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Kolumne: Kr Wie Krefeld: Woran man sich einfach nicht gewöhnt

Kolumne: Kr Wie Krefeld : Woran man sich einfach nicht gewöhnt

Man könnte über die Herongen-Entscheidung räsonieren - man kann aber auch über 20 Meter Weg ins Seidenweberhaus erzählen. Es ist ein Elendsbericht.

Nun könnte man fragen und räsonieren, ob die Entscheidung im Rat gut war, dem Schullandheim Herongen noch eine Existenzgarantie bis zum Ende des Schuljahres 2015/ 2016 zu geben. Diese Entscheidung war herzensgesteuert - klug war sie wohl nicht. Herongen wird von den Krefelder Schulen nur noch wenig angenommen; die Hälfte der Gäste kommt zudem aus anderen Gemeinden. Ein schwer zu akzeptierendes Detail: Die Nothaushalt-Stadt Krefeld subventioniert die Aufenthalte von Schülern aus anderen Gemeinden. Und was man im Sinn haben muss: All das Geld, das Krefeld für Herongen ausgibt, ist schuldenfinanziert; 400 000 Euro in zwei Jahren. Das werden Krefelds Grundschulkinder noch abbezahlen, wenn sie erwachsen sind.

Man könnte aber auch von dem Weg ins Seidenwebehaus zum Rat erzählen und davon, dass man sich an bestimmte Dinge einfach nicht gewöhnen kann. Du überquerst die St.-Anton-Straße und kommst aus einem gepflegten urbanen Milieu: die Geschäftswelt der Königstraße. Auf der anderen Seite wechselt die Szenerie: Es öffnet sich etwas wie ein Höhleneingang. Du musst hindurch, wenn du zum Haupteingang des Gebäudes gelangen willst. Es riecht so intensiv nach Urin, dass du die Luft anhältst, um nicht zu würgen. Das Erste, was du im Halbdunkel dieser Höhle erkennst, sind zwei Gestalten, die links an der Wand hinter einem Vorsprung hocken, hochkonzentriert, denn sie bereiten gerade offensichtlich mit Feuer und Löffel das vor, was "Schuss" genannt wird: eine Rauschgiftspritze. Du registrierst es aus dem Augenwinkel; machst, dass du weiterkommst, willst den beiden, die da gerade wieder ein paar Millimeter ihres Lebens ruinieren, nicht auffallen - auch wenn sie nicht gefährlich wirken, sondern erbarmenswürdig.

Wenn du die Höhle passiert hast, vorbei an schmutzstarrenden Wänden, siehst du links den Eingang und rechts eine Gruppe von Gestalten, die du ebenfalls nicht genauer in den Blick nimmst. Du hörst den Klang einer Stimme - osteuropäischer Akzent - und ahnst: Das Gespräch da ist keine Plauderei; der Ton ist bedrohlich. Du machst wieder, dass du weiterkommst ins Seidenweberhaus, wo Zitronenduft den Uringestank übertüncht.

Und du denkst: Kann man nicht wenigstens diesen verfluchten Höhleneingang schließen, mit ein paar Glaswänden blockieren, Außenwände schaffen? Sollen doch besser alle außen herum laufen. Der Weg zurück in den gepflegten Teil der Innenstadt ist immer beklemmend. Man gewöhnt sich einfach nicht an diese Höhle voller Elend und Schmutz.

JENS VOSS

(RP)