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Wie Krefeld das Kriegsende erlebte

75 Jahre nach Kriegsende : Wie Krefeld das Kriegsende erlebte

Stadtarchivar Olaf Richter hat einen fabelhaften Beitrag zum Kriegsende vor 75 ausgearbeitet. Er hat ihn zur Eröffnung einer Ausstellung in der Mediothek vorgetragen. Wir dokumentieren den Beitrag des promovierten Historikers. Richter hat Quellen gesichtet und eine wissenschaftlich fundierte Darstellung ausgearbeitet, die sich auch noch sehr gut liest.

Wenn wir auf die letzte Phase des Zweiten Weltkriegs in Krefeld, also auf die Wochen und Tage vor und dann um den 2. bis 5. März 1945 schauen, deren Gedenken nun zum 75. Mal wiederkehrt, so ist dies die Zeit, in der die Kriegshandlungen in unserem Raum weitgehend zum Stillstand kamen. Wobei der Zweite Weltkrieg erst einige Wochen darauf am 8. Mai kriegsrechtlich mit der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches endete.

Aus welchen Quellen können wir heute über diese Monate der Stadtgeschichte Kenntnis erhalten? Da sind zunächst Unterlagen aus verschiedenen Beständen des Stadtarchivs zu nennen, dann die staatliche deutsche Überlieferung, also Akten der Landes- und Reichsbehörden einschließlich des Militärs, und natürlich Quellen der Alliierten, vor allem Berichte der amerikanischen Divisionen oder auch Unterlagen des britischen Luftfahrtministeriums, die sich heute in den entsprechenden Archiven in den USA und vor allem in den National Archives in London befinden.

 Die St.-Anton-Straße, Ecke Friedrichstraße:Der markante Rundbau stand schon damals. Die Innenstadt war in großen Teilen zerstört.
Die St.-Anton-Straße, Ecke Friedrichstraße:Der markante Rundbau stand schon damals. Die Innenstadt war in großen Teilen zerstört. Foto: Stadtarchiv Krefeld

Neben dieser Überlieferung der – man kann sagen – „offiziellen Stellen“ sind für die Fragen zum Kriegsende 1945 auch private Quellen wie Erinnerungen der Augenzeugen und ihre Fotos von besonderer Bedeutung.

 Ein US-Soldat beobachtet Krefelder Bürger nach der Einnahme von Krefeld; Anfang März 1945
Ein US-Soldat beobachtet Krefelder Bürger nach der Einnahme von Krefeld; Anfang März 1945 Foto: Stactarchiv Krefeld
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Es lässt sich sicher allgemein sagen, dass die bisherige Aufarbeitung der Krefelder Ereignisse recht intensiv durchgeführt worden ist. So haben die Arbeiten des früheren Stadtarchivars und Zeitzeugen Dr. Carl Müller von 1954 und die Magisterarbeit von Dieter Bommers aus dem Jahr 1966 den heutigen Forschungsstand bereits substantiell dargelegt. Bommers hat dazu verschiedene wichtige Interviews geführt, u. a. mit dem von der amerikanischen Besatzung berufenen Oberbürgermeister Dr. Johannes Stepkes sowie dem späteren SPD-Oberbürgermeister Josef Hellenbrock. Deshalb kann kritisch angemerkt werden, dass die seither erschienene lokalhistorische Literatur zu dieser Phase, aber auch über sie zeitlich hinausgehend, sich nicht selten in der Wiederholung bereits bekannter Sachverhalte erschöpft hat. Das mag mit einem unveränderten Blick auf das Geschehen zusammenhängen, der vor allem auf die einschneidenden Ereignisse und auf die unglaublichen Quantitäten der Zerstörung gerichtet war. Dadurch wurden jedoch Fragen nach dauerhaften mentalen Einstellungen zur NS-Herrschaft in Bürgerschaft und exponierten Gruppen zurückgestellt. Dem könnte man beispielsweise anhand des gesellschaftlichen Ereignisses Karneval vor und nach 1945 nachgehen, oder man könnte auch einmal die Rollen etwa der Stadtverwaltung, einzelner Firmen oder der Frauen in ihrer gesellschaftlichen Funktionalität untersuchen.

 Der Schütze Perez aus texas untersucht einen verdächtigen Deutschen
Der Schütze Perez aus texas untersucht einen verdächtigen Deutschen Foto: Stadtarchiv Krefeld

Nichtsdestotrotz sind für solche Fragen seit den 1960er Jahren wichtige Materialien wie Aufzeichnungen und Lebensberichte aus dem privaten Bereich hinzugekommen, ähnlich wie jetzt durch die Initiative des Arbeitskreises um Sandra Franz, die Leiterin der Krefelder NS-Dokumentationsstelle. Das eröffnet uns die Möglichkeit, unsere Kenntnisse über diesen wichtigen Abschnitt der Stadtgeschichte im Frühjahr 1945 mittels neuer, hier vornehmlich aus amerikanischen privaten Sammlungen herrührenden Quellen weiter zu vertiefen.

 Amerikanische Truppen in Hüls; im Hintergrund St. Cyriakus
Amerikanische Truppen in Hüls; im Hintergrund St. Cyriakus Foto: Stadtarchiv Krefeld

Wie verlief also das Kriegsende in Krefeld-Uerdingen? Die bevorstehende Niederlage des deutschen Militärs war der Bevölkerung seit Sommer, spätestens seit Herbst 1944 bewusst. Am 6. September notierte Karl Rembert, der damalige Direktor der Linner Museen und bekannte Lokalhistoriker, in seinem Tagebuch, dass sich endlose militärische Fahrzeugkolonnen von der Front im Westen über die Uerdinger Rheinbrücke zurückzogen. Und Jürgen Wahl, der damals 15 Jahre alt war, erinnert sich, dass er am 8. September 1944 auf der Straße von Tieffliegern angegriffen wurde, was danach zur täglichen Bedrohung geworden sei. Vermehrt floh die Bevölkerung auf das Land, insbesondere nach Mitteldeutschland, wohin auch die niederen Schulklassen von der Verwaltung evakuiert wurden. Von den 172.000 Einwohnern Krefelds zu Kriegsbeginn waren Ende Februar 1945 nur noch 125.000 vor Ort. Unmittelbar vor dem Eintreffen der amerikanischen Truppen flohen noch knapp 10.000 Personen ins Rechtsrheinische.

 Uerdingen wird evakuiert. Ein Junge schafft Hab und Gut weg.
Uerdingen wird evakuiert. Ein Junge schafft Hab und Gut weg. Foto: Stadtarchiv

In den letzten Kriegsmonaten und -wochen war in der Stadt eine eigenartige Mischung von Normalität und Kriegsalltag zu beobachten: Die Schulen hatten im Oktober 1944 ihre Türen geschlossen. Hingegen wurde der Unterricht auf der Webe- und Färbereischule fortgesetzt. Die Examenskandidaten des Wintersemesters 1944/45 legten noch wenige Tage vor dem amerikanischen Einmarsch ihre Abschlussprüfungen ab. Im Herbst 1944 waren die Abendvorstellungen im Varieté „Seidenfaden“ am Ostwall überfüllt, die allerdings regelmäßig durch Luftalarm unterbrochen wurden, so dass die Gäste in die Keller eilten. Um Januar, Februar 1945 stellten die meisten Gewerbebetriebe ihre Arbeit ein. Doch der Straßenverkehr, die Ausgabe von Zeitungen und die Verteilung der Post, teilweise auch die Telefonverbindungen, konnten bis zum Einmarsch der amerikanischen Truppen aufrechterhalten werden.

 Blick von Kirchturm der Dionysiuskirche auf das durch Bomben zerstörte Krefeld.
Blick von Kirchturm der Dionysiuskirche auf das durch Bomben zerstörte Krefeld. Foto: Stadtarchiv

Zum sogenannten Volkssturm verpflichtet, wurden viele Krefelderinnen und Krefelder in den letzten Monaten unmittelbar in die Verteidigung ihrer Heimatstadt eingebunden: Frauen, Alte und ganze Schulklassen höherer Jahrgänge hoben in mühevoller Arbeit Gräben und Schanzen aus, welche die feindlichen Panzer vor Krefeld aufhalten sollten. Schon beim Bau glaubte offenbar kaum jemand an deren Sinn. Das bewahrheitete sich wenig später, als die Gräben von amerikanischen Räumfahrzeugen ohne Schwierigkeiten zugeschüttet oder von den Panzern einfach umfahren wurden.

  PK Ausstellung Kriegsende
PK Ausstellung Kriegsende Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Zu Silvester 1944 und dann Mitte und Ende Januar sowie noch wenige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner, am 21. Februar 1945, sind teils massive Luftangriffe gegen Krefeld gerichtet worden. Nach dem fast vollständigen Zusammenbruch der deutschen Luftabwehr konnten diese Angriffe im Unterschied zur schweren Bombardierung im Juni 1943 nun sogar tagsüber geflogen werden. Ziele waren die Bahnanlagen; getroffen wurden aber ebenso Wohnviertel, wobei der bis dahin verschonte Südwesten der Stadt nun ebenfalls starke Beschädigungen davontrug und weitere 300 Einwohner in den Trümmern umkamen.

 Auf dem  Hülser Marktplatz haben sich 1945 viele Menschen versammelt, um zu hören, wie es weitergeht.  Der Krieg war beendet.
Auf dem  Hülser Marktplatz haben sich 1945 viele Menschen versammelt, um zu hören, wie es weitergeht.  Der Krieg war beendet. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

In den Tagen vor der Einnahme kreisten verstärkt amerikanische Jagdflieger über der Stadt. Deshalb spielte sich der Alltag zunehmend in Kellern ab. Man verließ die Häuser nur noch im Notfall und viele zogen sich in einen der insgesamt 45 Bunker der Stadt zurück. Der größte Bunker war der am Hauptbahnhof. Er war für 10.000 Personen vorgesehen, doch schließlich pressten sich dort 15.000 Menschen zusammen. Der Schutzbau an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße konnte 7.800, und der auf dem Blumenplatz 1.600 Personen aufnehmen. Der im Stadtteil Uerdingen am Röttgen errichtete Bunker, der vor zwölf Jahren abgerissen worden ist, bot auf sieben Stockwerken 5.000 Personen Schutz. In den Tagen vor der Einnahme, als rund eine halbe Million Flugblätter mit propagandistischen Aufrufen über Krefeld abgeworfen wurden, drängten zusätzlich neben Flüchtlingen, die vor allem aus dem Jülicher Raum stammten, auch tausende Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in die Luftschutzräume. Das waren Niederländer, Belgier, Franzosen, Polen und Russen, die bislang in großen Barackenlagern am Rande der Stadt und in der Nähe der sie beschäftigenden Industriebetriebe hausten. Ein Großteil arbeitete für die Samt- und Seidenindustrie und allein 1.800 Zwangsarbeiter für das Stahlwerk in Fischeln. Nachdem ihre Bewachung aufgegeben war, suchten sie in der Stadt Zuflucht.

 2. März 1945: Soldaten der US-Infanteriedivision aus Philadelphia mit einer von ihnen geschmückten Krefelder Straßenbahn
2. März 1945: Soldaten der US-Infanteriedivision aus Philadelphia mit einer von ihnen geschmückten Krefelder Straßenbahn Foto: Stadtarchiv

In den Bunkern verlief der Alltag unter schwierigsten Verhältnissen. Die Sanitäranlagen waren vielfach defekt, es gab keine Waschmöglichkeiten, das Essen wurde auf Toiletten zubereitet, der Strom fiel aus. Infektionskrankheiten breiteten sich aus und es gab keine Medikamente zur Behandlung Verletzter. Tote konnten nicht aus dem Bunker gebracht und entbindende Frauen nicht versorgt werden.

 Die Uerdinger „Adolf-Hitler-Brücke“ nach der Sprengung am 3. März 1945.
Die Uerdinger „Adolf-Hitler-Brücke“ nach der Sprengung am 3. März 1945. Foto: Stadtarchiv

Es ist sicher bemerkenswert, dass die Behörden unter diesen Umständen die Lebensmittelversorgung aufrechterhalten konnten, was andernfalls unvorstellbare Not nach sich gezogen hätte. Der Stadtverwaltung war es gelungen, Vorräte anzulegen. Sie versorgte die Bäcker mit Mehl und ließ täglich Suppen an die Menschen ausgeben. So fuhren auch bereits am Tag nach dem Einmarsch wieder Lebensmitteltransporte aus dem ländlichen Umfeld zum Krefelder Großmarkt und der Milchhof nahm seinen Betrieb wieder auf.

 Das war also in etwa die Lage, als sich amerikanische Verbände nach Kämpfen um Mönchengladbach und Neuss am 28. Februar Krefeld näherten. Ihr hauptsächliches strategisches Ziel bestand in der Einnahme des Brückenkopfes Uerdingen.

 Für den weiteren Verlauf sind in der letzten Kriegsphase bzw. noch kurz vor dem 3. März drei wichtige Entscheidungen gefallen. Zum einen hatte sich das deutsche Militär, wie bemerkt, mit seinen Haupttruppen bereits seit Monaten über den Rhein zurückgezogen. Denn die Alliierten wollten das Ruhrgebiet nicht direkt, sondern in einer Umfassungsbewegung von Norden und Süden her angreifen. Krefeld wurde somit nicht in die Verteidigung des rechtsrheinischen Industrie- und Rüstungszentrums hineingezogen. Andernfalls wäre die Stadt vermutlich gänzlich zerstört worden, wie dies etwa mit Düren und Jülich geschehen ist. Zum zweiten war es gelungen, die unmittelbar vor den amerikanischen Truppen zurückweichenden deutschen Panzer und schweren Geschütze, die in der Stadt wegen Treibstoffmangel liegengebliebenen sind, noch am 1. März durch eilig beschafftes und teils beschlagnahmtes Benzin wieder zu starten und auf die andere Rheinseite zu fahren. So wurde ein die Stadt vernichtender Straßenkampf verhindert.

Und schließlich war es eine große Erleichterung, dass die Verkehrs- und Versorgungsanlagen funktionsfähig geblieben sind, dass also die Absicht, sogenannte „verbrannte Erde“ zu hinterlassen – abgesehen von der Zerstörung der Uerdinger Rheinbrücke – nicht realisiert worden ist. Dieser Umstand ist den sich verweigernden Verantwortlichen in Militär und Verwaltung zu verdanken. Hingegen drangen die Vertreter der NSDAP bzw. die Spitzen der von ihr gesteuerten Zivilverwaltung gemäß den Befehlen aus Berlin auf Kampf bis zum Letzten. Das Militär aber sah darin keine Option, sah angesichts der Lage in solchen Handlungen keinen Sinn mehr. Mit der Parteispitze setzten sich Teile der Verwaltungsführung, die seit der Zerstörung des Rathauses im Jahr 1943 in der Volksschule Mariannenstraße nahe am Bahnhof-Bunker arbeiteten, noch am 1. März über den Rhein nach Wuppertal ab. Seither versuchten die zurückgebliebenen Verwaltungsbeamten und Personen des öffentlichen Lebens wie Pfarrer und Ärzte, eine gewisse Ordnung in das Geschehen zu bringen.

 Am 2. März, einem Freitag, begann bei klarem Wetter der Hauptangriff durch fünf Divisionen von Westen und Südwesten her. Die amerikanischen Truppen kamen von Viersen, Anrath und Willich sowie von Osterath. Der Schwerpunkt der Stoßrichtung mit dem Ziel der Uerdinger Brücke lag zwischen dem Rheinstrom und Willich. Die Verteidigung oblag nur ca. 600 Soldaten, die keine Formation mehr bildeten und sich mit LKW und PKW bewegten. Weiterhin standen rund 200, meist über 50-jährige Polizisten und etliche Volkssturmmänner samt einigen HJ-Angehörigen einer Übermacht tausender, gut mit Waffen und Material ausgestatteter US-Soldaten gegenüber. Von den 1.400 Zivil tragenden Volkssturmmännern sind weniger als die Hälfte überhaupt zum Einsatz erschienen. Sie hatten einige Gewehre und wenig Munition und verließen bald ihre Posten. All das stellte kein nennenswertes Hindernis für das amerikanische Militär dar. Zu Widerstand kam es zunächst nur im Forstwald und in Fischeln, wo eine Volkssturmkompanie von 16 bis 18jährigen HJ-Mitgliedern Sturmgeschütze auf die von Osterath anrückenden Truppen richtete, was offenbar den meisten Jugendlichen das Leben kostete.

Das Stadtzentrum Alt-Krefelds wurde jedenfalls noch am 2. März um 15 Uhr besetzt. Viele Bewohner hatten weiße Tücher aus den Fenstern oder an die Klinken der Haustüren gehängt. In diesen Stunden zogen sich die letzten versprengten deutschen Truppen über den Rhein zurück, wobei es zu einzelnen Gefechten kam. Beispielsweise wurde vom Turm der katholischen Kirche in Traar am 3. März mit schwerem Maschinengewehr auf amerikanische Soldaten geschossen. Dabei fielen zwölf Deutsche und drei Amerikaner. Neben derartigen kleineren Gefechten auch in Fischeln und im Forstwald kam es schließlich zu massiveren Kampfhandlungen in Uerdingen.

 Die Einnahme Uerdingens begann mit der Beschießung noch am 2. März ab 17.30 Uhr. Wie erwähnt, hatten sich dort rund 5.000 Personen in den großen Bunker am Röttgen geflüchtet. Das Ringen um die Brücke begann. Im Unterschied zur Alt-Krefelder Innenstadt waren deshalb die Uerdinger Straßen heftig umkämpft. Am 4. März wurde die Rheinbrücke durch einen vom rechten Rheinufer auf die Brücke gefahrenen Munitionswagen gesprengt. In den letzten Tagen hatten die deutschen Truppen an der Brücke 39 Mann verloren.

Einen Tag später, also am Montag, dem 5. März, durften die Insassen den Bunker am Röttgen verlassen, nachdem die Stadt durchkämmt worden war. – Im nahen Linn war es nur zu geringen Schäden durch Granateinschläge gekommen.

Doch ebenso wie für Uerdingen gab es für Alt-Krefeld in den folgenden Wochen keine wirkliche Ruhe, da deutsche Truppen regelmäßig aus dem rechtsrheinischen Düsseldorfer und Duisburger Raum in die Stadt schossen, was Einzelnen das Leben kostete.

So muss man hinsichtlich der Verluste an Menschenleben wie folgt bilanzieren: Es fiel eine größere Zahl Soldaten, die für die Tage zwischen dem 1. und 5. März nicht genau beziffert werden kann. In dieser Zeit aber fanden nach den Angaben des Standesamtes in Krefeld-Mitte 22, in Fischeln 14, in Bockum 4, in Oppum 3 und in Uerdingen 49 Zivilpersonen den Tod. In Summe sind seit Kriegsbeginn bei Luftangriffen 2.048 Krefelderinnen und Krefelder umgekommen und außerhalb der Stadt 4.511 Krefelder gefallen.

 Unter den materiellen Kriegsschäden stellte der zerstörte Wohnraum das dringlichste Problem dar. Im Vergleich zur Vorkriegszeit waren fast drei Viertel aller Wohngebäude beschädigt und ein Drittel so stark zerstört, dass kein Wiederaufbau mehr möglich war. Viele Kirchen waren in Schutt und Asche gelegt und ebenso 34 der insgesamt 52 Schulen. Über 70 % der Industriegebäude und 36 % der Verkehrsanlagen waren zumeist irreparabel beschädigt.

 Zur Einordnung des in der Stadtgeschichte sicher außergewöhnlichen Geschehens zu Beginn des März 1945 kann gesagt werden, dass die Gesamtstadt trotz allem menschlichen Leid, auf das in diesem Abriss nur vage hingewiesen werden konnte, in den letzten Kriegstagen vergleichsweise glimpflich davongekommen ist. Der Stadtteil Uerdingen hat aufgrund seiner strategischen Lage stärker gelitten als Alt-Krefeld.

 Damit soll nicht das Leid der vorherigen Kriegsjahre vergessen sein, das in der Stadt zweifelsohne groß und schrecklich war. Es steht außer Frage, dass diese Erfahrungen für die Zeitgenossen bedrückender waren als die Situation zu Ende des 1. Weltkrieges, als die belgischen Truppen im November 1918 in eine völlig intakte Stadt ohne jegliche Zerstörung einrückten.

 Mehr dürfte die Lage im Frühjahr 1945 noch mit der in den 1580er Jahren gemein haben: Blicken wir über 350 Jahre in der Stadtgeschichte zurück, dann ist an ein durch einen konfessionspolitischen Krieg um das Kölner Bistum völlig zerstörtes und verlassenes Ackerstädtchen zu erinnern. Der Ort zog erst Jahre später wieder Rückkehrer und Zuwanderer an, die infolge das Textilgewerbe aufblühen ließen, was bis ins vorige Jahrhundert hinein wesentlich zum Wohlstand der städtischen Gemeinschaft beitragen sollte.

Für die weitaus meisten Menschen in Krefeld wird der Einmarsch der Amerikaner, der Anfang März 1945 erst einmal den Krieg beendete, eine Beruhigung mit sich gebracht haben, wenngleich neben der Dankbarkeit eine ganz ungewisse, oftmals sicher auch hoffnungslose Zukunftserwartung mitschwang. Das wird aus vielen Äußerungen der Zeitzeugen deutlich. Zunächst stand das Überleben, das Weiterleben von Tag zu Tag im Vordergrund.

Wenn wir gegenwärtig in Erinnerung des Kriegsendes in unserer Stadt vor 75 Jahren zusammengekommen sind, so fragen wir freilich danach, wie dies alles – die NS-Herrschaft, die gesellschaftliche Katastrophe in Deutschland, die Entfachung eines weltweiten Krieges – denn „möglich“ gewesen ist.

Beispielsweise brauchte eine solche Frage nach der erwähnten völligen Zerstörung der Stadt Ende des 16. Jahrhunderts nicht gestellt werden. Anders schon 1918, als zwar Ursachen in unverantwortlichem militärischem Vabanque-Spiel, aber auch in einer problematischen Entwicklung der Gesellschaft während des Kaiserreiches lagen. Doch stellten sich darüber hinaus im Jahr 1945 ganz andere Fragen oder sie hätten sich stellen müssen: nun nämlich auch nach der ganz individuellen Verantwortung der Überlebenden für das Leid, das in den vorangegangenen zwölf Jahren den jüdischen Nachbarn, verschiedenen Minderheiten und den ausländischen Nationen und freilich auch der einheimischen Bevölkerung zugefügt worden ist.

 Man kann wohl wie Dieter Hangebruch in dem entsprechenden Beitrag der Stadtgeschichte über die NS-Zeit festhalten, dass diese dunkle Zeit in Krefeld „keine spezifische Ausprägung erfahren“ hat. Das meint, dass es keine besondere Nähe zur NS-Ideologie gab, es kamen keine Persönlichkeiten des Regimes aus Krefeld, wie hier auch keine überregionalen NS-Institutionen beheimatet waren. Es fanden keine hervorgehobenen Aktionen wie NS-Parteitage statt und die Stadt hat trotz ihrer erheblichen ökonomischen Stellung nie einen Besuch Hitlers erlebt.

Krefeld, in Grenznähe zu den Niederlanden gelegen, war doch immer auch ein wenig durch seine Auslandsbeziehungen geprägt, die vor allem auf die Samt- und Seidenindustrie zurückgingen und eine gewisse Weltoffenheit in die Stadt gebracht hatten. Die Stadt war bis 1930 politisch stark durch eine breite bürgerliche, teils nationalkonservative, teils sozialdemokratische Mitte bestimmt, so dass noch bei den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung 1929 die Kommunisten wie die Nationalsozialisten insgesamt nicht viel mehr als jede zehnte Stimme erhielten. Noch bei den Reichstagswahlen Ende Juli 1932 bekam die Zentrumspartei mehr Stimmen als die NSDAP. Das hat zum anderen nicht verhindert, dass nach 1933 eine große Zahl von Krefelderinnen und Krefelder das verbrecherische Regime wie andernorts bejaht und unterstützt hat, wie man auch nicht selten persönlich profitiert hat und zwar als einfache Bürgerin beim Kauf von Mobiliar, das deportierten jüdischen Nachbarn gehört hatte, oder auch als namhafter Kaufmann bei der Übernahme konkurrierender Geschäfte, deren Besitzer zur Aufgabe gezwungen worden waren.

Um diesen Teil der städtischen Geschichte deutlicher wahrzunehmen – was nicht meint: verstehen zu können –, ist auf jeden Fall eine besondere Sensibilität im Umgang mit den Quellen vonnöten. Darüber hinaus könnte auch eine Sicht auf die Historie erklärend sein, die auch von gesellschaftspsychologischen Fragen geleitet wird, welche nicht gar so leicht mit Kategorien von „gut“ und „böse“ oder Tätern und Opfern umgehen. Möglicherweise wird dann der Blick auf einen grundlegenden Schuldzusammenhang klarer, in dem sich die Menschen seit jeher befinden.