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Walküre mit Sex Appeal im Theater Krefeld begeistert das Publikum

Theater Krefeld : Walküre mit Sexappeal

Ein großer Wagner-Abend im Kleinformat hatte Premiere im Theater Krefeld. Der erste Akt hatte Potenzial für eine ganze Oper. Großartige Interpreten und eine klug arrangierte, symbolträchtige Aufführung begeisterten die Zuschauer.

Das Schicksal donnert mit drei Paukenkesseln. Die sind im Herzen der hinteren Bühne platziert, wo sie den Pulsschlag vorgeben, Erregung, Furcht und Urgewalt rhythmisieren.  Günther Schaffer sitzt mit seinem Schlaginstrument auf einer Sichtachse mit dem verzauberten Schwert, das tief ins Holz einer massiven Tischplatte getrieben ist. Die Waffe, die nur ein Held mit göttlichem Auftrag herausreißen kann, ist der Dreh- und Angelpunkt im ersten Akt von Richard Wagners  „Walküre“, der jetzt im Theater Krefeld Premiere hatte.

Dieser erste Akt hat die Wucht einer ganzen Oper – und trägt allein mit seiner symbolgesättigten Musik, sogar in der sparsam orchestrierten Fassung für drei Stimmen, zwei Klaviere, ein Cello und Pauke. Wagner im Corona-Modus. Doch Sparflamme geht anders. Ulrich Proschkas szenisches Arrangement lodert in schönsten Farben, und das Publikum ist schnell entflammt. Denn die musikalische Qualität hat großes Wagnerformat.

Der Wagner-Kenner Proschka geht mit dem Brennglas an die verhängnisvolle Affäre des Geschwisterpaares Sieglinde und Siegmund, zoomt sich quasi an den Beginn einer verbotenen Leidenschaft heran und verzichtet auf große Effekte drumherum. Er folgt dem Symbol-Jongleur Wagner auf eine in ihrer Augenfälligkeit ebenso klare, wie vielschichtige Spur aus dem Libretto. Proschka hat die Begriffe des Sehens und die Blicke gezählt, ist auf 70 gekommen, und ihm war klar: In der etwa einstündigen Spieldauer geht es in jeder Minute mindestens einmal ums Anschauen. Und zum Ende hin auch ums Erkennen.

 Die Schlüsselszene mit dem Schwert: Sieglinde (Dorothea Herbert) erkennt ihren Zwillingsbruder Siegmund (Markus  Petsch), ihren Retter aus der frustrierenden Zwangsehe.
Die Schlüsselszene mit dem Schwert: Sieglinde (Dorothea Herbert) erkennt ihren Zwillingsbruder Siegmund (Markus  Petsch), ihren Retter aus der frustrierenden Zwangsehe. Foto: Matthias Stutte

 Blicke sind das Leitmotiv, sie müssen sprechen, wo keine Berührungen Leidenschaft ausdrücken dürfen, müssen die Distanz der Körper überbrücken (Corona!). Nichts ist mehr bedeutungslos, jeder Augenaufschlag, jede Geste zählt. Die Begegnungen von Siegmund und Sieglinde strotzen vor Sexappeal, gerade, weil sie ständig ausgebremst werden. Und das Publikum darf nach Herzenslust hören, sehen, deuten.

Ulrich Proschka schwebte eine „musikalische Nahaufnahme des Geschwisterpaares“ vor, eine Ibsen-artige Darstellung einer freudlosen, erzwungenen Ehe. Das ist gelungen.

Die Bühne vor den Musikern hat Udo Hesse klug dafür eingerichtet: zwei schmale Türen einander gegenüber verweisen auf Wagners berühmtes Spiegelmotiv, ein paar schmucklose Stühle und im Zentrum ein massiver, den Raum beherrschender Holztisch mit Schwert. Ein Zuhause mit Frösteltemperaturen, wo die Frau dem ungeliebten Mann aus dem Weg geht und das Schwert, das der Hausherr  selbst zu ziehen nicht vermag, die stete Warnung darstellt, dass vielleicht noch ein Supermann kommen wird, mit dem sich alles ändert. Alles ist steril. Die Handschuhe der Bewohner haben antiseptischen Mehrwert.

Die Akteure sind grandios: Dorothea Herbert ist eine Sieglinde, vor der man niederknien möchte. Mit großer, warm-timbrierter Stimme und innigem Spiel entzieht sie sich den Ansprüchen ihres Mannes. Verloren pflegt sie das Schwert, poliert es und hüllt es in Stoffwickel. Dass auch die Desinfektion von Requisiten den Corona-Schutzauflagen geschuldet ist, ist längst vergessen. Das Leuchten, das der fremde Gast ihr entlockt, und das Strahlen, als sie in ihm den verlorenen Bruder erkennt, setzt sie mit stimmlichem Glanz um. Markus Wippich ist ein dezent unterkühlter Hunding, der sich seiner Autorität bewusst ist und in seinem Haus per Fingerschnipps und Kopfnicken Befehle erteilt. Sein markiger Bass  ist eine Bank. Düsteres Drohen hüllt er in satten Klang Als Siegmund macht Markus Petsch eine stattliche Figur. Sein Tenor hat Brillanz. Wenn er mit großem Atem zu „Wälse, Wälse, wo ist mein Schwert“ anhebt, füllt er den Theaterraum bis unters Dach. In Krefeld wabert Hügel-Atmosphäre.

Andreas Fellner dirigiert nur vier Musiker, doch die erfüllen ihre Orchesterfunktion: Markus Preiser und Erik Alvarez je an einem Flügel, Cellist Konrad Philipp und Günther Schaffer (Pauke) lassen es gewittern, das Liebesmotiv schillern oder Verhängnis dräuen. Eine Lichtwand wetterleuchtet im Hintergrund, grünt zum Frühling der Gefühle, wird blutrot in der Schwertszene und öffnet sich zum Finale symbolträchtig. – Viele Bravi und langer Beifall des Publikums  danken für einen großen Wagner-Abend im Kleinformat.