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Heinsberg: Der Alltag an der "Heimatfront"

Heinsberg : Der Alltag an der "Heimatfront"

Schicksale von Teilnehmern des Ersten Weltkriegs aus der Region Heinsberg dokumentiert eine Ausstellung im Begas Haus Heinsberg ab 28. Oktober. Tagebücher, Feldpost, Kriegsfotos stehen neben kriegsverherrlichendem Alltags-Nippes.

Vor knapp drei Jahren schon begann die Vorgeschichte zur ersten Einzelausstellung im neuen Begas Haus - Museum für Kunst und Regionalgeschichte Heinsberg, erzählt Museums-Kustos Dr. Wolfgang Cortjaens. Er hat die Schau mit dem Titel "Heim@tfront 1914-1918 - Selbstzeugnisse von Kriegsteilnehmern aus dem Kreis Heinsberg" konzipiert, die vom 28. Oktober bis 1. Februar 2015 im Begas Haus zu sehen ist.

 Zu den Ausstellungsstücken gehören auch "Tischaltäre", die das Bild von Gefallenen tragen.
Zu den Ausstellungsstücken gehören auch "Tischaltäre", die das Bild von Gefallenen tragen. Foto: Begas Haus

"Ein Privatmann kam damals mit einem Ordner voller Dokumente seines im Ersten Weltkrieg gefallenen Großvater aus Gerderhahn zu uns, zeigte Feldpost, Briefe, Fotos und fragte, ob dies wohl etwas fürs Kreisarchiv sei", erinnerte sich Cortjaens. Die Mappe erwies sich als Fundgrube. Und der Privatmann blieb nicht der einzige, der sich mit Familienunterlagen ans damalige "Kreismuseum" wandte. Die Idee zu einer Ausstellung zum Gedenkjahr an den Ausbruch der Ersten Weltkrieg von 100 Jahren reifte. "Wir brauchten keinen öffentlichen Aufruf zu starten, per Mundpropaganda, auch über unsere engagierten Ehrenamtler kam genug Material für die Schau zusammen", sagte Cortjaens. Neben Beständen des Kreismuseums sind Leihgaben von sieben Familien und Stücke des Sammlers Theo Ortenstein aus Gillrath in der Schau zu sehen - insgesamt 80 Exponate.

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Einzelschicksale von Kriegsteilnehmern bilden das Zentrum der Ausstellung - machen im Individuellen die Stimmungslage der Zeit zwischen Kriegseuphorie und Depression deutlich. Cortjaens: "Persönliche Dokumente wie Tagebücher und Briefe, Feldpost, historische Fotografien und Bildpostkarten vermitteln Eindrücke von den jeweiligen Kriegsschauplätzen und der mentalen Verfassung der einzelnen Teilnehmer. Die auf die Mobilmachung 1914 folgende kollektive Kriegsbegeisterung und Faszination, aber auch die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges sowie die zunehmende Ernüchterung werden thematisiert."

Hinter einer von einem Granatensplitter durchschlagenen Brieftasche oder Ansichtspostkarten von Ruinenlandschaften auf Kriegsschauplätzen, stolz verschickt an die Familie zu Hause, stehen menschliche Schicksale ebenso wie hinter sogenannten "Tischaltären" von Kriegsgefallenen aus dem Heinsberger Land. Kontraste werden die Schau bestimmen: die Linderner Pieta mit den Namen der örtlichen Kriegsgefallenen bildet etwa eine Seite, kriegsverherrlichender Kitsch, Nippes (Militärkappe als Nadelkissen) oder Porzellan mit Parolen werden neben Kinderspielzeug zum Krieg und selbstgefertigten Kriegsandenken gezeigt.

Cortjaens hofft, dass auch jüngere Menschen und Schulklassen sich die Ausstellung ansehen. Er sagt: "Gerade die Zeugnisse der Alltagskultur verdeutlichen, in welchem Maße die Gesellschaft vor und nach dem Ersten Weltkrieg von militärischen Leitbildern bestimmt wurde und hilft so beim Verstehen der verhängnisvollen historischen Entwicklung, die später in den Zweiten Weltkrieg mündete."

(RP)