zauber des Triadischen Balletts in Krefeld

Kultur findet Stadt : Zauber des Triadischen Balletts auf dem „Willy“

Erstmals open air: Das Theater der Klänge zeigte seine Bauhaus-Interpretation vor begeistertem Publikum. Rückschau auf ein Fest.

Die Ballerina trägt kein Tütü: Ihr Ballettrock ist bunt wie ein Hüpfkreisel und genauso starr – nicht gerade tanztauglich. Nur klein sind die Bewegungen ihrer Arme zur melancholischen Melodie auf dem Klavier. Ihren Kopf bewegt sie wie ein Spieluhren-Püppchen. Ganz allmählich werden die Bewegungen größer, die Arme greifen Raum, der Tanz beginnt. Ja, so könnte sich Oskar Schlemmer vor rund hundert Jahren die Persiflage auf die Künstlichkeit des Klassischen Balletts vorgestellt haben. Was einst das gesittete Bürgertum empörte und auch die Tanzwelt der 1920er Jahre auf die Palme brachte, weil man sich doch gerade erst von den Zwängen der Klassik befreit hatte und in fließenden Stoffen oder möglichst wenig bekleidet einen neuen Ausdruckstanz prägte, entfaltet hier einen ganz eigenen Charme. Das Düsseldorfer Theater der Klänge, das sich seit vielen Jahren mit Bauhaus-Themen beschäftigt, hat das Triadische Ballett neu interpretiert. Auf dem Willy-Göldenbachs-Platz bot das Ensemble einen hochkarätigen Auftakt und Abschluss des Festivals „Kultur findet Stadt“.

Niemand weiß genau, wie Oskar Schlemmer und das Tänzer-Ehepaar Albert Burger und Elsa Hötzel sich vor rund 100 Jahren die Revolutionierung des Tanzes vorgestellt haben. Es gibt keine erhaltene Dokumentation. Aber die Reaktionen auf das „Triadische Ballett“ sind überliefert. Vom Chaos der Premiere, verpatzten Umzügen und Kollateralschäden durch die sperrigen Kostüme bei der Premiere ist in dieser Produktion nichts zu spüren. Mit eigenen Entwürfen und Choreografien (Jacqueline Fischer) und einer eigenen Musik hat das Theater der Klänge den Zauber einer Künstler-
idee eingefangen. Die Darsteller Darwin Diaz, Phaedra Pisimisi, Alona Shornikova und Miriam Gronau betören mit dem, was einst Schockpotenzial hatte: ausufernde Fantasie. Was damals Avantgarde war, wirkt heute drollig. Der rundliche Taucher, die Tütenröcke und der Harlekin mit seinen Ballonarmen zeugen vom Humor der exzentrischen Zwanziger Jahre. Im Eintanz, Zweitanz und Dreitanz, in gelber, weiß-rosafarbener und schwarzer Bühne deklinieren sie in „Trias – Das Triadische Ballett“ die Schlemmerschen Dreiheiten durch. Jede Phase dauert eine halbe Stunde: die burlesk-pittoreske, die seriös festliche und die heldisch monumentale.

Der Celloclown hat statt eines Bogens einen Degen – und damit unterhält er das Publikum prächtig. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Theatergründer und Regisseur Jörg U. Lensing folgt dem Prinzip des Crescendo: Der Abend wächst von einem filigranen, melancholisch gefärbten Auftakt zu einem fulminanten, rauschhaften Finale. Die Tänzer laufen zu artistischem Format auf und bieten viele poetischen Bilder, die in den Begegnungen der Figuren entstehen, sie erinnern an die Schwanensee-Prinzessin und an den Türkischen Marsch, tanzen Spitze und Lindi Hop. Am Ende entledigen sie sich ihrer Kostüme in den Bauhausfarben Rot, Blau und Gelb und zelebrieren zeitgenössische Ausdruckstanz.

Die Tänzerin im quergestreiften Rock hat auch in der Schlemmer-Version den Abend eröffnet. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Die Musiker Beate Wolff, Thomas Wansing und Oliver Eltinger sind weit mehr als Beiwerk: Sie bilden das dynamische Rückgrat für die wundervollen Bilder, geben sich lautmalerisch, einschmeichelnd melodisch, forciert oder expressionistisch. Da wird das Cello zur Trommel und das Schlagzeug scheint zu explodieren, während die Tasten fast aus dem Klavier springen.

Equipment wie die Profis: Die Band „Red Fire“ rockte auf dem Musikschulmobil und warf für die Show die Nebelmaschine an. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Für das Ensemble war Krefeld ein Experiment, denn die Produktion ist nicht für Open-Air-Vorführungen gedacht. So entfaltet sich der Zauber mit zunehmender Dunkelheit am besten. Gerade die Szenen, die den abgedunkelten Theaterraum brauchen, büßen an Spannung ein. Aber die lockere Atmosphäre macht das wett: Bei der Premiere haben nur etwa ein Viertel der Zuschauer Platz auf den 260 Sitzgelegenheiten. Einige lassen sich auf Decken nieder, viele bleiben stehen – und harren bis zum jubelnden Schlussbeifall aus.

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