Krefeld: Wie Fantasy-Autoren Schwertkampf üben

Krefeld : Wie Fantasy-Autoren Schwertkampf üben

Bestseller-Autor Bernhard Hennen trainiert junge Schriftsteller, damit sie Kampfszenen realistisch beschreiben können.

Metallisch rasselt das Kettenhemd. Der Krieger hat sein Schwert gezückt. Es blitzt in der tief stehenden Sonne am Uerdinger Rheinufer. Schwungvoll holt der Kämpfer aus. Die Klinge saust durch die Luft und stoppt kurz vor dem Kopf seiner Gegnerin. Die junge Frau ist nicht nur einen Kopf kleiner, sondern auch deutlich schmaler als der Hüne im Kettenhemd. Im Kampf hätte sie kaum eine Chance.

An diesem Nachmittag jedoch stoppt Bernhard Hennen das Gefecht. "Das war schon ganz gut", lobt er seine beiden Schüler, um gleich darauf Verbesserungsvorschläge zu machen. "Natalie, Du musst immer im Hinterkopf behalten, dass Silas allein durch seine Größe einen Vorteil hat. Seine Reichweite ist größer. Das darfst Du nicht unterschätzen", rät er der 21-jährigen Natalie Matt. An Silas Matthes gerichtet, sagt er: "Wenn Du so stehst, kann Natalie Dir nach einem schnellen Schritt nach vorne mit dem Schwert in den Fuß stechen. Von dieser Verletzung wärst Du so beeinträchtigt, dass Du im Kampf keine Chance mehr hättest."

Bernhard Hennen muss es wissen. Seit genau 20 Jahren übt sich der Krefelder Bestseller-Autor in der Kunst des mittelalterlichen Schwertkampfes. Zu seinem ungewöhnlichen Hobby hat er durchs Schreiben gefunden. "Ein Lektor hat mich 1995 durchaus zu Recht gefragt, wo ich meine Referenzen für Schwertkampf-Szenen hernehme. Sie würden nach Hollywood-Streifen aus den 50er Jahren aussehen. Womit er ebenfalls recht hatte", erzählt Hennen und schmunzelt. Ein echtes Schwert hatte er bis dato noch nie in der Hand gehabt.

Der für seine mit mittelalterlichen Kämpfen gespickten Elfen-Romane bekannte Autor nahm sich die Kritik zu Herzen und beobachtete fortan eine Schwertkampf-Truppe. Nicht lange und er wurde selbst Mitglied dieser Gruppe und besserte sich sein damals noch eher mageres Autoren-Gehalt durch Show-Kämpfe auf Mittelalter-Märkten auf. "Ich hatte Glück und bin nie ernsthaft verletzt worden. Doch trotz Choreographie und viel Training kommt es immer wieder zu Situationen, die sehr gefährlich sind. Als ich bei einem Kampf beinahe ein Auge verloren hätte, habe ich aufgehört. Seitdem ist es nur noch ein Hobby", sagt der Vater von zwei Kindern. Er ist nicht der einzige Autor, der an der Authentizität seiner Kampf-Szenen arbeiten musste. "Viele haben keine Ahnung, was sie da schreiben. Ich versuche, junge Autoren für dieses Thema zu sensibilisieren."

Zwei Nachwuchs-Schriftsteller, die Bernhard Henning derzeit unter seine Fittiche genommen hat, sind Natalie Matt und Silas Matthes. Die beiden arbeiten an einer Jugend-Fantasy-Buchreihe, die im Oetinger34-Verlag erscheinen wird. Auch in den sechs Bänden dieser Reihe wird es vor Kampfszenen nur so wimmeln. Wirklich gekämpft haben die beiden Autoren aber noch nie. "Es ist toll, dass wir jetzt eigene Erfahrungen machen dürfen", sagt Natalie Watt. Und Silas Matthes ergänzt: "Das wird uns beim Schreiben eine große Hilfe sein."

Dem sportlichen 23-Jährigen passt das über fünf Kilo schwere Kettenhemd wie angegossen. "Vorsicht, das ziept an den Haaren, wenn man es überzieht", warnt Bernhard Hennen. Natalie greift zu dem mit gut einem Kilo leichtesten Schwert im Waffen-Arsenal des Uerdinger Autors. Sie trägt ein wattiertes Gewand, das sie vor den Hieben ihres Trainingspartners schützen soll. Ihr Kollege Silas trägt außerdem noch einen Schild, der fast zwei Kilo auf die Waage bringt. "Einen Zehn-Kilometer-Lauf würde ich so nicht machen wollen", meint der angehende Schriftsteller. Sein Mentor lacht.

Natalie und Silas sind vom bloßen Training geschafft. Doch die Reise nach Uerdingen war für die beiden jede Anstrengung wert. Sie wissen beispielsweise jetzt, dass ihre fiktiven Helden nicht wahllos die Schwerter gegeneinander schlagen sollten. Auch das ein bekanntes Motiv aus Filmen. Aber: "Dieses Gegeneinander-Schlagen und Drücken bringt nichts. Das kostet nur unnötig Kraft. Erfahrene Kämpfer umkreisen einander und warten auf eine Lücke in der Deckung ihres Gegners. Dann erst schlagen sie schnell und gezielt zu."

Bernhard Hennen macht einen raschen Ausfallschritt und überrascht Silas Matthes mit einem Schlag gegen sein Knie. "Ist das Knie kaputt, hast du gewonnen. Auch auf lange Zeit gesehen. Denn von solch einer Verletzung haben sich Kämpfer im Mittelalter nie mehr richtig erholt."

(RP)
Mehr von RP ONLINE