Krefeld: Wie man ab 1560 in Orbroich lebte: Es stank, es war kalt, und es drohte oft Krieg

Krefeld : Wie man ab 1560 in Orbroich lebte: Es stank, es war kalt, und es drohte oft Krieg

In Orbroich wurde, wie berichtet, ein Haus entdeckt, das Siedlungsgeschichte seit Mitte des 16. Jahrhunderts widerspiegelt, spätestens 1560 erbaut wurde und erstaunlich gut erhalten ist. Christoph Dautermann, Vize-Leiter des Museums Burg Linn, hat das Haus untersucht. Wir wollten von ihm wissen: Wie lebte es sich dort?

Es muss gestunken haben, und im Winter war es kalt - die Temperaturen im Innern werden bei 16, 17 Grad gelegen haben. Dennoch bedeutet die Form des Hallenhauses in der Menschheitsgeschichte einen zivilisatorischen Sprung: Mensch und Tier lebten seit der Eisenzeit unter einem langgestreckten Dach nah beieinander. Vom Wohlergehen der Tiere und von den Vorräten hing das Überleben ab. Die Geruchswelt in diesem Haus muss sehr intensiv gewesen sein, lebten doch Mensch und Tier unter einem Dach. Die Menschen waren sicher daran gewöhnt, aber nicht so sehr, dass ihnen Gestank nicht mehr als Gestank aufgefallen wäre: "Schweine wurden meist draußen in einem anderen Gebäude gehalten", sagt Dautermann. Dieser Geruch war wohl auch für robuste Nasen unerträglich. Das Hallenhaus barg alle Vorräte, auf dem Söller wurde Getreide gelagert.

Getreide war kostbar; jede Missernte konnte die Preise in die Höhe schrauben, und wehe der Familie, die dann zukaufen musste. So konnte es jederzeit zu Hungerphasen oder Hungersnöten kommen; belegt ist, dass in den 1570er Jahren in Bayern schwer gehungert wurde. Das hatte auch klimatische Gründe. Vom 14. bis ins 18. Jahrhundert herrschte in Europa eine sogenannte Kleine Eiszeit; die Winter waren extrem kalt, die Wetterschwankungen erheblich, die Ernten unsicher. Der Niederrhein gehörte zu den relativ wohlhabenden Gegenden, zumal er von Krieg oft verschont blieb. Auch im Dreißigjährigen Krieg hat die Region vom Krieg eher profitiert, weil die Lebensmittel vom Niederrhein in den Kriegsgebieten gebraucht wurden. Man aß Getreide, Kraut, Rüben, Kohl, Lauch, gelbe Rüben oder Linsen. Der Fleischkonsum unterlag starken Schwankungen; Fleisch wurde meist geräuchert, um es haltbar zu machen. Auch bei ausreichender Ernährung wurden die Menschen nicht alt. Die Lebenserwartung lag im Schnitt unter 40 Jahren. Noch im 19. Jahrhundert wurden Männer im Schnitt knapp 36 und Frauen rund 38 Jahre alt. Viele Geburten und Infektionskrankheiten endeten tödlich. Die Kindersterblichkeit war extrem: Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts erreichte nur eines von zwei Neugeborenen das Erwachsenenalter. Noch 1870 starben in großen Städten rund ein Drittel der Säuglinge. Die Wohnkultur in den Bauernhäusern änderte sich über Jahrhunderte kaum. "Es gab relativ früh Trennwände zwischen dem Bereich der Tiere und dem der Menschen", sagt Dautermann. Die Feuerstelle trennte beide Zonen - im Haus in Orbroich liegt sie im letzten Drittel des Gebäudes. Der Wohntrakt war klein. Es gab eine gute Stube an der Feuerstelle und zwei, drei Kammern für die Familie.

Das Gebälk ist eine Schatzkammer für Fachleute, die Holz und Bauweisen "lesen" können. Der Dachstuhl ist alt und reicht in der Substanz bis in die Entstehung des Hauses um 1560 zurück. Foto: Lammertz

Das Raumklima dürfte hart gewesen sein: In der Nähe des Feuers herrschte Hitze, etwas weiter weg wurde es unangenehm kühl; dazu war es feucht und verqualmt. "Etwas besser dürfte das Raumklima in den Opkammern gewesen sein", schätzt Dautermann. Sie kamen im Orbroich-Haus Mitte des 18. Jahrhunderts dazu - vermutlich als Wohnräume fürs Altenteil. Opkammern waren leicht erhöht gebaut - darunter lagen Vorratsräume.

Wie viele Menschen lebten in solch einem Haus? Für das Orbroich-Gebäude gibt es eine französische Quelle aus dem Jahr 1800. Demnach lebte dort die Familie von Alexander Keggen mit insgesamt fünf Personen und ein Knecht. Der Name Keggen lässt sich bis ins Jahr 1628 zurückverfolgen - mal als Kick, Kicken oder Keekken. So darf man vom "Keggen-Hof" sprechen.

Die von Verschlägen verdeckte Hinterseite des Hauses offenbart Fachwerk, dessen Entstehung bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Die schräg gemauerten Ziegel zeigen den Willen zu einer ästhetischen Bauweise. Foto: Lammertz

Die Leute vom Keggenhof dürfen als wohlhabend gelten. Dennoch war ihr Leben hart. "Bauern waren meist nicht nur Landwirte und hatten oft noch ein zweites Standbein wie Kohlehandel oder Korbflechten", sagt Dautermann. Der Tag gehörte der Arbeit; die Abende waren kurz, die Nächte auch - dafür sorgten schon die Tiere.

Christoph Dautermann vom Museum Burg Linn begutachtet Material und Konstrukt unter dem modernen Putz - dort zeigt sich das Alter und der Wert dieses Bauernhauses. Foto: T.L.
Eva-Maria Eifert von der Krefelder Denkmalbehörde erläutert das Opkammer-Prinzip: Die Kammern zum Wohnen (vermutlich als Altenteil genutzt) lagen etwas erhöht; darunter wurde ein Kellerraum als Vorratslager angelegt. Eifert steht auf der Treppe, die in den Kellerraum führt. Foto: Thomas Lammertz

So haben sich in diesem Haus vor allem Erinnerungen an harte Zeiten angesammelt. Das Leben war durch Arbeit und Mühsal geprägt. Und oft durch frühen Tod. Dies vor Augen, streift man ehrfürchtig durch dieses Gebäude. Und ist froh, wieder ins Jetzt zurückzukehren.

(RP)