer erzählt.

Aber für auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Der Heimatbegriff hat für mich viele verschiedene Fazetten: Heimat ist für mich, wenn ich beim Metzger nach private Sachen ausgefragt werde und im Gegenzug dafür geheime Informationen über andere Dorfbewohner erhalte. Heimat ist für mich der Moment, wenn ich von der Geschäftsreise zurückkehre (zum Beispiel von der Zuckerrübenfabrik in Jülich) und mein Heimatdorf schon aus der Ferne am Geruch erkenne. Heimat ist für mich da, wo man die gleiche Sprache spricht — auch wenn diese Sprache im Nachbardorf schon keiner mehr versteht. Heimat ist für mich wilde, urwüchsige Natur. Der Ort, wo man seine Grünabfälle und Autobatterien hinbringt. Heimat ist für mich da, wo meine Liebsten sind — und auch meine Familie. Heimat ist für mich da, wo ich immer weiß, wann Sperrmüll ist.

Ich könnte diese Aufzählung noch endlos fortführen, aber ich denke, das Zeilengeld reicht mir bis hierhin erst mal. Was ich mit all dem sagen möchte, ist: Ganz egal, ob man in Deutschland lebt, in Holland oder in Heinsberg — Heimat ist da, wo man sich zu Hause fühlt. Denn schon die bekannte Volksmusikantenkapelle "Höhner" wusste: Heimat ist nicht unbedingt ein Ort — Heimat ist ein Jeföhl. Und wenn unsere Heimat, der Kreis Heinsberg, eins ist, dann gefühlsecht.

Ihr/Euer Hastenraths Will

(RP)