Zugunglück in Meerbusch: Krefelder mit dem Leben davongekommen

Kollision in Meerbusch: Krefelder kämpft weiter mit den Folgen des Zugunglücks

Der Krefelder Roland Müller saß beim Meerbuscher Zugunglück im ersten Waggon. Er überlebte den Zusammenstoß vor neun Tagen schwer verletzt. Aus der Düsseldorfer Uni-Klinik berichtet er nun von Todesangst, Schmerzen - und worauf der begeisterte Läufer künftig wohl verzichten muss.

Der Knall war ohrenbetäubend. "Es rummste einmal laut und dann habe ich nur noch splitterndes Glas, metallisches Kreischen und Scheppern gehört. Ich hatte Todesangst", sagt Roland Müller über sein schockierendes Erlebnis vor gut einer Woche. Er war nach der Arbeit Passagier im Regionalexpress und auf dem Heimweg in Richtung Hüls. Kurz vor dem Bahnhof Meerbusch-Osterath passierte dann das Unglück, bei dem 50 Menschen verletzt wurden: Der RE7 rammte aus bislang nicht vollends geklärten Gründen einen auf dem Gleis stehenden Güterzug. "Ich saß in Fahrtrichtung und wurde durch den Aufprall nach vorne geschleudert", erinnert sich Müller. Er gehört zu den neun Menschen, die schwer verletzt wurden - der 50-Jährige brach sich die Hüftpfanne, riss sich das Kreuzband und kugelte sich Knie und Hüfte links komplett aus. Der Marathon- und Ultraläufer wird höchstwahrscheinlich nie wieder joggen können.

Auch an den Moment kurz vor dem Aufprall erinnert sich Müller noch genau. Der Zug hielt außerplanmäßig auf offener Strecke, die Passagiere bekamen per Durchsage mitgeteilt, dass es wegen Stellwerksproblemen und eines anderen Zuges auf dem Gleis zu einer Verzögerung komme. "Ich dachte noch, dass das ja wieder ewig dauern kann", erzählt der Pendler, der die Strecke zwischen Krefeld und Köln zweimal täglich fährt. Doch kaum hatte Müller seine Frau über die Verspätung informiert, habe sich der Zug nach etwa zwei Minuten schon wieder in Bewegung gesetzt. "Auf einmal hat der Wagen stark gebremst und im nächsten Moment stürzte der Lokführer aus der Fahrerkabine. Er schrie nur 'Raus hier, alle raus hier!' und machte einen Hechtsprung in den hinteren Bereich des Waggons", sagt Müller. Doch bevor er überhaupt reagieren konnte, brach das Chaos los.

"Als der Zug nach einer gefühlten Ewigkeit endlich zum Stehen kam, herrschten totale Stille und Dunkelheit", erzählt Müller. Dann rappelten sich die ersten Passagiere wieder auf und seien mit Handy-Taschenlampen durch den Zug geirrt. "Eine Frau kam mit blutüberströmtem Gesicht an mir vorbei", sagt Müller über die schrecklichen Bilder, die er im ersten Waggon sehen musste. Der nächste Schock erwartete ihn, als er, auf dem Boden liegend, an sich selbst herunter schaute: "Mein linkes Bein hing komplett neben der Hüfte und auch mein Schienbein stand in die völlig falsche Richtung ab."

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Als das Adrenalin nachließ, kam die Qual. "Ich hatte solche Schmerzen wie noch nie in meinem Leben", sagt Müller. Unfähig sich zu bewegen, blieb er liegen - andere Passagiere versorgten ihn mit Wasser und Traubenzucker, als er drohte ohnmächtig zu werden. Dann rief er seine Frau an. "Sie hatte totale Panik, weil sie mir überhaupt nicht helfen konnte", erinnert sich Müller an diesen für ihn grauenvollen Moment. Hoffnung kam auf, als er die Blaulichter "wie an einer Perlenschnur" durch das geborstene Fenster näher kommen sah. Wegen der abgerissenen Oberleitungen konnten die Rettungskräfte aber nicht in den Zug hinein. "Es hat zwei Stunden gedauert, bis uns endlich geholfen werden konnte. Das war die Hölle", sagt Müller.

Als er endlich von den Sanitätern auf eine Liege gehievt wurde, verlor er das Bewusstsein. An das, was im Anschluss geschah, erinnert sich der 50-Jährige nur noch verschwommen. Mit dem Krankenwagen ging es für ihn ins Neusser Lukaskrankenhaus, wo er sofort notoperiert wurde. Erst Stunden später kam er im Aufwachraum wieder zu sich. Kurz danach öffnete sich die Tür und seine Frau kam herein. "Als ich sie gesehen und ihre Hand gehalten habe, das war ein absolutes Glücksgefühl", sagt Müller.

Durchgestanden hat Müller die Leidenszeit damit allerdings noch lange nicht. Auf die OP in Neuss folgte eine Verlegung in die Düsseldorfer Uniklinik, wo er erneut an der Hüfte operiert wurde. Ob eine weitere OP am Knie notwendig ist, ist derzeit noch offen. "Wenn alles gut läuft, kann ich Weihnachten vielleicht zuhause verbringen", hofft Müller. Einen anderen Traum muss er allerdings begraben. Der Krefelder, der bereits mehrere Läufe über 100 Kilometer absolviert hat, wird höchstwahrscheinlich nie wieder sportlich-schnell auf den Beinen unterwegs sein. "Mir wurde meine Passion und Leidenschaft genommen. Das trifft mich sehr", sagt Müller. Trotzdem wisse er, dass es noch viel schlimmer hätte ausgehen können. Er wird irgendwann zumindest wieder einen normalen Alltag führen können. "Deshalb versuche ich das als einen zweiten Geburtstag zu sehen. Ich bin mit dem Leben davongekommen."

(kron)