Krefeld: Zero Waste - eine Woche fast ohne Müll

Krefeld: Zero Waste - eine Woche fast ohne Müll

Mitarbeiterin Anika Martin hat sich und ihre Familie für eine Woche einem Selbstversuch ausgesetzt: Wie viel Müll kann ein Drei-Personen-Haushalt mit Windeln tragendem Kleinkind wirklich vermeiden?

251 Kilo Hausabfälle, 66 Kilo Papiermüll und 22 Kilo Leichtmüll (Verpackungen) produzierte ein Krefelder durchschnittlich im vergangenen Jahr. Was mich nachdenklich macht: Unser Mülleimer für Verpackungen und Plastik quillt in regelmäßigen, kurzen Abständen über. Tiere verrecken an dem Müll, den die Menschen produzieren. Das macht mich wütend. Was das Fass zum Überquellen bringt: Plastik macht krank und ist auch für uns Menschen lebensgefährlich.

Ich muss und möchte handeln. Also fasse ich den Entschluss, zumindest vorerst für eine Woche einen Selbstversuch mit meiner Familie zu starten: ein Leben ohne Müll. Beziehungsweise mit so wenig Müll wie möglich. Denn so realistisch bin ich: Gar keinen Müll zu produzieren, ist unmöglich.

Das wird mir bereits in den Vorbereitungen bewusst. Ich überlege, an welchen Stellen bei uns besonders viel Müll anfällt. Und das sind neben den Verpackungen von Lebensmitteln die Windeln unserer einjährigen Tochter. Den Gedanken, Stoffwindeln zu nutzen, finde ich in Anbetracht der Vielzahl der modernen Lösungen gar nicht so abwegig. Allerdings ist mir die Umstellung in der Kürze der Zeit zu umständlich und zu teuer.

In der weiteren Vorbereitung plane ich, wo ich welche Lebensmittel ohne Verpackung bekomme. Gar nicht so einfach. In vielen Städten gibt es bereits so genannte "Unverpackt-Läden", in denen man eine Großzahl an Lebensmitteln und Kosmetika ohne Verpackungen einkaufen kann. Das hat Krefeld leider nicht zu bieten. Die erste Hürde, die es zu meistern gilt.

Ich hole mir Rat bei einer Expertin. Shia Su aus Bochum betreibt den Blog "Wasteland Rebel" und ich verabrede mich mit ihr zu einem Telefonat. Unverpackt einkaufen? Kein Problem, sagt sie. "Jeder Anfang ist chaotisch. Man muss sich selber kennenlernen, um seine Einkaufsgewohnheiten zu entwickeln", weiß sie aus eigener Erfahrung. Sie rät mir, vor jeder Anschaffung zu überlegen, ob ich das Produkt wirklich brauche. In zweiter Instanz sollte ich darauf achten, ob es ein Produkt, wenn schon nicht unverpackt, zumindest im Mehrwegsystem gibt. Ist das nicht der Fall, soll ich nach Glas- oder Papierverpackungen Ausschau halten. Hauptsache kein Plastik! Am ehesten werde ich laut Su in Bio- oder Bauernläden fündig. Aber auch in ethnischen Geschäften, wie einem Asia-Shop, könne man zum Beispiel losen Reis und Gewürze kaufen. "Ein schöner Nebeneffekt ist, dass man außerhalb der großen Lebensmittelketten andere, kleinere Geschäfte kennenlernt und mit den Leuten ins Gespräch kommt. Man findet auf diese Weise mehr, als man denkt. Man muss sich nur umschauen", so Su.

Gesagt, getan. Mein erster Weg führt zum Bäcker, wo mir das Brot ohne Probleme direkt in meinen mitgebrachten Jutebeutel gepackt wird. Weiter geht es zur Naturfleischerei. Bei uns gibt es zwar selten Fleisch, aber ein bisschen Rindergehacktes und ein paar Scheiben Schinkenwurst finden dennoch ihren Weg in meine Dosen. Diskutieren muss ich auch hier nicht. Im Gegenteil. Es kommt wohl öfters vor, dass Kunden eigene Dosen mitbringen. Erwartet gut läuft es auch im Bauernladen, wo ich loses Obst und Gemüse bekomme. Lediglich die Bananen sind mit Aufklebern versehen. Im Bioladen ergattere ich Milch und Sahne in Mehrwegflaschen. Im Asia-Shop finde ich leider keinen unverpackten Reis und auch den türkischen Markt verlasse ich mit leeren Händen. Dafür bekomme ich aber in einer Kaffeerösterei Kaffeebohnen in mein mitgebrachtes Einmachglas abgefüllt und ebenso den losen Tee im Teegeschäft. Der größte Dämpfer für mich: Im Supermarkt an der Käsetheke darf man aus hygienischen Gründen nicht meine Dosen befüllen. Selbst, wenn ich sie über dem Tresen festhalte. Auf dem Wochenmarkt am Käsestand ist das hingegen kein Problem. Am Ende des Tages verarbeite ich die Sahne zu Butter, die Milch zu Frischkäse und koche Aprikosenmarmelade. So bin ich gut und verpackungslos für den nächsten Morgen gewappnet. Nachdem ich mich vorerst auf Lebensmittel konzentriert habe, muss ich mich nun dringend mit unseren alltäglichen Haushaltsprodukten auseinandersetzen.

Die Küchenrolle habe ich bereits abgeschafft und stattdessen eine Armada an Putzlappen angeschafft. Essensreste unserer Tochter im Gesicht und auf dem Tisch wische ich nicht mehr mit zig Feuchttüchern weg, sondern nutze Wasch- und Putzlappen. Schwieriger wird es in anderen Bereichen des Haushalts. Womit spülen, wenn nicht mit dem handelsüblichen Spüli? Unsere Spülmaschinentabs sind fast leer, was nun?! Und was in aller Welt mache ich mit der ganzen Schmutzwäsche, wenn ich nicht mit dem wohlriechenden Mittel aus der Plastikflasche waschen kann?

In dem Blog finde ich glücklicherweise Antworten auf all diese Fragen. Oder besser gesagt Rezepte. Ich stelle selber Spüli und Spülmaschinenpulver her. Beides funktioniert einwandfrei und ist günstig und einfach herzustellen. Waschmittel könnte ich auch selber machen, aber mir fehlt das passende Behältnis, und ich nehme es mir für die nächste Woche vor.

Zu Beginn verzichte ich darauf, mich zu schminken, weil ich am Abend nicht auf meine Abschminktücher zurückgreifen möchte. Das muss doch auch anders gehen. Ich finde im Internet eine Anleitung zur Herstellung von Feuchttüchern, mit denen ich mich auch ganz wunderbar abschminken kann. Unverpackte Kosmetik zu finden oder sie selber zu machen, ist noch mal eine andere Sache und für mich zu kompliziert. Ich nutze daher einfach mein bisheriges Repertoire weiter und nehme mir vor, zukünftig zumindest auf Naturkosmetik umzusteigen. Auch unsere anderen Badartikel nehme ich im Laufe der Woche genauer unter die Lupe. Hier ist nicht nur alles in Plastik verpackt, sondern enthält auch Mikroplastik. Eine Natursünde, bei der ich nicht mehr mitmachen möchte. Ich informiere mich in dem Blog, was ich wie ändern kann. Als Erstes hole ich mir im Biomarkt ein Stück Aleppo-Seife aus 100 Prozent Olivenöl. Damit kann ich mich waschen. Auch Shampoo als Seifenstück gibt es. Deo und Zahnpasta stelle ich selber her. Das geht ganz einfach. Das Deo tut seinen Dienst und riecht gut. Die Zahnpasta ist gewöhnungsbedürftig, mal schauen, ob ich mich daran gewöhnen werde.

Mein Fazit nach einer Woche: Müll zu vermeiden macht Spaß und weckt den Ehrgeiz in uns. Ganz ohne Müll beenden wir die Woche aber natürlich nicht. Wir nutzen während der ganzen Zeit gelegentlich auch Lebensmittel, die wir noch im Kühlschrank hatten. Von heute auf morgen kann ein Haushalt nicht verpackungsfrei werden. Dennoch: Die Woche hat sich gelohnt.

Wir sind nicht nur um einiges an Müll erleichtert, sondern auch um viele wertvolle Erfahrungen reicher. Komplett nach dem Zero-Waste-Prinzip zu leben, können wir uns aber trotzdem nicht vorstellen. Vielmehr wollen wir so gut wie möglich ein plastikfreies Leben anstreben und werden nun sicherlich viel Müll-bewusster durch's Leben gehen.

Infos im Internet unter wastelandrebel.com

(RP)