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Kreis Heinsberg: Dampfnostalgie weckt Kindheitsträume

Kreis Heinsberg : Dampfnostalgie weckt Kindheitsträume

Beim Ehrenlokführer-Seminar kann die Selfkantbahn in Schierwaldenrath den tausendsten Teilnehmer begrüßen. Besucher aus ganz Deutschland und dem Ausland nehmen teil. Lokomotive fahren in Theorie und Praxis.

Dampfschwaden wabern über den Bahnsteig, Glockensignal und Zugtuten ertönen, langsam setzt sich der schwere Koloss aus Eisen mit zischenden Lauten in Bewegung. Erst träge, dann immer schneller werdende Radumdrehungen folgen, bis er, in rascher werdender Fahrt, den Bahnhof verlässt. Nostalgische Erinnerungen an die Kindheit werden wach beim Anblick der noch völlig mechanisch betriebenen Eisenlokomotive.

Die Herzen der Männer, die erstmals an den beiden Seminartagen als Lokführer tätig sind, schlagen höher, als es zu ihrer ersten eigenen Fahrt als Zugführer geht. Noch stehen sechs der acht Teilnehmer am Bahnsteig, nur zwei können jeweils in die Fahrerkabine steigen, zusammen mit ihrem Lehrer Günther Steinhauer, der ihnen das Fahren des Eisenschiffes beibringt. Geduldig erklärt er jedem, wie man bremst, die wichtigste Fähigkeit auf der Fahrt. Der Hebel wird sorgfältig und gefühlvoll vor und zurück geschoben, bis die Lok anhält. Beim ersten Mal meist ruckartig. Noch ist das Gefühl für die Stärke der Bremsung nicht verinnerlicht, noch bedarf es der Übung für ein gleichmäßiges Langsamerwerden.

Beim Theorieunterricht am ersten Vormittag wird die Technik der Maschine genau erklärt. Die Männer lernen, wie man eine Dampflok anheizt, sie in Bewegung setzt und wieder zum Stehen bringt. "Zunächst wird der Zug entschlackt, also die Reste der Kohlefeuerung werden ausgeräumt, dann wird angeheizt. Das passiert zuerst mit Holz und dann erst mit Kohle", erklärt Albert Ulrich, einer der acht Teilnehmer. Besonders intensiv wird die Bremstechnik geübt. Zuerst am Modell im Theorieraum, später bei ihrer ersten Fahrt. "Das Bremsen ist das Wichtigste", wissen die Männer.

Die Freude ist groß, als die erste Testfahrt nacheinander für die angehenden Ehrenlokführer losgeht. Alle tragen lange Hosen, um ihre Beine zu schützen, die an den sich erwärmenden Eisenteilen in der Führerkabine leicht Verbrennungen erleiden könnten. Es ist heiß in dem kleinen Raum - obwohl alle Fenster geöffnet sind. Konzentriert werden die glänzenden Messingräder für die Dampfheizung und die Luftpumpe ebenso wie die Messgeräte für den Dampf beobachtet und überprüft. Jeder möchte eine saubere Fahrt abliefern. "Nach einer kurzen Einweisung, was sich gegenüber unserem Model beim Bremsen geändert hat, dürfen wir bis ans Ende zum Prellbock fahren, unter Aufsicht und Anweisung von Günther Steinhauer," sagt Karl-Heinz Pregizer, der auch zum ersten Mal die Lok führt.

Beim Anfahren quillt mit Zischen eine Wolke Dampf aus dem Metallkoloss. "Das ist die Zylindereinspritzung. Die Zylinder vorn, die die Dampfenergie in Bewegung umsetzen müssen, müssen zu Anfang gekühlt werden, deshalb wird Wasser eingespritzt, um sie nicht zu heiß werden zu lassen. Nach einigen Radumdrehungen kann man sie wieder schließen. Das ist das Zischen und der Dampf beim Anfahren", erklärt Volker Surmann, der ebenfalls am Seminar teilnimmt.

Nacheinander üben die Männer zum ersten Mal an der richtigen Dampflok. Und genießen alle die Fahrt. "Es ist ein einmaliges Erlebnis, man fühlt sich so, wie man es sich als Kind erträumt hat, als Lokführer auf einer größeren Dampflok, einmalig." - "Es ist fantastisch", fügt ein anderer an.

Am Sonntag fahren die zukünftigen Ehrenlokführer erstmals im Regelverkehr mit Personen. Es wird etwas anders zu fahren sein, etwas träger vielleicht. Es gibt noch eine zweite Bremse, die man bedient. Acht Waggons werden angehängt. Drinnen Besucher, aber auch Angehörige und Freunde der Kursteilnehmer. Sie sind meist die größten Kritiker der neuen Fahrer. "Und wer fährt jetzt den Zug? Ich muss doch wissen, wegen wem ich den Kaffee verschütte", scherzt eine Ehrenlokführerehefrau.

Organisiert und initiiert werden die Kurse von der "Gute Seele" der Selfkantbahn, Günther Steinhauer, Geschäftsführer, Lokführer und Heizer in einer Person. Er kümmert sich, dass alles läuft und in Schuss bleibt. Er ist es auch, der die ersehnten Urkunden zur Ernennung zum Ehrenlokführer der Selfkantbahn überreicht - diesmal zum 1000sten Mal! Mit großem Stolz kann sich Günther Wallhöfer freuen über das erfolgreich abgeschlossene Seminar und den Titel des tausendsten Ehrenlokführers. Er hat den weiten Weg aus Tirol auf sich genommen, um zum ersten Mal in seinem Leben eine Dampflok zu fahren.

Doch es muss ja nicht das letzte Mal gewesen sein. Das Seminar kann mehrfach gebucht werden.

(rerü)