Sonderausgabe Krefeld!: Warum Ihr Krefeld trotzdem mögen solltet

Sonderausgabe Krefeld!: Warum Ihr Krefeld trotzdem mögen solltet

Überbordender Lokalpatriotismus wirkt immer leicht dümmlich - deshalb muss man den realistischen Blick der Krefelder auf ihre Stadt mögen. Hier schreibt ein Immigrant, der jetzt bleibt, und mit diesem Text eine Botschaft sendet: Krefelder, mögt Eure Stadt.

Die ersten Eindrücke von Krefeld sind allesamt an Samstagen entstanden: Als Schüler alle paar Wochen vom nördlichen Niederrhein runter nach Krefeld, am Bahnhof Oppum ausgestiegen, schnelle Pizza Margarita auf der Hand, dann weiter zur Grotenburg. Wir waren alle keine Bayer-Uerdingen-Fans, wir waren aber süchtig nach Bundesliga. Und Krefeld war näher als fast jedes andere Stadion. Sonderlich hübsch fanden wir Krefeld damals nicht. Aber hey: Wir waren 15, wir kamen aus einem Kuhkaff, wir wollten raus in die Welt. Bis Krefeld sind wir immerhin gekommen -hier, wo einem Pizza in Rekordgeschwindigkeit bei einem Zugzwischenstopp geliefert wurde und Sergey Gorlukovich als Turm in der Bayer-Abwehr stand.

Der zweite Eindruck von Krefeld entstand als Student; wir mochten jetzt zusätzlich zum Fußball auch Popmusik, und wenn es in der Kufa gute Konzerte gab, fuhren wir hin. The Walkabouts, Blumfeld, deutscher HipHop - aufregende Abende waren das. Und wir waren neidisch auf die Krefelder, weil die eine so tolle Konzerthalle hatten. Was wir aber damals auch dachten: Der Dießemer Bruch ist eine der hässlichsten Straßen der Welt, um eine Innenstadt zu erreichen.

In den knapp vier Jahrzehnten unseres Lebens haben wir schon in einigen anderen Städten gelebt; darunter leider auch solche, in denen die Bürger mit großer Tümelei auf ihre Heimat blicken. Sie klebten den Namen ihrer Stadt auf das Auto, oder sie trugen Jutebeutel mit einem "I", einem rotem Herz und dem Namen ihrer Stadt. Wir fühlten uns dort nicht wohl, denn als Zugezogener ist es leider schwer, einen überbordenden Lokalpatriotismus zu teilen. Zu viel Herz, zu viel Liebe, zu viel Heimat: Eine Stadt kann doch niemals nur "schön" sein, weil es immer auch hässliche Flecken gibt! Vor ein paar Jahren gab es eine Marketing-Kampagne in Krefeld. Sie hieß "Schön hier". Es verwundert nicht, dass dieses Motto sich nicht durchgesetzt hat; es ist in seiner Beliebigkeit nämlich unübertroffen. Über den reinen Begriff des Schönen kann man diese Stadt nicht erfassen.

Nach sieben Jahren Krefeld sind wir zur Erkenntnis gekommen: Krefeld ist auf eine Weise schön, auf die jede andere Stadt auf diesem Planeten schön ist. Man lernt sie deshalb erst schätzen, wenn man sich auf sie und ihre Bürger einlässt.

Wir fühlen uns hier wohl, weil der Krefelder einen mit seiner Heimatliebe nicht überfällt, weil Krefeld nicht dauernd künstlich einen auf "Schönste Stadt der Welt" macht, weil der Krefelder die Nase nicht so hoch trägt. Er mag zwar seinen Stadtteil, derer es viele hübsche gibt. Wenn es aber um seine Gesamtstadt geht, dann prägt den Krefelder ein angenehm realistischer Blick auf die Heimat. Das ist für "Immis" wohltuend: So wird es einem leicht gemacht, heimisch zu werden. Wäre ja auch langweilig, wenn jeder nur noch im schönen Düsseldorf wohnte; genauso langweilig wie es übrigens wäre, wenn alle nur noch Fan des FC Bayern wären.

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Manchmal - und jetzt kommt das große ABER - ist es fast eine Form von Masochismus, der den Krefelder kennzeichnet. Am besten lässt sich das im Internet beobachten, wo sich in Foren einige Bürger dieser Stadt die Finger blutig schreiben, um in ihrer Heimat wirklich nur alles Schlechte zu sehen. Wenn neue Gebäude entstehen, vereint sich die Internetgemeinde in ihrem ästhetischen Urteil: Hässlich! Jede Netzdebatte über Krefeld gipfelt dann darin, dass irgendwer irgendwann ein Bild des in den Sechzigern abgebrochenen alten Pracht-Hotels "Krefelder Hof" ins Netz stellt, das dort stand, wo sich heute Primark befindet. "So könnte Krefeld heute noch aussehen", heißt es dann. Und dieses Bild befeuert die Ablehnung neu - plötzlich ist alles schlecht, früher war alles besser.

Das nervt!

Ja klar, Krefeld war mal die reichste Stadt Deutschlands. Und wer nicht im Detail auf Krefeld blickt, der sieht den Reichtum nicht mehr. Mantraartig versucht das Stadtmarketing deshalb, das Image Krefelds aufzupolieren, auf die Inseln des Schönen aufmerksam zu machen. Eine Mentalitätsverschiebung hat das bisher nicht bewirkt. Vielleicht hilft deshalb eher der individuelle Blick. Wir sind uns sicher: Jeder Krefelder wird mindestens fünf persönliche Gründe finden, warum er eigentlich gerne hier ist. Sonst wäre er doch schon längst weggezogen. In unserem Fall sind es folgende Argumente: In Krefeld gibt es Wald und Wiese, unsere Kinder haben hier gute Kitas und Schulen, man wohnt bezahlbar, man erlebt tolle Konzerte und erreicht in kurzer Zeit viele Bundesligastadien. Ist das nichts?

Zum Schluss also ein tröstlicher Satz des Ruhrgebiets-Poeten Frank Goosen aus Bochum: "Woanders is auch scheiße." Der Satz klingt hart und vulgär, aber er ist eine Botschaft an all die Krefelder da draußen, die immer wieder Bilder vom "Krefelder Hof" ins Internet stellen. Vielleicht könnt ihr Euch ja zumindest mit diesem Motto anfreunden: "Krefeld, trotzdem schön hier."

(RP)
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