Der Krefelder Zoo beherbergt eine große Attraktion: Das vermutlich letzte Berg-Anoa der Welt.

Beinahe ausgestorben : Im Krefelder Zoo lebt das letzte kleine Bergwildrind

Einer der größten Schätze des Krefelder Zoos ist weithin unbekannt: Das sogenannte Berg-Anoa ist nach heutigem Wissen das letzte seiner Art weltweit. In Zoos sind keine bekannt, und in freier Wildbahn gibt es seit Jahren keine Sichtungen mehr.

Der Krefelder Zoo birgt neben den neuen Anlagen wie dem Pinguin- oder Erdmännchengehege eine ganz besondere Attraktion, die ihn einzigartig auf der Welt macht. Eine Attraktion, die bislang von der Öffentlichkeit fast vollständig unbeachtet geblieben ist. Denn ein vergleichsweise wenig spektakuläres Tier ist nach heutigem wissenschaftlichen Erkenntnisstand das letzte seiner Art auf der Welt: Der 21 Jahre alte Berg-Anoabulle Idris wurde in Krefeld geboren; mit seinem Tod wird seine Art unwiederbringlich von der Erde verschwinden.

So besonders seine Existenz ist, so unbeachtet bleibt sein Gehege von den allermeisten Besuchern. „Anoas sind die kleinste Wildrinderart. Für Zoobesucher sind sie damit nicht sonderlich spektakulär“, sagt Zoodirektor Dr. Wolfgang Dreßen. Hinzu kommt, dass das Gehege mit dichten, immergrünen Wacholderbüschen besetzt und das rund 70 Zentimeter große Rind mit seinen geraden, parallelen Hörnern dahinter nur selten zu sehen ist. Nur kundige Zoofans sehen es häufig im Unterstand vor dem Stall oder im hinteren Bereich des Geheges. Unter manchen regelmäßigen Besuchern geht daher der Scherz um, dass es sich beim Anoa-Gehege um einen Leerstand handele, bei dem lediglich ein Schild aufgestellt wurde.

„Dem ist nicht so“, sagt Dreßen lachend. Doch ob das Tier in der Zukunft noch zu sehen sein wird, ist fraglich. Die Umbaumaßnahmen zum Schimpansen-Wald beginnen im kommenden Jahr. Dann werden die Kängurus in das jetzige Anoa-Gehege ziehen. Ob dieses dann weiter im Zoo lebt oder seine letzten Jahre unzugänglich für die Öffentlichkeit in der Außenstation des Zoos verbringt, ist derzeit offen. „Wir würden ihn gern als Botschafter seiner wilden Artgenossen präsentieren. Für seine Art scheint es zu spät, aber zumindest die eng verwandten Flachland-Anoas haben noch eine realistische Chance, auf dieser Welt zu überleben. Vielleicht kann Idris hier eine Hilfe sein. Wenn das Zuschauerinteresse steigt, müssen wir uns etwas einfallen lassen, wo wir ihn unterbringen. Aber das wäre ein Problem, das ich gern hätte“, sagt Dreßen zur Zukunft seines so gleichermaßen besonderen wie unprominenten Schützlings.

Der Bulle ist das letzte Jungtier von Krefelds Zuchtpaar Jupp und Ike. Sie kamen 1975 und 1977 nach Krefeld und waren hier eines der erfolgreichsten Zuchtpaare der Welt. 15 Junge bekamen sie. Allerdings ist die genetische Verwandschaft der Tiere so eng, dass eine weitere Zucht unmöglich war. In der folgenden Generation kamen alle Kälber mit schweren Fehlbildungen auf die Welt. „Unser Wissen über die Berg-Anoas stammt ausschließlich aus Zoostudien. Sie wurden erst in den 90ern durch genetische Analysen als eigene Art erkannt und von den etwas größeren Flachland-Anoas unterschieden. Wir wissen nicht einmal, ob sich beide Arten zusammen fortpflanzen können oder in welchen Sozialstrukturen sie in freier Wildbahn lebten“, erläutert der Krefelder Zoodirektor.

Er selbst war vor einigen Jahren auf Sulawesi. Nur hier, auf der indonesischen Insel, sowie auf der kleinen Nachbarinsel Buton, kamen beide Arten vor. „Aber allein zwischen 1985 und 97 wurden 89 Prozent des Regenwaldes Sulawesis abgeholzt. Der Lebensraum wurde praktisch komplett planiert. Außerdem sind Anoas beliebtes Jagdwild und landen nach Sichtung umgehend im Kochtopf“, verdeutlicht Dreßen. Die Folge: Die Gefahr, dass das Flachland-Anoa seinem kleineren Vetter folgt, ist groß. „Noch haben wir kleine Populationen des Flachland-Anoas, die genetisch überlebensfähig wären, die aber nur in kleinen, voneinander isolierten Reservaten vorkommen. Damit ist auch das Flachlandanoa durch Lebensraumverlust und Jagd massiv vom Aussterben bedroht“, sagt Dreßen.

Anoas werden 20-30 Jahre alt. Damit dürfte Bulle Idris im besten Falle noch zehn Jahre zu leben haben. Nicht all zu viel Zeit also, bis eine weitere große Säugetierart endgültig ausgestorben sein wird. Krefelder können zumindest noch einen Blick darauf werfen und möglicherweise mit steigendem Interesse dafür sorgen, dass zumindest dies noch weiterhin möglich sein wird. Zumindest in den Erinnerungen einiger Menschen könnte das Berg-Anoa dann noch einige weitere Jahre überdauern.

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