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Krefeld: Weihnachten ohne Heimat

Krefeld : Weihnachten ohne Heimat

In Serbien fühlen sie sich verfolgt, in Deutschland werden sie nur geduldet: Mirjana Demilovic und Vasip Rasitovic sind mit ihren drei Kindern über Weihnachten in Krefeld. Das Fest will die christliche Roma-Familie im Flüchtlingsheim feiern.

Auch das ist Weihnachten: Mirjana Demilovic und Vasip Rasitovic werden am heutigen Heiligen Abend im Flüchtlingsheim am Siemesdyk Weihnachten feiern. Den Grill werde man draußen auf der Terrasse anschmeißen, auch an das geborene Christkind denken; für einen Weihnachtsbaum fehle aber das Geld. "Ich habe einen im Baumarkt gesehen, aber der kostete 15 Euro — ohne Schmuck. Das können wir nicht bezahlen", sagt Mirjana Demilovic (26), Mutter von drei Kindern. Mit ihrem Mann Vasip Rasitovic und den Kindern Silvana (8), Sabina (7) und dem kleinen Jovica (4) führt sie ein Leben, das man nicht führen will: In einer Ein-Zimmer-Wohnung mit alten Möbeln lebt sie am Rande eines Krefelder Gewerbegebietes. Sie gehören zur Bevölkerungsgruppe der Roma, die ihre Wurzeln historisch-geografisch in Indien hat, seit mindestens 700 Jahren aber auch über Europa verteilt lebt.

Heimat kann ihnen Krefeld bisher nicht werden. Denn die Familie reist von hier nach dort, lebt zwischen Serbien und Deutschland. 1850 Kilometer sind es von Krefeld in die serbische Stadt Leskovac. Dort gibt es eine große Roma-Siedlung, mit — Stand 2011 — 12 500 Roma. Dahin wolle man jetzt nicht mehr zurück, sagt Mirjana Demilovic. "Meine Kinder sind dort in der Schule nicht sicher, ich habe ständig Angst, dass sie verprügelt werden. Auch um meinen Mann habe ich Angst." Früher, als es noch ein Jugoslawien gab, sei das Zusammenleben friedlicher gewesen. Aber heute habe sich Serbien verändert, sagt die 26-Jährige, die 2010 erstmals nach Deutschland kam. In der NS-Zeit wurden die Roma verfolgt, in manchen europäischen Staaten werden sie nach Darstellung von Flüchtlingsorganisationen immer noch diskriminiert.

Es wird oft vom "fahrenden Volk" gesprochen, wenn von den Roma die Rede ist; die meisten Roma aber, darauf macht die Wissenschaft aufmerksam, sind sesshaft. Auch von "den Roma" zu sprechen, sei irreführend. In den jeweiligen Ländern, in denen sie leben — Südosteuropa, Ostmitteleuropa, Südwesteuropa und Russland — haben sie eigene Traditionen. Wenn sie — wie die Familie Demilovic/Rasitovic — in ein anderes Land gehen, dann immer aus ökonomischen oder sozialen Gründen. Mirjana Demilovic kam vor wenigen Monaten in einem Minibus aus Leskovac. "Ich habe einem Mann 200 Euro gegeben, der hat mich nach hier gebracht", sagte die junge Mutter. Deutschland bietet ihr ein Dach über dem Kopf, eine geregelte Versorgung und Sicherheit. Das reicht Mirjana Demilovic, um mit ihrer Familie immer wieder zu kommen — immer nach Krefeld.

Die Roma-Familie und ihre Suche nach Heimat — man wird an die Umstände von Jesu Geburt erinnert, wenn man über das Schicksal der Roma nachdenkt. Tief religiös ist Mirjana Demilovic nicht. "Aber wir sind Christen", sagt sie. Die Roma haben oft die Mehrheitsreligion des Landes, in dem sie leben — in Serbien leben mehrheitlich orthodoxe und katholische Christen. "Früher, in Serbien, sind wir mit anderen Familien in die Kirche gegangen." In Deutschland noch nie; sie wisse auch nicht, wo es in der Nähe eine gibt.

Es ist also kein Weihnachtsfest nach unserer Tradition, das die Fünf feiern. In ihrem Zimmer im Asylbewerberheim am Siemesdyk sind überall Decken ausgelegt, die Heizung ist hochgedreht, die Familie sitzt im T-Shirt im Sofa. Ihr Alltag besteht in weiten Teilen darin, sich die Zeit zu vertreiben: Kochen, Spazieren, mit Freund auf der Couch sitzen, erzählen. Seit einigen Monaten sind sie wieder in Deutschland — und müssen doch damit rechnen, das Land bald wieder verlassen zu müssen wie so viele Roma, die hier kein dauerndes Aufenthaltsrecht bekommen. In Deutschland haben sie nur den Status "Duldung", das bedeutet: "vorübergehende Aussetzung der Abschiebung". Mirjana Demilovic steht deshalb in Kontakt mit Anwälten. Wie lange sie hier bleibt, könne man nie wissen. "Wir wollen hier bleiben, arbeiten." Das Gesetz erlaube es nicht. "Stattdessen müssen wir jetzt von 900 Euro Sozialhilfe leben."

Ob sie sich wie auf der "Flucht" fühle, wollen wir von Mirjana Demilovic wissen. Doch sie kennt offenbar dieses Wort nicht. Sie denkt an "Flugzeug" und sagt: "Nein, ich bin mit dem Bus gekommen." Eigentlich spricht die Mutter im Gegensatz zum Vater gut Deutsch: Früher sind die Kinder einmal in den Kindergarten Niederbruchstraße gegangen. "Ich habe die beiden begleitet, war oft auch zwei bis drei Stunden bei ihnen. Da habe ich gelernt, Deutsch zu sprechen", sagt die junge Mutter. Wissenschaftler machen darauf aufmerksam, dass erwachsene Roma immer mehrsprachig sind — neben ihrer eigenen Sprache Romanes eignen sie sich immer die Sprache des Landes an, in dem sie leben.

In diesem Jahr hat der Ruf der Volksgruppe Roma noch einmal gelitten. In Deutschland werden die Roma heute oft für kriminelle Delikte und Einbrüche verantwortlich gemacht. Empirisch belegbar ist dies nicht — die Ethnie eines Einbrechers wird bei der Kriminalitätsfeststellung nicht hinterlegt. Mirjana Demilovic sagt: "Nicht alle Roma sind gleich, genauso, wie nicht alle Deutschen gleich sind. Wir sind nicht solche Leute." Ihr Mann und sie würden keine Verbrechen begehen, nicht stehlen. "Solche Leute haben keine Kinder, kein Herz."

Das ständige Reisen, überall unerwünscht sein — es raubt Kraft, und es lässt bei manchem Bewohner am Siemesdyk auch das Gefühl der Verantwortung für den Ort, an dem man gerade ist, verschwinden. Dies kann man im Umfeld sehen: Es gibt dort oft Müllprobleme; da liegen dann Säcke über das Areal verteilt. Im Sommer, wenn jeden Abend gegrillt wird und die Knochen nicht selten in der Pferdekoppel landen, kommen die Ratten. In diesem Umfeld werden die Kinder groß — und doch will Mirjana Demilovic lieber bleiben, als nach Serbien zurück.

Neuerdings hat die junge Mutter wieder eine kleine Hoffnung. Ihre beiden Töchter sollen ab dem 4. Januar 2014 in Krefeld zur Schule gehen — Mirjana Demilovic hofft, dass die Kinder dort schnell Fuß fassen, und dass sie irgendwann dauerhaft Heimat haben.

(RP)