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Krefeld: Wohnen wie in alter Zeit

Krefeld : Wohnen wie in alter Zeit

Der Niederländer Bert Teunissen fotografiert Wohnungseinrichtungen, an denen sich seit seiner Kindheit kaum etwas geändert hat. Im Krefelder Museum Haus Esters ist zurzeit seine Ausstellung "Domestic Landscapes" zu sehen: ein anrührendes "Porträt von Europäern daheim".

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p class="text">Krefeld Wohnräume mit niedrigen Decken, rissigen, durch Feuchtigkeit gefleckten Wänden und einem Mobiliar von ehedem rahmen Menschen, die gleichfalls aus einer anderen, überholten Zeit zu stammen scheinen. Was der Niederländer Bert Teunissen fotografiert und was zurzeit das Krefelder Museum Haus Esters in einen Ort wehmütiger Besinnung verwandelt, ist das Gegenteil dessen, was die Welt heute bewegt.

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p class="text">Nicht Migranten füllen jene kargen Wohnräume, erst recht keine Yuppies, die heute hier, morgen dort ihrem gut bezahlten Job nachgehen, sondern Menschen, die schon immer am selben Ort zu wohnen scheinen, ohne hohe Ansprüche an das Leben, genügsam und still zufrieden. Sie sind alt geworden in dieser Umgebung aus schlichten Stühlen und einfachem Geschirr, aus abgewetzten Sofas und verwaschenen Tischdecken. Irgendwann wird es solche Menschen in solchen Umständen nicht mehr geben: weder die Abgebildeten noch ihre Kinder und Enkel (die längst ein Loft in einer Großstadt bezogen haben). Das Mobiliar wird eines Tages als Sperrmüll deklariert, und die Häuser werden abgerissen, weil sie den Hygiene- und Brandschutzvorschriften nicht mehr genügen.

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p class="text">Bert Teunissen hat diese "häuslichen Landschaften" durch seine verhalten farbigen Fotografien zumindest für das Gedächtnis gerettet. Vor gut zehn Jahren hatte ein altes Café in Südfrankreich ihm die Augen geöffnet für die Innenräume einer gemächlicheren, genügsameren Zeit, die mit ihren Bewohnern unaufhaltsam untergeht.

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p class="text">Mehr als 350 Fotografien sind daraus entstanden, 60 davon verzaubern das nüchterne, von Mies van der Rohe entworfene Haus Esters in einen Platz der Versonnenheit.

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p class="text">Teunissen hat sich bei den Alten Meistern einiges abgeschaut. Ähnlich wie Vermeer van Delft und Rembrandt lässt er seine Interieurs in einem Licht erstrahlen, das nur durch ein Fenster dringt. Ähnlich wie bei den Malern verschränken sich in seinen fotografischen Kompositionen die Bewohner und ihre Einrichtung. Und zuweilen glaubt man gar die Gerüche wahrzunehmen, die solchen Häusern ihren Charakter geben.

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p class="text">Doch nahezu unmerklich hat die neue Zeit schon Eingang in die stillen Welten gefunden. Mal hat sich eine Fanta-Flasche in die Kleinbürgerlichkeit des 19. Jahrhunderts geschlichen, mal weist eine elektronische Uhr dezent darauf hin, was die Stunde geschlagen hat. Besonders krass vermittelt zwischen Vergangenheit und Gegenwart die Einrichtung eines Tante-Emma-Ladens samt Besitzerin. Eine altertümliche Waage, drei Paletten Eier und eine Topfpflanze zieren die Theke.

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p class="text">In den Regalen dahinter stapeln sich Dash und manch anderes Markenprodukt aus der Spanne zwischen Waschmittel, Konserven und industriell abgepacktem Gebäck. Wie lange wird der Lebensmittelkontrolleur im EU-Überwachungs-Großstaat diese Idylle wohl noch dulden?

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p class="text">Teunissen trauert mit seinen Fotografien - und in einem Beitrag des Katalogs - der Vielzahl von Geschmacksrichtungen nach, die Europa einst kennzeichneten. Er trauert der hausgemachten Wurst, dem Käse, dem Wein und den Oliven nach, deren Herstellung in der Familie heute oftmals an einem Wust von Vorschriften scheitert.

Was Teunissen verschweigt, sind die Kehrseiten seiner Idyllen: die schlecht beheizten, Krankheit fördernden Räume, Schimmel an den Wänden, die abenteuerliche Elektrik, die Ärmlichkeit. Doch ein Künstler hat - anders als ein Historiker - das Recht, einseitig zu sein. Die "Häuslichen Landschaften" erzählen auch von der Sehnsucht, aus den Zumutungen der Globalisierung zurückzukehren in eine Welt, in der jeder von Geburt an seinen Platz hat bis ans Ende seiner Tage.

(RP)