Krefeld: Vor 50 Jahren: Erste Jazz-Klänge in der Kirche

Krefeld: Vor 50 Jahren: Erste Jazz-Klänge in der Kirche

In der Lukaskirche in Gartenstadt wird am Samstag der Jazz-Gottesdienst vom März 1963 – einer der ersten überhaupt – wiederholt. Damals riefen die "Darktown Strutters" zuvor vom Kirchturm mit Dixieland-Musik zum Gottesdienst.

In der Lukaskirche in Gartenstadt wird am Samstag der Jazz-Gottesdienst vom März 1963 — einer der ersten überhaupt — wiederholt. Damals riefen die "Darktown Strutters" zuvor vom Kirchturm mit Dixieland-Musik zum Gottesdienst.

Die Krefelder „Darktown Strutters“ im Jahr 1964 (v.l.): Werner van Well, Lutz Windheuser, Walter Maßen, Michael Diek, Karl-Heinz Uhlig und unten Jürgen Steckmann. Foto: Lammertz, Thomas

Das war damals eine Revolution: Eine Jazzband spielte in einem Gottesdienst! Ebenso ungewöhnlich war, dass das Fernsehen im März 1963 nach Gartenstadt kam, um den Gottesdienst mit eingedeutschten Gospels und Spirituals aufzuzeichnen und darüber zu berichten. Auch die Illustrierte "Revue" widmete dem Ereignis mit der Krefelder Dixieland-Band "Dark-town Strutters" und dem damals sehr bekannten Sänger Kenneth Spencer in der Lukaskirche einen Bericht. Am kommenden Samstag, 9. März, fast auf den Tag genau 50 Jahre später, gibt es ein Revival: Wieder gestalten die "Darktown Strutters" den Gottesdienst um 18 Uhr mit den damaligen Liedern.

Fünf Monate vor dem besagten Gottesdienst hatten die "Darktown Strutters" — der Name kommt von einem nachkarnevalistischen Umzugsbrauch in New Orleans — in der Lukaskirche auf Initiative des damaligen Pastors Hellmut Coerper sogar den allerersten Jazz-Gottesdienst in Krefeld mitgestaltet. "Das war gleichzeitig erst der zweite Gottesdienst dieser Art in ganz Deutschland", erinnert sich Karl-Heinz Uhlig, der Klarinettist der Band. "Damals haben wir anstelle des Glockengeläuts auf dem heute nicht mehr existierenden Turm einige Jahre lang mit Dixieland-Klängen zu den Gottesdiensten gerufen."

Die Idee für das Revival ergab sich im Herbst vergangenen Jahres aus dem 50-jährigen Dienstjubiläum Uhligs als Kirchenmusiker in St. Hubert. Bei der Gelegenheit bekam Uhlig eine CD mit der Aufnahme des 1963er Gottesdiensts geschenkt: "Diese CD lag bei mir zu Hause auf dem Tisch, als zufällig Walter Maßen, unser alter Posaunist, zu Besuch kam und die alte Revue mit dem Bericht mitbrachte. Als wir die beiden Dokumentationen vor uns sahen, war die Idee geboren."

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Uhlig setzte sich mit dem zuständigen Pastor der Evangelischen Kirchengemeinde Krefeld-Nord, Christoph Tebbe, in Verbindung, der sofort von der Idee begeistert war. "Mit unserer seit einem Jahr bestehenden Reihe des ,Klangvollen Gottesdiensts' an einem Samstagabend im Monat fand sich dann auch ein sinnvoller Platz für die Realisierung dieses Jazz-Gottesdiensts", sagt der Pastor. Dabei gehe es ja nicht um die Moderne um ihrer selbst willen, sondern darum, die Musik des Alltags, also die Lebenswelt der Menschen in die Kirche zu holen.

Nicht weniger begeistert als Pastor Tebbe waren die Musiker-Kollegen, die sich für die Proben zu dem Gottesdienst nach 40 Jahren erstmals wiedergesehen haben. In Originalbesetzung spielten die "Dark-town Strutters" — damals Krefelds bekannteste Amateur-Dixieland-Band neben den Basin Street Jazzmen — bis Mitte der 60er Jahre zusammen. In wechselnden Besetzungen ging es dann bis in die späteren 70er Jahre noch weiter.

"Diese Musik geht immer zu Herzen; dann kommen Stimmung, Rührung und Freude auf", sagt Banjo-Spieler Lutz Windheuser. Und so wird es am Samstag um 18 Uhr unter demselben Titel wie vor 50 Jahren "Gottesdienst und Jazz" heißen. Gesungen werden mit der Gemeinde die drei Lieder, die die "Darktown Strutters" auch damals zum Gottesdienst beigetragen hatten: "Hilf, Herr meines Lebens", "Du, Herr, gabst uns Dein festes Wort" und "Down by the Riverside". Anschließend gibt die Band noch ein kleines Konzert mit alten Standards aus ihrem Repertoire.

Die Gemeinde hat übrigens schon Resonanz gezeigt: "Viele Leute, die den Gottesdienst damals miterlebt haben, kommen auch am Samstag wieder", hat Pastor Christoph Tebbe erfahren. Aus den Reihen der Musiker haben sich sogar vier Generationen angekündigt, darunter Walter Maßens 95-jährige Schwiegermutter.

(RP/rl)
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