Krefeld: Vorwurf: Missbrauch in Waldorf-Kita

Krefeld : Vorwurf: Missbrauch in Waldorf-Kita

In einer Krefelder Kindertagesstätte soll eine Heilpädagogin Jungen sexuell missbraucht haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, der Kita-Vorstand weist die Vorwürfe zurück. Ein Gutachten stützt die Version der Kinder.

Eine Heilpädagogin in der integrativen Gruppe des Waldorf-Kindergarten Kaiserstraße soll Kinder in Krefeld über Monate sexuell missbraucht haben. In der Kita-Gruppe soll es außerdem fragwürdige bis strafrelevante Erziehungsmethoden gegeben haben, auch durch die ehemalige Gruppenleiterin. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sind schon fortgeschritten: Dutzende Zeugen wurden gehört, die Waldorf-Kitas Kaiserstraße und Kreuzbergstraße wurden durchsucht — ohne Ergebnis.

Eine gutachterliche Befragung von zwei betroffenen kleinen Jungen verstärkt jetzt aber den Verdacht. Im Gutachten, das die Staatsanwaltschaft in Auftrag gegeben hat, heißt es abschließend, dass im Gesamtergebnis Daten vorlägen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ohne realen Erlebnisbezug nicht von den befragten Jungen hätten vorgebracht werden können — das bedeutet, dass der Missbrauch wahrscheinlich ist.

Es sind ungeheuerliche Vorwürfe gegen die Heilpädagogin Estella V.*, die außerdem zwei integrative Pflegekinder zu Hause hat. Sie soll die Kinder immer wieder unsittlich berührt haben.

Der zweiten Frau, der Gruppenleiterin Sophia R.*, wird vorgeworfen, Kinder absichtlich im Gesicht verletzt und körperlich gezüchtigt zu haben. Die inzwischen angezeigten Taten sollen sich zwischen Dezember 2010 und Februar 2012 ereignet haben. Nach den gutachterlichen Befragungen der Kinder ist nicht ausgeschlossen, dass es noch mehr Fälle gibt. Die Leitung des Waldorf-Kindergartens sowie Vorstandsmitglieder sollen von Eltern ebenfalls frühzeitig über die Vorfälle unterrichtet worden sein, aber lange nicht reagiert haben.

Der Rudolf Steiner Waldorfkindergarten Krefeld, der an der Kaiserstraße mit insgesamt vier Gruppen vertreten ist, nahm auf Anfrage unserer Zeitung gestern schriftlich Stellung, unterzeichnet mit "Der Vorstand", ohne einen konkreten Namen. In dem Schreiben wird bestätigt, dass Ermittlungen laufen; weiter schreibt der Vorstand: "Bei den Kindern handelt es sich um integrative Kinder, zu deren besonderen pädagogischen Problemlagen wir aus Gründen des Datenschutzes und der Verschwiegenheitspflicht uns nicht äußern dürfen. Die seitens der beiden Elternhäuser erhobenen Vorwürfe wurden unsererseits geprüft und ausdrücklich zurückgewiesen." Sowohl Jugendämter als auch der Elternrat der Kita seien über die Vorwürfe informiert worden. Der Waldorf-Vorstand hat im Gegenzug Strafanzeige gegen die Eltern gestellt. "Wir sind sicher, dass die Unbegründetheit der Behauptungen der beiden Eltern und die Unschuld der Mitarbeiterin im laufenden Ermittlungsverfahren bewiesen werden", heißt es.

Wie unsere Zeitung erfuhr, hat die Polizei am 22. Juni 2012 einen Durchsuchungsbeschluss erhalten. Die Staatsanwaltschaft wollte sich zu diesem Sachverhalt nicht äußern, sie verwies auf laufende Ermittlungen. Fest steht: Die Behörde hat am 20. August 2012 Glaubwürdigkeitsgutachten von drei Kindern in Auftrag geben lassen, zwei liegen seit dem 7. November 2012 vor. Das weitere Gutachten soll folgen, wie die Staatsanwaltschaft bestätigte.

Die Gutachterin hat in mehreren Gesprächen nach den Erfahrungen der beiden Kinder gefragt. So berichtete einer der Jungen, dass er im dunklen Keller der Kita eingesperrt wurde. Die Leiterin Sophia R. habe ihm gesagt, dass er den Keller nicht verlassen könne, weil vor der Tür eine Schlange als Wächterin der Kita warte; diese fresse Kinderfleisch.

In dem Gutachten ist auch von weiteren fragwürdigen Erziehungsmethoden die Rede: So sollen Kindern die Knöchel gegen einen Schrank geschlagen worden sein, außerdem soll die Heilpädagogin Kindern mit den Händen vor dem Gesicht rumgefuchtelt und angedroht haben, sie zu kratzen. Eine Strafe war demnach auch, dass Kinder auf dem Tisch stehen und für Vergehen um Verzeihung bitten müssen.

Die Gruppenleiterin Sophia R. (56) ist inzwischen nicht mehr in Krefeld tätig, gab aber an, bei einer anderen Waldorf-Einrichtung tätig werden zu wollen. Estella V. (47) soll mit ihrem Mann auch privat Pflegekinder in der Betreuung haben, vermittelt worden sein sollen diese vom Jugendamt. Die Frau hat sich in Krefeld privat über das Internet auch als Tagesmutter angeboten.

Die Krefelder Stadtverwaltung teilte gestern auf Anfrage mit, über die Vorwürfe gegen die Heilpädagogin informiert zu sein: "Das Jugendamt kümmert sich mit allen ihm möglichen Mitteln darum, die für das Kindeswohl gebotenen und erforderlichen Hilfen und Maßnahmen auszuschöpfen. Dazu stehen die städtischen Mitarbeiter in engem Kontakt zu Familiengericht und anderen Verfahrensbeteiligten", sagte ein Stadtsprecher. Man sei darüber hinaus an die Entscheidungen der Familiengerichte gebunden.

Auch nach dem Wechsel der Gruppenleitung soll es noch zu Fällen von fragwürdigen Erziehungsmethoden gekommen sein, berichten Personen, die in jüngerer Zeit Einblick in den Tagesablauf des Kindergartens hatten.

* Die Namen sind von der Redaktion geändert worden.

(RP/jco/csi)