Krefeld: Wo Beuys' Wiege stand

Krefeld: Wo Beuys' Wiege stand

Morgen jährt sich der 25. Todestag von Joseph Beuys. Dass der Künstler in Krefeld geboren wurde, verschwieg er in seinem Lebenslauf. Das Verhältnis des Filzhut-Trägers zu seiner Geburtsstadt war nie leicht. Eine Spurensuche.

Die Farbe an der Fassade dürfte kaum trocken gewesen sein, als der Kaufmann Josef Jakob Beuys im Mai 1921 seinen Sohn Joseph die Treppen hinauftrug: Das Haus Alexanderplatz 5 im Bahnbezirk wurde im Jahr 1920 errichtet, nur wenige Gehminuten vom Kaiser-Wilhelm-Museum entfernt.

Nichts erinnert heute an dem hellgrau gestrichenen stuckverzierten Gebäude daran, dass einer der wichtigsten Künstler der alten Bundesrepublik in diesem Krefelder Mehrfamilienhaus die ersten Wochen und Monate erlebte. Dass ihn seine Mutter Johanna Maria Margarete Beuys durchs aufwändig gestemmte und gedrechseltes Holztreppenhaus trug. Keine Plakette, kein Schild ziert den Eingang. Immerhin: "Dass Beuys hier die ersten Monate seines Lebens verbracht hat, wissen alle, die in diesem Haus leben", sagt einer der Bewohner.

Das Gebäude mit den 3,95 Meter hohen Räumen und den massiven Parkett-Fußböden, 1997 unter Denkmalschutz gestellt, steht zum Verkauf. 375 000 Euro lautet die Preisvorstellung des Eigentümers für das Drei-Familien-Haus. Einen Hinweis auf den berühmten Bewohner sucht man im Exposée vergebens. Vor dem Haus steht eine gelbe Tonne. Wertstoffe werden heutzutage dem Rohstoffkreislauf zugeführt. Nicht der Kunst.

Auch 25 Jahre nach seinem Tod am 23. Januar 1986 scheiden sich an Joseph Beuys noch immer die Geister: Für die einen war er ein genialer Künstler, für die anderen ein Scharlatan und Selbstdarsteller.

Beuys' Gastspiel in Krefeld ist kurz. Am 21. Mai wird er geboren, übrigens im Krankenhaus, nicht am Alexanderplatz – schon im Herbst ziehen seine Eltern mit ihm nach Kleve, der Heimatstadt seines Vaters. Später tilgt Beuys Krefeld aus seiner Biographie. In seinem von ihm 1964 geschriebenen Lebenslauf "Werklauf" gibt Beuys Kleve als seine Heimatstadt an.

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Doch wie mit unsichtbaren Fäden ist Beuys' Leben mit der Seidenstadt verwoben. Mit 27 Jahren hat er seine erste Ausstellung in seiner Geburtsstadt – im Haus eines Krefelder Dichters, Rainer Lynen. "Lynen wohnte 1948 in einem der in Krefeld beliebten Kyllhäuser, einfachen Hütten, die mitten in der Natur am Ufer alter Rheinarme gelegen sind", sagt Sabine Röder, Mitarbeiterin des Kaiser-Wilhelm-Museums. "Dort fanden die angeregten Diskussionen der beiden über Literatur und Philosophie statt."

Im selben Jahr stellt Beuys zum ersten Mal im Kaiser-Wilhelm-Museum aus. Zwei Aquarelle und die beiden Bronzeplastiken Liegendes Schaf. Der erste Kontakt zum damaligen Museumsleiter Paul Wember ist wohl schon früher erfolgt, wie sich aus einem Brief ergibt, den Wember 1951 an den ehemaligen Mataré-Schüler schreibt. "Beuys versuchte damals, sich als Künstler zu etablieren und seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Die Briefe zeigen, dass Wember sich bemühte, ihm Aufträge oder Ankäufe zu vermitteln", sagt Röder.

Der wichtigste Auftrag: Für die Edelstahlwerke Krefeld, heute ThyssenKrupp Nirosta, entwarf Beuys einen Brunnen für die Industrie-Ausstellung Rhein-Maas 1952. Im Jahr darauf wurde der Brunnen von der Stadt Krefeld angekauft. Allerdings musste der Künstler auf sein Geld lange warten, er erhielt es erst, nachdem Wember bei der Stadtkasse interveniert hatte.

Bis kurz vor Beuys Tod ist es dieser Brunnen, der dem Filzhut-Träger wenig Ruhe ließ. Und der auch den Künstler und seinen Förderer Wember zwischenzeitlich entzweite. Der Museumsdirektor wollte den Brunnen nämlich 1955 im Vorgarten von Museum Haus Lange aufstellen und bat Beuys um Hilfe bei der Installation. Doch der weigerte sich, nach Krefeld zu kommen. "Wo Ihnen in Krefeld ein bleibendes Denkmal gesetzt wird, da wollen Sie mich allein lassen?", schrieb Wember in einem Brandbrief. Erst drei Jahre später nahm Beuys wieder brieflich Kontakt zu ihm auf. Der Brunnen tauchte ab, sprudelte erst 1969 bei der Neueröffnung des Kaiser-Wilhelm-Museums im Innenhof. Und Beuys kehrte zurück. In Werken (1971 erwarb die Sammlung Lauffs das Regal "Barraque D'Dull Odde"), in Natura (bei der hitzigen Debatte Mensch=Kunst 1971) und in Abwesenheit. Denn auch in Krefeld ist mal Beuys-Kunst entwischt. Keiner Putzfrau, sondern dem KWM: 1974 und 1977 wurden zwei Skizzenblätter gestohlen. 1984, zwei Jahre vor seinem Tod, dann der letzte Besuch Beuys' im KWM: Dort installierte er seinen frühen Brunnen, schloss ihn mithilfe eines orangefarbenen Wasserschlauchs an die Barraque D'Dull Odde an. Röder: "Dieses ausgefallene Werk hatte endlich den angemessenen Ort gefunden, als Energiequelle, die alles miteinander verbindet – Ursprung und Ende zugleich."

(RP)