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Wilhelm Tell in Krefeld: Mit Laptop und Greta-Thunberg-Zitaten

Theater via Youtube : Wilhelm Tell mit Laptop und Greta-Thunberg-Zitaten

Es war eine ungewöhnliche Aufführung des Wilhelm Tell: Die Schauspieler betraten mit Mundschutz die Bühne. In die – per Videostream übertragene – Inszenierung wurden Zitate der Klimaaktivistin Greta-Thunberg eingebaut.

1861mal ist das Video bis Sonntagmittag schon aufgerufen worden — die neuartige Aufführung des Wilhelm Tell von Friedrich Schiller hat bereits eine große Gemeinde. Das Theater Krefeld Mönchengladbach hat sich mit seiner jüngsten Produktion an die Corona-Bedingungen angepasst und man kann sagen: Sehr gelungen.

So wie das Stück mit seinem mittelalterlichen Schweizer Hintergrund aktualisierende Verwandlungen erfahren hat, ist es gleichfalls der Inszenierung von Matthias Gehrt geschehen. Corona wird Theater: Die Schauspieler, alle dunkel gekleidet und mit weißem Mundschutz, betreten einer nach dem anderen die Bühne. Zuerst reiben sie sich die Hände im Desinfektionsmittel und setzen sich dann jeder an einen kleinen runden Tisch. Diese sind in einem großen Kreis aufgestellt. Die Abstände voneinander so groß, dass sie ihre Masken dann ablegen können. Die Hygienehandlungen haben etwas von liturgischer Konzentration, die Spannung vor Beginn dieser ungewöhnlichen Lesung ist durchaus spürbar, und die inhaltliche Spannung dieses Klassikers aus der napoleonischen Zeit erhält ihre adäquate Begleitung durch die Musik von York Ostermayer.

  Paul Steinbach liest die Rolle Wilhelm Tells. Foto: Theater Krefeld-Mönchengladbach/ Matthias Stutte

Wilhelm Tell wird in der schweizerischen Idylle von Landvogt Geßler (Michael Grosse) dazu gezwungen, das Leben seines Kindes zu riskieren, um eben dieses Leben zu retten. Mit einer Armbrust schießt er dem Kinde den Apfel vom Kopf. Die Grausamkeit des Landvogts bestimmt den Tell zum Tyrannenmord. Damit setzt sich Tell (Paul Steinbach) in seinem abschließenden Monolog auseinander. Die darin liegende Frage danach, was mit einem politischen Mord an einem Vertreter der Macht, dessen Position schnellstens wieder besetzt werden kann, gewonnen ist – das ist die Frage, die der Zuhörer auch auf die eingefügten Gegenwartsbezüge übertragen mag. Denn die Frage nach der Umweltverschmutzung, nach dem Klimawandel werden auf eine kaum merkbare Weise integriert.

Bekannte Zitate von Greta Thunberg oder weniger geläufige der Kapitänin Carola Rackete, die auf ihrem Schiff italienischen Behörden getrotzt hat, wurden von Dramaturg Thomas Brockhaus an das Schillersche Versmaß angepasst – und so mancher Satz aus dem Original wie etwa von schmelzenden Gletschern oder vertrocknenden Wiesen scheint heutig. Daneben stehen die Sätze Schillers, die schon vor langem ihren Weg in den allgemeinen Wortschatz gefunden haben „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“ oder „Früh übt sich, was ein Meister werden will“.

Einen weiteren deutlichen Zeitbezug erkennt man in den Geschlechterzuweisungen. In Krefeld ist aus Tells Sohn Walter eine Waltraut geworden, so wie auch einige andere Männer in Frauen verwandelt sind. Interessant auch die Rolle des Geistlichen (Ronny Tomiska), der durch Streichungen mehrere Stimmen auf sich vereint und so ein Sprecher gegen die Obrigkeit wird.

Die Führung der fünf Kameras lässt die Vorbereitung zur Übertragung erkennen. Der Erzähler (Bruno Winzen) mit den erklärenden szenischen Anweisungen bekommt die erste Nahaufnahme, es werden die einzelnen Figuren oder Dialoge gezeigt und schließlich mit großer Nähe Tells abschließender Monolog. Durch die Aneignung der Möglichkeiten in Zeiten von Corona ist dem Ensemble eine fesselnde, dichte Aufführung gelungen. Der Zuschauer kann sich ganz auf das Wort und dessen Interpretation konzentrieren und gelangt damit in den Sog dieses mehr als 200 Jahre alten Dramas, klug aktualisiert. Dass das Medium ein anderes ist, merkt man erst ganz am Schluss, wenn die Spannung nachlässt – Beifall gibt es nur auf dem Sofa.