Wissenschaftliches Dossier bestätigt Krefeld im Bilderstreit um die Mondrians.

Krefeld : Erfolg im Streit um die Mondriane

Ein wissenschaftliches Dossier bestätigt Krefeld im Bilderstreit. In Deutschland werden die amerikanischen Mondrian-Erben keinen Anspruch vor Gericht durchsetzen, meint der Jurist. Und die USA seien nicht zuständig.

Es ist ein Kunstkrimi, bei dem die volle Wahrheit wohl nie ans Licht kommen wird: der Streit um vier Gemälde von Piet Mondrian in der Sammlung der Kunstmuseen. Denn die handfesten Beweise fehlen, und so ist es letztlich eine Indiziensache, wer im Recht ist. Für Oberbürgermeister Frank Meyer war klar, dass die Bilder Krefeld gehören, sie hier der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und erforscht werden, und er diese Werte der Krefelder schützen muss. Deshalb hat die Stadt zwei renommierte Kunsthistorikerinnen mit der Provenienzforschung beauftragt: Sie sollten klären, wie die Gemälde nach Krefeld kamen. Denn Nachkommen des Erben von Mondrian hatten Anspruch auf die Werke erhoben. „Nach allen zugänglichen Quellen sind die Bilder zu Recht im Eigentum Krefelds“, sagte Meyer gestern.

Der Berliner Professor Peter Raue, den die Stadt als Juristen hinzugezogen hat, bekräftigte, dass nach dem 90-seitigen Dossier die Erben aus den USA kein Anrecht auf die Herausgabe der Bilder haben. „Es gibt zwei Seiten: eine juristische und eine ethisch-moralische. Juristisch müssen die Erben beweisen, dass sie Eigentümer geworden sind, um Anspruch zu erheben“, sagte Raue. Doch das seien die Erben, deren kompliziertes Verhältnis Raue im Begriff „Trust“ zusammenfasste, niemals geworden. Laut Provenienzforschung spricht sehr viel dafür, dass Mondrian die Bilder schon in den 1920er Jahren hergegeben hat, 20 Jahre vor seinem Tod. Damit hat er sie nicht seinem Mäzen und Erben, dem Amerikaner Harry Holtzman, hinterlassen.

Zwei der vier Mondrian-Bilder, um die gestritten wird. Sie sind im KWM zu sehen. Foto: Kaiser Wilhelm Museum, Sammlungspräsentation, 1980er Jahre (Credit: Kunstmuseen Krefeld, Volker Döhne)

Vieles spricht nach den Erkenntnissen der Forscherinnen Katja Terlau und Vanessa-Maria Voigt dafür, dass die Bilder 1929 nach Krefeld kamen. Vermutlich hat der damalige Direktor des Kaiser-Wilhelm-Museums, Max Creutz, sie für seine private Sammlung erworben. Die Sammlerin Sophie Lissitzky-Küppers (1891-1978) verwaltete Mondrians Werke in Deutschland auf Kommission. Die vier Gemälde wurden in mehreren Verkaufsausstellungen für 300 bis 400 Mark angeboten, fanden aber keine Käufer. Creutz wollte die Bilder für eine Ausstellung zu internationaler abstrakter Kunst haben. In seinen Plänen wurde er von finanzkräftigen Sammlern unterstützt. Einer davon war der Seidenindustrielle Erich Raemisch.

Die geplante Ausstellung hat Creutz später abgeblasen. Aber die Bilder sind wohl nie an Mondrian zurückgegangen, denn der hat 1931 in einem Brief erwähnt, dass er keine Werke mehr habe, die er  für eine Ausstellung zur Verfügung stellen könnte. Das ist für die Forscherinnen ein Hinweis, dass die Bilder bereits verkauft waren. Ein Brief vom 13. September 1929 passt in diese Kette: Ernst Kállai, Redaktionsleiter der Zeitschrift „Bauhaus“ in Dessau, schrieb an Raemisch, dass er nach einer Dienstreise in seinem Büro acht Bilder von Mondrian vorgefunden habe, die irrtümlicherweise in einer Kiste gesteckt hatten mit Leihgaben für eine Wanderausstellung. Diese Kiste kam aus Krefeld. Dorthin hat Kállai sie auch zurückgesandt.  Raue: „Das kann kein Zufall sein.“ Denn niemand habe damals die Bilder von Krefeld zurückgefordert. Der ungeklärte Raum in der Geschichte der Bilder ist für ihn „ein Millimeterraum“.

Nicht ganz klar ist, wie Paul Wember viele Jahre später die Bilder im Museum vorgefunden hat. Ein Papierkeller und ein Podest am ehemaligen Treppenaufgang sind zwei Versionen. Ehemalige Angestellte des Museums bestätigen aber das Jahr 1950. Nach dem Krieg war das KWM zeitweise Logis für Stadtkasse, Bibliothek, Presseamt und Steuerkasse. Die „Fremdbelegung“ dauerte bis in die Mitte der 1960er Jahre an.

Was aus vier der ursprünglich acht Mondrian-Gemälde wurde, ist offen. Das gehörte nicht zum Prüfauftrag der Wissenschaftlerinnen. Fakt ist, dass Paul Wember die Bilder 1954 in die Inventarliste eingeschrieben hat. Ab 1953 sind sie als Leihgabe in vielen Ausstellungen gezeigt worden. „Komposition IV“ war unter anderem 1959 auf der ersten „documenta“ in Kassel zu sehen. „Der Fachwelt waren die Arbeiten spätestens seit 1954 bekannt“, sagt Raue. Und auch Mondrians Erbe, der Mäzen Holtzman, müsse gewusst haben, dass sie in Krefeld sind. Denn in einem Mondrian-Werkverzeichnis, das Michel Seuphor erstellt hat, trägt er 1957 nach, dass das Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld im Besitz von vier Mondrian-Bildern ist, die in dem bereits abgeschlossenen Katalog nicht berücksichtigt sind. „Solche Werkverzeichnisse werden immer in Kooperation mit dem Künstler oder Erben gemacht“, betonte Raue. Holtzman müsse daran beteiligt gewesen sein. Doch er hat nie Ansprüche erhoben. Dass die Erben in USA klagen, wie sie es angedroht haben, hält er für unwahrscheinlich: Ich sehen keinen Anlass für amerikanische Zuständigkeit.“

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