Krefeld: Orang-Utan Hujan zieht nach England in die Monkey World

Kleiner Affe zieht aus dem Krefelder Zoo nach England : Verstoßen – Hujan muss den Zoo verlassen

Der vor zwei Jahren im Krefelder Zoo geborene Orang-Utan, der aufgrund der Erkrankung seiner Mutter per Hand aufgezogen werden musste, zieht nach England.

Tierpflegerin Eva Ragavni steht im Affengehege des Krefelder Zoos und beobachtet ihren Zögling Hujan. Der 21 Monate alte Orang-Utan kommt immer wieder zu ihr, holt sich Streicheleinheiten ab oder mopst sich eine Weintraube und klettert dann weiter. Es ist ein anrührendes, niedliches Bild, das es so bald nicht mehr geben wird: Das Orang-Utan-Männchen zieht am Montag ins Monkey World – Ape Rescue Centre nach England um. Die Rettungsstation liegt in der Nähe von Wool - 734 Kilometer von Krefeld entfernt.

Es ist ein ganz besonderer Abschied von einem ganz besonderen Zoobesucher: Weil seine Mutter sich aufgrund einer schweren Erkrankung nicht um ihn kümmern konnte, wurde eine Handaufzucht nötig. Die Wiedereingliederung in die Gruppe misslang. Mutter Suria nahm ihn nicht an. Großmutter Lea anfangs schon, zumal sie selbst ein Jungtier in ähnlichem Alter hatte. Doch irgendwann verlor sie das Interesse und entwickelte leichtere Aggressionen. „Uns ist ganz wichtig, dass Lea nicht böse ist. Sie ist selbst eine Handaufzucht und sehr liebevoll und zutraulich. Sie scheint aber nicht zu verstehen, dass wir uns nun eben auch um Hujan kümmern und ist regelrecht eifersüchtig“, erklärt Ravagni.

Bei aller professionellen Distanz:  Die Tierpflegerin, die die Handaufzucht des kleinen Menschenaffen übernahm, umsorgt ihn seit Juni 2018 wie eine Mutter. „Ich hatte früher einen sehr festen Schlaf. Aber wenn er nur einen Mucks macht, sitze ich senkrecht im Bett. Das hat die Evolution schon sehr gut eingefädelt. Ohne es zu wollen, reagiere ich auf ihn in vielen Dingen wie eine Mutter“, erzählt die 35-Jährige grinsend. Sie gab dem Waldmenschen-Säugling (“Waldmensch“ ist die deutsche Übersetzung des malaiischen Wortes Orang-Utan) alle paar Stunden die Flasche, wechselte Windeln, die er tragen musste, weil er im Haus lebte, und gewöhnte ihn an feste Nahrung, die er nun zusätzlich zur Milch zu sich nimmt. „Er frisst schon sehr viel Obst und Gemüse. Trauben sind das Größte. Aber dreimal täglich gibt es auch Milch“, erzählt die Pflegerin.

Foto: Hallmann/©Hella Hallmann
Krefelder Zoo: Orang Utan Junge Hujan zieht nach England

Sie wird ihren Zögling zunächst nach England begleiten. Am Montag in aller Früh geht es los. „Wir wissen gar nicht, wie er sich verhält, wenn er so früh aufsteht. Normal schlafen die Tiere, bis wir um acht Uhr rein kommen und das Licht anschalten - im Winter sogar teilweise länger. Vermutlich müssen wir ihn schlafend in die Box legen“, sagt sie. Die Box, in der er nach England fährt, ist eine große Hundetransportbox. „Er ist noch nicht so stark, dass er die kaputt macht“, erzählt Ragavni. Gemeinsam mit zwei Mitarbeitern der Monkey World, wo Hujan künftig zu Hause sein wird, geht es dann auf die Reise mit dem Auto und durch den Kanaltunnel. Ragavni wird eine Woche bleiben und dem kleinen Affen bei der Eingewöhnung helfen, ehe es für sie zurück nach Krefeld geht. Dann ohne Hujan. „So sehr ich mich für ihn freue, natürlich ist da auch ein weinendes Auge. Und wenn ich dann zum ersten Mal die leere Box sehe oder meine Mutter mich fragt, wie es geht, wird es sicher schwer“, sagt die junge Frau.

Sie weiß aber auch: Für Hujan ist es das beste. In England lernt er Orang-Utan-Verhalten und kommt in die Position, vielleicht selbst einmal eine Gruppe zu übernehmen. Es kann aber auch sein, dass er in einer Junggesellengruppe endet. Denn in Zoos ist der Überschuss an Männchen groß. Pro Gruppe gibt es meist ein Männchen und mehrere Weibchen. In freier Wildbahn sind die Tiere aus Futtermangel Einzelgänger. Umso wichtiger ist es für ihn, das richtige Sozialverhalten zu lernen. Darauf ist die Monkey World spezialisiert.

Das Zentrum, welches von Jim Cronin 1987 gegründet wurde und sich ausdrücklich nicht als Zoo, sondern als Rettungsstation für Primaten versteht, hilft Affen der ganzen Welt, ein neues Leben zu beginnen, nachdem diese aus Laboren oder den Händen von Schmugglern gerettet wurden. In diesem großzügig über 65 Hektar angelegten Rettungszentrum gibt es Primaten und Affen in allen Formen und Größen zu bestaunen - von südlichen Gelbwangengibbons und Orang-Utans bis hin zu frechen kleinen Totenkopfäffchen und den wohlbekannten Schimpansen. Außerdem ist Monkey World die Heimat einer der größten Schimpansengruppen außerhalb Afrikas, welche glücklich gemeinsam in vier separaten sozialen Gruppen leben. Gründer Cronin, den Queen Elizabeth II. im Jahr 2006 zum „Member des Order of the British Empire“ ernannte (zu denen zählt unter anderem auch John Lennon), starb 2007 im Alter von 55 Jahren in seiner Geburtsstadt New York - seine Witwe Alison setzt seither sein Erbe fort.

Hujan soll seine neue Heimat in der Hauptgruppe in der Monkey World finden. Dort gibt es insgesamt drei Orang-Utan-Clans. Vorgesehen ist, dass er in die Gruppe von Clan-Oberhaupt Tuan kommt, ein 32 Jahre altes Männchen, das in Taiwan geboren wurde und als Jungtier als Schmuggelgut aus dem dortigen Urwald entführt wurde. Neben ihm leben vier weitere Tiere in der Gruppe: die 25 Jahre alte A-mei, die ein Jahr jüngere Lucky, die 31 Jahre alte RoRo sowie Awan, die als einzige der Gruppe in Monkey World geboren wurde. Sie ist das Kind von Tuan. Alle andere Orang-Utans stammen aus Taiwan, alle wurden Opfer von Tierschmugglern, und alle leben seit Anfang dieses Jahrtausends in der Rettungsstation in England. Die Tierpfleger in England sollen nun beobachten, ob sich Hujan in diese Gruppe integrieren lässt; sonst könnte er auch einer der beiden anderen Gruppen zugefügt werden.

Rechtlich bleibt er übrigens im Besitz des Krefelder Zoos und zieht offiziell als Zuchtleihgabe ins Königreich. „Er wird aber nicht mehr nach Krefeld zurückkehren. Wir haben in unserer Gruppe ein recht junges Zuchtmännchen. Außerdem sorgt das Zuchtbuch dafür, dass Tiere oft ausgetauscht werden, um die genetische Vielfalt zu erhalten. Durch diesen Status haben wir aber ein Mitspracherecht, wo Hujan am Ende hin kommt“, erklärt Zoo-Kuratorin Cornelia Bernhardt.

Für Pflegerin Ravagni wird er aber immer ‚ihr’ Hujan bleiben. „Am 1. Juni, seinem Geburtstag, habe ich nicht ganz zufällig Urlaub und weiß auch schon, welche Flüge gehen“, erzählt sie schmunzelnd. Am Ende ist es eben doch, als würde das Kind von zu Hause ausziehen und in die Welt hinaus gehen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die schönsten Bilder des kleinen Hujan

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